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Ärzte Zeitung, 19.10.2015

Dickes Problem Adipositas

Der Einfluss von Ärzten ist begrenzt

Im Kampf gegen die immer weiter fortschreitende "Adipositas-Pandemie" rufen Experten jetzt nach einer gesamtgesellschaftlichen Strategie: Den Einfluss der Ärzte halten sie für wichtig, aber begrenzt.

Von Angela Mißlbeck

Der Einfluss von Ärzten ist begrenzt

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen Deutschen ist übergewichtig. Jeder Vierte bis Fünfte von ihnen gilt sogar als adipös.Experten fehlt bislang eine umfassende Strategie, wie die Zahl der Betroffenen gesenkt werden kann.

© Africa Studio / fotolia.com

BERLIN. Vor einer neuen Pandemie warnt die Deutsche Adipositas Gesellschaft mit Blick auf die steigende Zahl stark übergewichtiger Menschen.

Hält der aktuelle Trend an, erwarten die Experten im Jahr 2025 bereits 177 Millionen Menschen mit schwerem Übergewicht weltweit. Insgesamt werden den Schätzungen zufolge dann 2,7 Milliarden Menschen auf der Erde von Übergewicht betroffen sein.

Professor Jürgen Ordemann, Adipositas-Chirurg an der Berliner Uniklinik Charité, spricht von einer Zeitenwende: "Weltweit sterben mehr Menschen an Übergewicht und den Folgen als an Hunger", sagte er bei der Jahrestagung der Deutschen Adipositasgesellschaft (DAG) in Berlin.

Adipositas-Chirurgie "keine Lösung für die Pandemie"

Die Adipositas-Chirurgie könne den Betroffenen beim Abnehmen helfen. Sie sei zwar "keine Lösung für die Pandemie, aber eine Lösung für den Einzelnen". Dafür gebe es eine klare Evidenz.

Ordemann kritisierte, dass in keinem Land Europas so wenig Adipositas-Patienten operiert würden wie in Deutschland. Das liege nicht am fehlenden Bedarf. "Das liegt daran, dass der Zugang zu der Operation so schwierig ist."

Diesen Patienten werde eine nachgewiesene Therapie vorenthalten, so Ordemann. Ähnliche Kritik hatte der Adipositas-Experte der CDU im Bundestag, Dietrich Monstadt, geäußert (wir berichteten).

Der GKV-Spitzenverband verweist dagegen darauf, dass chirurgische Eingriffe, wie etwa die Implantation eines Magenbandes die Ultima Ratio bei der Therapie von Adipositas seien.

"Nicht jeder übergewichtige Patient, der sie will, wird eine solche Therapie erhalten", teilte eine Sprecherin der "Ärzte Zeitung" auf Anfrage mit. Die Eingriffe seien an bestimmte, strenge Bedingungen geknüpft.

"Vor Indikationsstellung sollte wenigstens eine einjährige konservative Behandlung nach definierten Qualitätskriterien stattgefunden haben", so die Auffassung des GKV-Spitzenverbands.

Alternativen immer prüfen!

Zudem müsse vor einer Operation geprüft werden, ob auch andere Verfahren als Alternativen möglich seien, wie Diäten, Bewegungstherapie, medikamentöse Behandlung oder Psychotherapie.

Die Kassenverbands-Sprecherin verwies auf das Engagement der Krankenkassen in der Prävention. Auch das hatte der Gesundheitspolitiker Monstadt als unzureichend kritisiert. Er forderte eine Nationale Adipositas-Strategie, für die ein ressortübergreifender Adipositas-Beauftragter eingesetzt werden sollte.

Auch Adipositas-Experten fordern gesamtgesellschaftliche Anstrengungen in der Prävention von Übergewicht. "Wir werden die Adipositas-Epidemie nur mit Hilfe der Politik eindämmen können, denn wir haben es mit einem komplexen, gesamtgesellschaftlichen Phänomen zu tun", sagte DAG-Präsident Professor Martin Wabitsch.

Der Kinderarzt verwies darauf, dass nicht Kinder, sondern vor allem junge Erwachsene zunehmend unter Übergewicht und Adipositas leiden. Er forderte daher auch, dass Schulungsprogramme der Krankenkassen - wie es sie für Kinder gibt - auch für Erwachsene bezahlt würden.

