Ihre Meinung ist gefragt: Machen Sie bei unserer Online-Umfrage mit!

Ärzte Zeitung, 03.11.2015

NORAH-Studie zu Fluglärm

Jetzt mach' mal halblaut?

Ungesund, aber nicht so schlimm wie angenommen: So lassen sich die Ergebnisse der NORAH-Studie speziell zum Fluglärm zusammenfassen. Über manche der Resultate gerät man allerdings arg ins Grübeln.

Ein Leitartikel von Robert Bublak

Jetzt mach' mal halblaut?

Nicht nur Fluglärm, auch Straßen- und Schienenlärm erhöht bestimmte Gesundheitsrisiken.

© Eray / fotolia.com

FRANKFURT AM MAIN. Wenn ein Verursacher von Lärm eine Studie zu den gesundheitlichen Folgen von Lärm bezahlt und sich hinterher mit den Ergebnissen zufrieden zeigt, regt sich Skepsis.

Dabei ist es keineswegs so, dass Resultate der Studie mit dem Namen NORAH ("Noise-Related Annoyance, Cognition and Health") zu den Auswirkungen von Verkehrslärm insbesondere rund um den Flughafen Frankfurt allein schon deswegen unglaubwürdig wären, weil die Untersuchung vom Flughafenbetreiber Fraport und der Lufthansa mitfinanziert worden sind. Und es ist ja auch nicht so, dass sich der Lärm durch Autos, Züge und Flieger in der Studie als harmlos erwiesen hätte.

Wie die NORAH-Wissenschaftler unter Federführung von Rainer Guski (Ruhr-Universität Bochum) und Dirk Schreckenberg (Zentrum für angewandte Psychologie, Umwelt- und Sozialforschung, Hagen) berichten, erhöht Fluglärm das Risiko, an einer Depression zu erkranken.

Auch steigt die Gefahr, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden beziehungsweise eine Herzinsuffizienz zu entwickeln (wir berichteten). Der Einfluss von Straßen- und Schienenverkehr sei hier höher als der durch den Luftverkehr verursachte Lärm, schreiben die Forscher in ihrer Stellungnahme.

Ob man diese Risiken als "minimal" einstufen sollte, wie es Fraport in einer ersten Reaktion auf die NORAH-Ergebnisse getan hat, sei dahingestellt.

Und dass Johann Dietrich Wörner aus den Resultaten die beruhigende Botschaft herausliest, "dass die von vielen befürchteten schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch den Flugverkehr im Rhein-Main-Gebiet nicht zu erkennen sind", hängt vielleicht ein wenig mit seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender des Frankfurter "Forum Flughafen & Region" zusammen. Doch selbst wenn dies Argwohn weckt, muss es noch nicht falsch sein.

Ergebnis widerspricht bisheriger Lärmforschung

NORAH ist bereits in der Vergangenheit vorgeworfen worden, interessengebunden zu sein. Guski hat dafür sogar Verständnis geäußert, aber darauf hingewiesen, man müsse unterscheiden zwischen dem Interesse an Fragestellungen und jenem an Ergebnissen. Einen Auftrag, bestimmte Ergebnisse zu erzielen, gebe es nicht.

Dem NORAH-Team zu unterstellen, bestimmte Interessen zu bedienen - geschenkt. Der Grund für die Skepsis liegt ohnehin anderswo, nämlich in den Ergebnissen, die NORAH zur Wirkung von Verkehrslärm auf den Blutdruck und die Herzfrequenz zutage gefördert hat. Eigentlich hatten die Forscher hier signifikante Effekte erwartet.

"Diese konnten jedoch im Rahmen der umfangreichen und sorgfältigen Untersuchungen nicht nachgewiesen werden", heißt es in der Stellungnahme von Guski und Schreckenberg. Das widerspricht bisherigen Ergebnissen der Lärmforschung und wirft die Frage auf, welche Methodik NORAH zugrunde lag.

