Ärzte Zeitung, 17.12.2012

Leitartikel zur Prävention

Ein Wunschkatalog ist noch keine Strategie

Lange, viel zu lange hat es gedauert, bis sich die Koalition auf ein Papier zur Präventionsstrategie geeinigt hat. Damit ist die Chance vertan, noch in dieser Legislaturperiode einen neuen gesamtgesellschaftlichen Anlauf zu unternehmen.

Von Helmut Laschet

Ein Wunschkatalog ist noch keine Strategie

Die Regierungskoalition verschreibt sich der Prävention.

© Gabriele Rohde / fotolia.com

"Es ist ein Quantensprung für mehr Investitionen in Gesundheit statt in die Therapie von Krankheiten", resümiert der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Johannes Singhammer die Anstrengungen der Koalition zum Entwurf einer Präventionsstrategie.

Bei präziser Verwendung der deutschen Sprache hat Singhammer Recht: Danach ist ein Quantensprung die kleinste nicht infinitesimale Veränderung, die sich physikalisch auf atomarer Ebene abspielt.

Aber wahrscheinlich hat der CSU-Politiker etwas anderes gemeint: einen großen Sprung nach vorn, der vom Volksmund, leider falsch, oft als Quantensprung bezeichnet wird.

Tatsächlich entbehrt das 16-seitige Papier fast alles, was eine Strategie ausmacht: neben dem Wollen oder Wünschen auch das Können, das Machen und das Erreichen. Also den Weg zu definierten Zielen hinreichend präzise und operational zu beschreiben...

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[17.12.2012, 22:19:30]
Dr. Bernhard reiß 
Wunschkatalog- na und?!
Es ist Weihnachtszeit. Und da wünscht sich der gemeine Deutsche was. Und dann sieht er mal, was er tatsächlich bekommt. Das ist im Gesundheitswesen genauso. Ein riesiger Wunschkatalog. Patienten wollen Topbehandlung zum Nulltarif. Und die Krankenkasssen wollen das auch. Die Ärzte wollen mehr Geld für weniger Arbeit. Das heißt jetzt "life time balance". Und die Politik will halt eine gesündere Bevölkerung. Nun hat sich die CDU/FDP mal was überlegt. Das ist mehr, als die uns sicher noch allen in Erinnerung befindliche Frau Schmidt geschafft hat. Das Gezerre ist sicher groß gewesen. Denn auch hier hat sich jeder was gewünscht. Fragt sich jemand, ob wir ein Gesundheitswesen haben? Obwohl das die Mutter der Wunschkataloge ist? Nein.Natürlich haben wir ein gesundheitswesen! Es gibt viele Unzulänglichkeiten. Und trotzdem werden täglich Millionen von Menschen gut und umfassend behandelt. Daran gibt es doh sicher keinen Zweifel. Ob das neue Vorhaben "Pravention" nun alle Wünsche befriedigt oder nicht, bleibt abzuwarten. Und natürlich legt Herr Laschet die Finger zurecht auf die offenen Wunden. Wie man´s besser macht ist aber nicht einfach damit zu beantworten, daß man halt mehr Geld bräuchte, ob Private oder der Bund mit im Boot sein müssen. Der einzige Kritikpunkt ist doch, ob das Geld gut angelegt ist. Schaut man sich die neuesten Studien an, dann bringt Prävention nicht viel. Wozu also die Aufregung?? zum Beitrag »
[17.12.2012, 17:07:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Heisenberg' sche Unschärferelation?
Herzlichen Dank für diesen Kommentar! Vom infinitesimal kleinen, inneratomaren "Quantensprung" ist es nicht weit zur "Heisenberg' schen Unschärferelation". Und davon hat der Koalitionsentwurf einer Präventionsstrategie mehr als genug.

Statt die Speerspitze der aktiven Prävention, die Haus- und Fachärzte mit ihren Praxismitarbeitern, zu fördern und zu fordern, versucht man, an qualifizierten Vorsorgedienstleistern vorbei zu agieren. Mit obskuren Beratungs-Hotlines, E-card-Klimmzügen, GKV-Kursen für Befindlichkeitsgestörte, Selbsthilfegruppen für Besserwisser, evidenzfreien Hochglanzbroschüren, undifferenzierter BZgA-Förderung und gesprächstherapeutischer Verständnisheuchelei versucht die Koalition von Schwarz-Gelb davon abzulenken, dass bei gesundheitsgefährdenden und krankmachenden Lebens-, Arbeits-, Verhaltens- und Umweltbedingungen es nicht alleine um Prävention im Sinne von Vermeiden, Verhindern und Zuvorkommen (lat. praevenire) geht.

Die fraktionsübergreifend gesundheitspolitischen Spaßbremsen haben bis heute nicht verstanden, dass Gesundheitsförderung und Krankheitsverhinderung nur mit positiven Anreizen und Signalen, mit Freude, Lust und Liebe funktionieren kann. Fit und munter sein, Bewegungsfähigkeit, Spannkraft und Gesundheit ausstrahlen, bio-psycho-soziale Kompetenz, Vitalität, Offenheit und Lebensfreude vermitteln gelingt nur, wenn Anamnese, Untersuchung, Beratung, Diagnose und Analyse von Risikofaktoren in einem positiven Kontext ablaufen.

Was würde übrigens passieren, wenn das Rauchen aufgegeben, Sport und Bewegung statt Autofahren betrieben, moderate Nahrungsaufnahme und maßvoller Alkoholkonsum genossen, Fußball selbst gespielt statt geglotzt würden? Wenn u. a. den gesundheitsgefährdenden Motor- und Flugsportarten Achtsamkeit, Toleranz und Respekt entzogen würden? Wenn die Grenzen des Wachstums bei Flug- und Autoverkehr, Energie und Umwelt erkannt würden?

Innerhalb weniger Monate würde der Staatshaushalt mangels Steuereinnahmen pleitegehen! Manche unserer Patientinnen und Patienten könnten in Würde und Alltagskompetenz altern. Aber zugleich würden Krankheit, Krebs, Behinderung, Siechtum, Altersschwäche, Demenz und Tod nicht von der Bildfläche verschwinden, denn durch sie ist menschliches Leben und Sterben auch entscheidend geprägt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[17.12.2012, 16:48:37]
Dr. Karlheinz Bayer 
Danke!

Endlich mal jemand, der weiß, was ein Quantensprung ist. zum Beitrag »

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