Bei der Prävention misst er Ärzten zwar eine wesentliche Rolle zu. "Aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt", sagte Wabitsch. Die Lösung liege nicht beim Individuum. Die "adipogene Gesellschaft" müsse sich ändern.

[19.10.2015, 22:08:27]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Jürgen Ordemann hat natürlich recht, da hilft kein allgemeines bla bla der GKV.
Ich kann als Arzt heute sowieso nicht "die Gesellschaft" ansprechen, sondern immer nur einen konkreten Menschen. Bitte nicht permanent so viele Entschuldigungen für übermäßiges Essen präsentieren.
Und wenn das mit den vielen "konservativen Maßnahmen nicht hift, so viele sind das auch wieder nicht, wenn auch zu viele, dann hilft die Operation sehr eindrucksvoll.
Das "Magenband" ist dabei eher überholt, wenn man schon ins Detail gehen will. Die "deutsche Blockade" von sinnvollen Operationen bei BMI >40 bringt mehr Krankheit und Todesfälle und mehr Kosten, nicht weniger, liebe GKV. Sie zeigt mit ihrer Ablehnung nur ihre mangelnde Kompetenz.

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[19.10.2015, 19:40:57]
Dr. Karl-Otmar Stenger 
EU-Zuckermaktpolitik nicht an WTO, sondern an WHO orientieren.
Gerade drang an die Öffentlichkeit, dass die EU-Gremien schon vor einiger Zeit die Liberalisierung der Zuckermaktordnung (ZMO) beschlossen hatten. Demzufolge fällt (auf Druck der WTO) zum 1.10.2017 die Quotenregelung der ZMO weg. Aus dem EU-Parlament verlautet, dass mit einer Zunahme der Zuckerimporte in die EU zu rechnen ist (wobei ein Anstieg des Anteils von Isoglukose vorwiegend aus den USA von jetzt unter 5% auf 30% erwartet wird).
Anfang des Jahres 2015 gab die WHO erneut die Warnung heraus, dass der Konsum von Zucker weltweit deutlich zu hoch sei. Ein Konsum von bis zu 5% des Kalorienbedarf in Form von Zucker sei für die Gesundheit mittel bis langfristig noch unbedenklich. Bezogen auf die über 500 Mio. EU-Bürger bedeutet das, dass 4 Mio. Tonnen Zucker pro Jahr zu konsumieren noch akzeptabel ist. Nun sind aber bereits jetzt 17 Mio. Tonnen Zucker pro Jahr in der ZMO eigeplant. In der Sendung Frontal 21 vom 8.9.2015 erklärte der Sprecher des EU-Agrarkommissars, dass die Entscheidung, den Zuckermarkt der EU zu liberalisieren, nicht mit Verbraucherschutz oder Gesundheitspolitik zu tun habe.
Als Konsequenz einer deratigen Ignoranz bliebe nur übrig, dem EU-Agrarkommissar das Vertrauen zu entziehen und das Instrument ZMO z. B. dem Gesundheitsresort zuzuschlagen. Vor allem muss die EU endlich deutlich machen, dass sie das Quantum an Zucker, was sie den EU-Bürgern zu konsumieren zumutet, auf ein gesundheitlich unbedenkliches Maß senkt. Bei Präsentation wissenschaftlich hinreichender Expertise - dazu müssen sich die medizinischen Fachgremien durchringen - kann die WTO die EU nicht wieder verurteilen. Als Vorbild sei die für Frankreich positive Asbestose-Entscheidung der WTO aus 2002 genannt, nachdem Kanada Frankreich verklagt hatte.
Wie auch immer  zum Beitrag »
[19.10.2015, 18:46:10]
Dr. Karl-Otmar Stenger 
Gutachter wissen nicht, was krankhafte Adipositas wirklich bedeutet, und verhindern bariatrische Operationen
Bevor ich Kritik an Entscheidungskriterien zur Genehmigung von Anträgen auf bariatrische Eingriffe übe, möchte ich den MDK-Begutachtungsleitfaden auszugsweise zitieren: Kriterien laut G-BA: BMI > 40 kg/m2 oder > 35 kg/m2 mit erheblichen Begleiterkrankungen; Er-
schöpfung konservativer Behandlungsmöglichkeiten ...
