Ärzte Zeitung, 11.09.2012
 

Komasaufen

Prävention in der Kritik

In Deutschland gibt es 208 Projekte zur Alkoholprävention bei Jugendlichen. Das Problem: Die Programme werden kaum auf Wirksamkeit überprüft. Forscher üben jetzt scharfe Kritik. Die BZgA weist sie zurück.

Von Ilse Schlingensiepen

Viel hilft nicht immer viel: Kritik an Präventionsprogrammen gegen Komasaufen

Alkohol und Freizeit - für viele Jugendliche gehört das zusammen.

© dpa

KÖLN. In Deutschland gibt es zwar viele Präventionsmaßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen, aber bei fast keiner ist untersucht worden, ob sie auch wirkt.

Nach einer aktuellen Untersuchung liegt bei gerade einmal zwei von bundesweit 208 erfassten Projekten eine gesicherte Evidenz zur Wirksamkeit vor. Und auch ihre Ergebnisse sind nicht wirklich überzeugend.

"Insgesamt lässt sich feststellen, dass eine wirksame und nachhaltige Verhaltensänderung des Risiko-Alkoholkonsums durch die Präventionsprogramme anhand der vorgelegten Evaluationsstudien nicht zu beobachten sind", schreibt Studienautor Dr. Dieter Korczak.

"Die Ergebnisse sind absolut ernüchternd", sagt Korczak der "Ärzte Zeitung". Er ist Geschäftsführer der GP Forschungsgruppe am Institut für Grundlagen- und Programmforschung in München.

Korczak hat im Auftrag des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) ein Health Technology Assessment (HTA) zur Wirkung deutscher Alkoholpräventionsprojekte erstellt.

Der Bericht ist die Ergänzung zu einem HTA-Bericht der Forschungsgruppe aus dem Jahr 2011, der weltweit Maßnahmen zur Prävention des riskanten Alkoholkonsums untersucht hatte.

Ernüchternde Ergebnisse

Nach dieser Studie gibt es nur wenige Maßnahmen, die Häufigkeit oder Menge des Alkoholkonsums bei Kindern und Jugendlichen dauerhaft reduzieren.

Als wirksam hatten sich Familieninterventionsprogramme und die personalisierte computergestützte Intervention in Schulen und Universitäten ergeben.

Kampagnen in Massenmedien und die allgemeine computergestützte Prävention in Schulen zeigten dagegen nicht die erwünschten Effekte.

In die Erhebung konnten die Wissenschaftler nur drei evaluierte Projekte aus Deutschland einbeziehen. "Deshalb wollten wir sehen, ob es hier nicht doch Evaluationen gibt, die aber nicht veröffentlicht wurden", erläutert Korczak.

Das ist aber nicht der Fall. Noch nicht einmal die Hälfte der 208 Projekte ist überhaupt evaluiert worden. Gibt es eine wissenschaftliche Auswertung, handelt es sich in 80 Prozent der Fälle um eine Struktur- oder Prozessevaluation.

"Wirksamkeitsprüfungen sind dagegen das entscheidende Instrument für die Bewertung von Präventionsmaßnahmen", schreibt Korczak im Bericht.

Die Ergebnisse seien angesichts der Summen, die in Deutschland in Maßnahmen zur Alkoholprävention fließen, umso ernüchternder. "Die Wirtschaftlichkeit des Einsatzes der für Alkoholprävention aufgewendeten Millionenbeträge ist nicht evaluiert, auch nicht das Kosten-Nutzen- oder Kosten-Wirkungsverhältnis."

In Zukunft müssen neue Präventionsprojekte unbedingt evaluiert werden, bevor man sie mit viel Geld in der Fläche ausrollt, fordert Korczak.

Auch reiche es nicht aus, mit den verschiedenen Maßnahmen auf einen Wissenszuwachs bei den Kindern und Jugendlichen zu zielen. "Entscheidend ist, dass eine Verhaltensänderung erreicht wird."

BZgA hält dagegen

Michaela Goecke, Leiterin des Suchtreferats bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), hält eine Pauschalkritik an den Präventionsmaßnahmen in Deutschland für unbegründet.

"Wir sind mit der Alkoholprävention sicher noch nicht am Ende, aber man kann auch nicht sagen: Bisher ist sie ohne Wirkung geblieben." Auch Goecke hält es für sinnvoll, die Evaluation in diesem Sektor auszuweiten.

Allerdings legt Korczak ihrer Ansicht nach eine zu hohe und nicht passende Messlatte an. "Es ist fraglich, ob randomisierte Kontrollstudien im Präventionsbereich immer sinnvoll sind", sagt sie.

Die BZgA untersuche alle Maßnahmen, die Teil einer Kampagne sind, auf Akzeptanz, Verständlichkeit und Wirksamkeit bei der Zielgruppe. Letztendlich müsse die Verhaltensänderung das Ziel von Prävention sein, darin stimme sie Korczak zu.

Man müsse aber realistisch einschätzen, was eine Maßnahme in einem bestimmten Zeitraum überhaupt bewirken kann. "Langfristig muss es die Strategie der Prävention sein, über den Wissenszuwachs eine Einstellungsänderung und dann eine Verhaltensänderung zu bewirken", betont Goecke.

Die Repräsentativbefragungen der BZgA zeigten, dass der Trend beim riskanten Alkoholkonsum von Jugendlichen in die richtige Richtung gehe.

Der HTA-Bericht "Föderale Strukturen der Prävention von Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen" kann unter tinyurl.com/c3873pv runtergeladen werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Prävention ist kein Selbstläufer

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