Die NORAH-Forscher arbeiteten mit einem Blutdruckmonitoring über eine Dauer von 21 Tagen mit telemetrischen Messgeräten. Blutdruck und Herzfrequenz wurden dabei von den Probanden selbst gemessen.

Dieser Methode und ihren Resultaten steht beispielsweise das Vorgehen Mainzer Forscher um Thomas Münzel gegenüber, die sich mit den biologischen Mechanismen der Verbindung nächtlichen Fluglärms mit kardiovaskulären Erkrankungen beschäftigt hatten.

Der Aufwand war erheblich, eingesetzt wurden Polysomnografie, Pulstransitzeit, sonografische Vermessung der Brachialis-Dilatation und die Bestimmung der Adrenalinkonzentration im Blut.

Fluglärm beeinträchtigte die Endothelfunktion

Münzel und sein Team haben ihre Ergebnisse vor zwei Jahren publiziert (Eur Heart J 2013; 34: 3508-3514). Sie konnten zeigen, dass bereits nach einer einzigen Nacht mit Fluglärmexposition die Endothelfunktion beeinträchtigt ist.

Parallel dazu erhöhte sich der Adrenalinspiegel, die Schlafqualität nahm ab und der Blutdruck stieg. Münzel und Kollegen stellten damit die Resultate epidemiologischer Studien, wonach die Exposition gegen Fluglärm mit erhöhter Hypertonieprävalenz assoziiert ist, auf eine biologisch plausible Grundlage.

Den Ergebnissen von NORAH hat Münzel auch bereits widersprochen, vor allem, wie zu erwarten, jenen Teilresultaten, die sich mit den Effekten auf den Blutdruck befassen. "Fluglärm ist ein neuer Herzkreislauf-Risikofaktor, den weder wir als Ärzte noch die Patienten beeinflussen können, sondern nur die Politik", sagte der Mainzer Wissenschaftler.

Andere Forscher äußerten sich erleichtert, eine Mitwirkung an NORAH abgelehnt zu haben, oder äußerten Entsetzen über die Methodik der Studie.

Doch auch wenn vieles dafür spricht, dass Krach den Blutdruck steigen lässt: NORAH ist keineswegs die einzige Studie, in der kein Zusammenhang zwischen Fluglärm und Hypertonie zu erkennen war.

Restlos geklärt ist die Assoziation nämlich auch nach Jahrzehnten der Lärmforschung nicht. Das war aber schon vor NORAH so. Und es wird auch danach noch lange so bleiben.

[16.11.2015, 14:50:49]
Meike Mittmeyer-Riehl 
Zuschrift von unserem Leser Prof. Dr. med. Eberhard Greiser
Sehr geehrte Damen und Herren,

Herr Prof. Erdmann irrt grundsätzlich, wenn er der Auffassung ist, dass die Methodik aller 5 NORAH-Studien dem Stand der Wissenschaft entsprächen. Über jeden Verdacht erhaben ist die von Prof. Seidler, Dresden, zu verantwortende Fall-Kontroll-Studie zu Erkrankungsrisiken.

Dabei stützt er sich auf die Daten von mehr als 1 Million Versicherter aus drei gesetzlichen Krankenkassen. Das gleich gilt mit einer kleinen Einschränkung für die Kinder-Studie, bei der die Entwicklung der Lesefähigkeit von 9-11-jährigen Grundschülern untersucht wurde.

Im Kontrast dazu steht die von Herrn Prof. Eikmann, Gießen, zu verantwortende Studie zum Blutdruck-Monitoring. Herr Prof. Erdmann kommt für diese Studie eine besondere Verantwortung zu, weil er als Mitglied des Beirats zur Qualitätssicherung über diese Studie zu wachen hatte.

Folgende grundlegenden Fehler sind bei der Planung und Durchführung dieser Studie gemacht worden:

1. Es sind lediglich solche Probanden in die Studie aufgenommen worden, die von Fluglärm betroffen waren. Wenn es das Ziel gewesen wäre, den Einfluss von Fluglärm auf den Blutdurck und auf die Entwicklung von Bluthochdruck festzustellen, dann wäre eine Referenzregion ohne den Einfluss von Fluglärm unverzichtbar gewesen.