Konservativer Therapie der Adipositas: Zur Behandlung werden primär konservative Methoden wie Ärztliche Beratung, Diätetik, Bewegungs-/Trainingstherapie, Verhaltenstherapie und Lebensstilmodifikation, sowie Arzneimittel oft in Kombination, bzw. in strukturierten Programmen eingesetzt.
Bewegungstherapie:
Hier ist der Nachweis besonders schwierig. Soweit über keine Bewegungs-
therapie oder Steigerung der Aktivität berichtet wird, ist auf die Mitgliedschaft und Teilnahme in einem Sportverein, Fitnessklub, Volkshochschule, oder vergleichbaren Strukturen (z. B. Wassergym-
nastik) zu verweisen (Eigenverantwortung gemäß § 1 SGB V). Gibt der Patient eine regelmäßige sportliche Betätigung an, zumindest 2 Stunden/Woche [11] im Sinne von z. B. Walking, Schwimmen oder Radfahren, ist dies grundsätzlich nicht in Zweifel zu ziehen. Bei Ausübung einer beruflichen Tätigkeit, die mit körperlicher Anstrengung verbunden ist (z. B. Landwirt, Bauarbeiter, Metzger), kann die Bewegungstherapie als erfüllt betrachtet werden[27].
Meine Kritik auf der Basis verfügbaren Wissens: Bei krankhafter Adipositas liegt eine komplexe Stoffwechselstörung vor, die bereits derart fortgeschritten ist, dass der Patient einen großen Teil seiner ursprünglich vorhandenen Mitochondrien verloren hat. Daraus folgt, dass der krankhaft adipöse Patient nur unzureichend Energie in seiner Muskulatur erzeugen kann und schon nach kurzfristiger körperlicher Anstrengung sind seine Energiereserven erschöpft. Er bekommt Hunger und nimmt Nahrung zu sich, die aber weniger in Energie als vielmehr in Fett umgewandelt wird. Das ist darauf zurückzuführen, dass der Besatz der Körperzellen im Magen-Darm-Trakt mit Fruktokinase C bereits abnorm angewachsen war, was nach Nahrungszufuhr die Produktion von Harnsäure steigert, der Grundbedingung für die Fettsynthese. Auch hatte sich schon der Kohlenhydratstoffwechsel durch Aktivierung des Polyol-Stoffwechselwegs entscheidend verändert: Im Blutkreislauf ist ständig Fruktose vorhanden, selbst bei Fruktose-freier Ernährung.
Folgender Befund spricht für die Bedeutung dieser Stoffwechselvorgänge: Nach Ausschalten eines Teils des Dünndarms mittels "Roux-en-Y gastric bypass" besserte sich in den meisten Fällen unmittelbar post-op. die Stoffwechsellage beim Patienten, der noch nichts an Gewicht verloren hatte. Ähnlich günstige Effekte konnte man in Pilotstudien durch thermische Inaktivierung der Zellen der Dünndarmwand mittels endoskopischer Technik erzielen.
Fazit: Ist es schon soweit gekommen, dass eine krankhafte Adipositas vorliegt, darf aus pathophysiologischer Sicht die Kostenübernahme durch die Krankenkasse nicht davon abhängig gemacht werden, ob der Patient eine Bewegungstherapie erfolgreich absolviert hatte. Ausserdem ist die Erfolgsaussicht nach "gastric banding" nach neuerer Auffassung als deutlich suboptimal anzusehen. Wird das Problem weiter verschleppt, sind die Erfolgsaussichten eher bescheiden und die Kosten wachsen ins Unermessliche.
 zum Beitrag »
[19.10.2015, 15:23:44]
Dr. Richard Barabasch 
Ich hab' auch 'ne Lösung !
Eigenwert-Gefühl verdoppeln !
Dort liegt die psycho-logische Aufgabe - nicht sein wollen, was "medial" als erstrebenswert hinausposaunt wird, sondern W E R D E N
was richtig, recht, korrekt, sinnvoll, bewiesenermaßen vernünftig ist :
Normgewicht !
meint
R.B. zum Beitrag »
[19.10.2015, 06:37:50]
Dr. Ursula Günther 
Einfach aber nicht leicht!
Für unser "komplexes, gesamtgesellschaftliches Phänomen" weiß ich eine gute Lösung: t e i l e n !  zum Beitrag »

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