2. Bei der ersten telefonischen Kontaktaufnahme mit potentiellen Teilnehmern wurden diese gefragt, ob ein Arzt bei ihnen schon einmal einen Bluthochdruck diagnostiziert hätte. Probanden, die diese Frage bejahten, wurden von vorherein ausgeschlossen.

3. Nach dem Studiendesign sollten potentielle Teilnehmer am Blutdruckmonitoring aus den Teilnehmern der Studie zur Lebensqualität als Unterstichprobe gezogen werden. Die Studie zur Lebensqualität erzielte in Bezug auf die Ausgangsstichprobe eine Beteiligungsrate von 6.5%. Die als Unterstichprobe gewonnenen Teilnehmer am Blutdruck-Monitoring (844) machten bezogen auf die Auusgangsstichprobe der Lebensqualitäts-Studie ganze 0.5% aus. Ein Vergleich der Sozialstruktur der Teilnehmer am Blutdruck-Monitoring mit der Sozialstruktur der Bevölkerung der Bunderepublik zeigt, dass beim Blutdruck-Monitoring Oberschicht-Angehörige doppelt so häufig teilnahmen, Unterschicht-Angehörige nur halb so häufig, wie es der Sozialstruktur der Bevölkerung entsprochen hätte. Dieses bedeutet, dass der Ausleseprozess beim Blutdruck-Monitoring zu einer besonders gesunden und besonders wohlhabenden Teilgruppe der Bevölkerung geführt hatte.

4. Die Methodik zur Selbstmessung widerspricht allen Regeln, die ein angehender Mediziner bereits im Studium, spätestens aber in der Medizinalassistente-Zeit lernt: Gemessen wird am unbekleideten Oberarm und die Blutdruckmanschette sollte etwa zwei Finger breit über der Ellenbeuge enden. Für die Schulung der potentiellen Teilnehmer am Blutdruck-Monitoring diente jedoch eine Abbildung, bei der einer Probandin die Manschette über einen Pulloverärmel gezogen worden war und die Ellenbeuge abdeckte. Alle mit dieser Messmethodik erhobenen Blutdruckwerte sind also von vornherein unbrauchbar. Diese einfachen Regeln sollte auch ein medizinischer Emeritus noch erinnern können.

5. Es gehörte nicht zu den Zielen des Blutdruck-Monitoring, die Häufigkeit des Bluthochdrucks in der von Fluglärm betroffenen Beveölkerung zu ermitteln. Dieses hätte jedoch die Hauptfragestellung des NORAH-Teilprojektes Blutdruck-Monitoring sein müssen.

Quintessenz: Für diesen Teil der NORAH-Studie ist eine erhebliche Geldmenge vergeudet worden.

Prof. Dr. med. Eberhard Greiser zum Beitrag »
[03.11.2015, 18:39:54]
Dr. Henning Fischer 
meine Dissertation (vor 35 Jahren) war eine experimentelle Arbeit in der Lärmforschung

über vegetative Reaktionen auf Lärmimpulse. Und die sind sehr deutlich. Und unabhängig vom subjektiven Empfinden.

Auswirkungen wird man aber erst nach vielen Jahren oder Jahrzehnten nachweisen können.


 zum Beitrag »
[03.11.2015, 16:19:56]
Prof. Dr. Erland Erdmann 
Die NORAH-Studie entspricht dem heutigen wissenschaftlichen Standard
Über die Ergebnisse der kürzlich veröffentlichten NORAH-Studie wird sicher noch viel diskutiert werden – auch kritisch! Das ist für wissenschaftlich neue Erkenntnisse üblich und auch gut so. Wenn im Artikel von Robert Bublak vom 3.11.2015 aber insinuierend geschrieben wird: „Wenn ein Verursacher von Lärm eine Studie zu den gesundheitlichen Folgen von Lärm bezahlt und sich hinterher mit den Ergebnissen zufrieden zeigt, regt sich Skepsis“, so sollten vielleicht doch besser die genauen Daten mitgeteilt werden, bevor Verschwörungstheorien die Runde machen. Auftraggeber der NORAH-Studie ist die Gemeinnützige Umwelthaus GmbH (UNH), eine 100%ige Tochter des Landes Hessen. Die Finanzierung erfolgte durch die UNH mit 45,86%, das Land Hessen mit 40,6%, Fraport mit 10,15 %, die beteiligten Kommunen mit 2.15 % und die Lufthansa mit 1,2%. Dies ist nachlesbar: http://www.laermstudie.de/norah-studie/auftrag-und-finanzierung/ Weiterhin heißt es in dem Artikel: „Ergebnis widerspricht bisheriger Lärmforschung“. Das stimmt so einfach nicht! Die Datenlage zu den chronischen Auswirkungen von Flugverkehrslärm auf den Blutdruck ist uneinheitlich (siehe z. B. Metaanalyse von Di Huang et al., Noise & Health, 2015, 17:75, 93-97). In der NORAH-Studie haben 844 zufallsausgewählte Personen 2x täglich über 3 Wochen ihren Blutdruck mittels Selbstmessung erfasst (Vermeidung „Weißkittel“- Effekt). Das wurde nach einem Jahr wiederholt. Die Flugzeug- und Verkehrsgeräusche wurden adressgenau berechnet. Eine derart sorgfältige Untersuchung ist bislang noch nicht durchgeführt worden. Zumeist wurden die Blutdruckwerte in der Vergangenheit lediglich durch einmalige Messung oder durch Befragung erhoben. Nur in der Publikation von Aydin und Kaltenbach (Clin Res Cardiol 2007;96:347) an 53 freiwilligen Probanden, die westlich oder östlich des Frankfurter Flughafens wohnten wurden in den Jahren 2002 und 2003 morgendliche Blutdruckerhöhungen nach Lärmeinwirkung durch serielle Blutdruckmessungen ähnlich wie in der NORAH-Studie festgestellt. Die jetzt gefundenen unterschiedlichen Ergebnisse haben sicher etwas mit der anderen Methodik (Auswahl der Probanden?) und den anderen Verhältnissen zu tun. Die im Artikel geschilderten experimentellen Akutergebnisse von Prof. Münzel („Fluglärm beeinträchtigte die Endothelfunktion“) sind wichtig, sagen aber nichts über chronische Blutdruckwirkungen von Lärm aus. Als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Qualitätssicherung der NORAH-Studie erbitte ich eine wissenschaftlich faire Berichterstattung und Diskussion.
Erland Erdmann, Köln
 zum Beitrag »
[03.11.2015, 11:41:31]
Dieter Döring 
NORAH
Die schlechteste Lärmstudie die ich gelesen habe.
Frage: Wer hat die gesponsert und was hat die gekostet.
Schon vor 38 Jahren beim Prof. Dr. Klosterkötter Studien über den Einfluß des Lärm auf den Menschen durchgeführt. Alle haben einen Einfluß deutlich erkennen lassen. Die NORAH Studie ist für mich vollkommen unglaublich. Das sich Kollege für so etwas hergeben ist schon schlimm.
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Parodontitis als Risikofaktor für Krebs?

Ist eine Zahnbettentzündung ein Risikofaktor für bestimmte Krebsarten? Innerhalb einer großen Gruppe Frauen in der Menopause haben Forscher deutliche Zusammenhänge gefunden. mehr »

Kinder suchtkranker Eltern brauchen mehr Beachtung

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, fordert eine bessere Versorgung und Betreuung der Kinder von Suchtkranken. Kinder von Suchtkranken sind diesmal Schwerpunkt des Drogenberichts. mehr »

Hilfe für die Seele gefordert

Eine Krebsdiagnose ist ein Schock. Die Psychoonkologie soll helfen. Aber die Unterstützung ist wenig bekannt und unterfinanziert. mehr »