Ärzte Zeitung, 05.04.2016
 

Unterschätzte Droge

"Wir sind ein alkoholgetränktes Land"

Alkohol ist billig und überall verfügbar - und die Gefahren werden oft verharmlost, warnen Experten. Sie sehen auch Ärzte in der Pflicht.

Ein Leitartikel von Ilse Schlingensiepen

"Wir sind ein alkoholgetränktes Land"

Anders als Rauchen oder der Konsum harter, gar illegaler Drogen ist der Genuss von Alkohol gesellschaftlich weit akzeptiert.

© Line-Of-Sight / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Raucher müssen sich heutzutage in vielen Situationen rechtfertigen, denn Nichtrauchen gehört inzwischen zum guten Ton. Geht es um den Konsum von Alkohol, sieht die Sache anders aus. Wer ein Glas Wein oder Bier ablehnt, muss sich häufig geradezu rechtfertigen.

Kein Problem, wenn jemand schwanger ist oder das Auto dabei hat. Wer aber einfach nur sagt "Alkohol ist mir zu gefährlich", dem ist die Verwunderung sicher. Schnell liegt die Vermutung nahe: Das ist wohl ein trockener Alkoholiker.

Dabei hätte der Abstinenzler zweifelsohne Recht. "Regelmäßiger Alkoholkonsum birgt deutlich mehr Gesundheitsrisiken als gemeinhin angenommen, ganz unabhängig davon, ob er in einem missbräuchlichen Konsum endet oder nicht", sagt der Präsident der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo) Rudolf Henke.

Schäden an Leber, Gehirn und Magen

Wissenschaftliche Studien widerlegten die Annahme, dass körperliche Folgeschäden nur bei Alkoholabhängigkeit zu erwarten seien. "Zu hoher Alkoholkonsum schadet vor allem der Leber und dem Gehirn und ist zudem häufiger Grund für Entzündungen der Bauchspeicheldrüse sowie der Magenschleimhaut", betont der Internist.

Auch das Risiko für Herzmuskelerkrankungen und Bluthochdruck erhöht sich durch Alkoholkonsum, Potenz und sexuelle Erlebnisfähigkeit werden beeinträchtigt.

"Langfristiger Alkoholmissbrauch kann auch Krebserkrankungen auslösen, zum Beispiel in Leber, Mundhöhle, Rachenraum und Speiseröhre, Enddarm und weiblicher Brustdrüse", warnt Henke. Hinzu kämen die Veränderungen der Persönlichkeit bis hin zu einem höheren Suizidrisiko.

Wein- und Bierlobby ist sehr aktiv

Für ÄKNo-Chef Henke sind alkoholbedingte Erkrankungen eines der gravierendsten Gesundheitsprobleme in Deutschland. Ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen ist das bislang aber kaum.

Klar: Jeder weiß wahrscheinlich, dass Trinken nicht gesund ist, auch wenn "Studien" im Auftrag der Wein- und Bierlobby immer mal wieder das Gegenteil glauben machen wollen. Aber als ernst zu nehmende Gefahr gilt Alkohol den wenigsten.

Der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Dr. Raphael Gaßmann, findet drastische Worte für die Situation. "Wir sind ein alkoholverliebtes, alkoholgetränktes Land." Belege kann er viele nennen. Dazu gehören die im internationalen Vergleich niedrigen Preise für hochprozentigen Alkohol.

"Sie können sich in Deutschland sehr taschengeld-kompatibel ins Koma trinken", betont Gaßmann. Hierzulande gebe es nach wie vor Werbung für Alkohol, an Tankstellen sei er rund um die Uhr verfügbar.

Gaßmann verweist darauf, dass Testkäufe immer wieder bedeutsame Verstöße gegen den Jugendschutz zutage bringen, ohne dass es einen öffentlichen Aufschrei gibt.

"In Deutschland erleben wir wenig an Alkohol-Prävention", beklagt der DHS-Experte. Um das zu ändern, können Ärzte eine Schlüsselposition einnehmen. Sie haben im Gespräch mit Patienten nicht nur die Möglichkeit, Alkoholmissbrauch zu erkennen, sondern sie können vor allem über die mit regelmäßigem Alkoholkonsum verbundenen Gefahren aufklären.

Die aktuelle Empfehlung ist dabei: Gesunde Männer sollten täglich maximal 24 Gramm (entspricht etwa 0,5 Liter Bier) und gesunde Frauen maximal 12 Gramm Alkohol (entspricht etwa 0,25 Liter Bier) trinken. Zudem sollten mindestens zwei Tage in der Woche komplett frei von Alkohol sein.

Abstinenz wäre lebensfremd

Zum Glück erwarten die Experten von den Ärzten nicht, dass sie ihren Patienten raten, völlig abstinent zu leben. Das wäre lebensfremd und könnte manchen Patienten in eine Abwehrhaltung treiben. Nicht immer wäre ein solcher Rat auch glaubwürdig.

Denn viele Ärzte trinken selbst gern ein Glas Bier oder Wein. Es ist sicher kein Zufall, dass die Mediziner seltener das Gespräch über das Trinken als über das Rauchen suchen. "Man hat vielleicht größere Hemmungen, wenn man den Patienten am nächsten Tag beim Schützenfest trifft", sagt Henke.

Ärzte helfen ihren Patienten, wenn sie über die mit dem Alkoholkonsum verbundenen Risiken verständlich informieren und sich als Ansprechpartner anbieten. Initiativen wie die der ÄKNo, die den Ärzten Fortbildungen und Materialien für die Praxis anbietet, sind dabei eine gute Unterstützung.

Fundierte Aufklärung über die mit Alkohol verbundenen Gefahren ist richtig. Es macht aber wenig Sinn, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie sich ein Gläschen schmecken lassen. Die Abwägung zwischen dem gesundheitlichen Risiko und anderen Faktoren wie Genuss und Lebensqualität muss weiterhin jedem selbst überlassen bleiben.

Das gilt zumindest solange, wie durch den Alkoholkonsum nicht Dritte geschädigt werden - etwa in der Schwangerschaft, im Straßenverkehr oder beim Umgang mit gefährlichen Maschinen.

[05.04.2016, 15:18:32]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Nicht die Ärzte, sondern die Gesellschaft ist in der Pflicht!
Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo), Kollege Rudolf Henke, disqualifiziert sich mit einer ebenso epidemiologisch undifferenzierten wie empirisch nicht belegbaren, unwissenschaftlichen These.

Wenn seine Behauptung: "Regelmäßiger Alkoholkonsum birgt deutlich mehr Gesundheitsrisiken als gemeinhin angenommen, ganz unabhängig davon, ob er in einem missbräuchlichen Konsum endet oder nicht" stimmen würde, wären die klassischen Wein- und Spirituosen-Länder Frankreich, Spanien, Portugal, Italien längst entvölkert und ausgestorben.

Nur der Hang zu äußerst ungesundem, fettreichen Essen und maximaler Alkohol- bzw. Schnapskonsum verringert z. B. in Russland, Bulgarien, Rumänien, Polen weiterhin die durchschnittliche Lebenserwartung.

Aber im Gegenteil zu seinen Anmerkungen führt die mediterrane Kost mit mäßig-moderatem Weinkonsum, Obst, Salat, Gemüse, Fisch, Fleisch, Käse, Milch(-produkten), Olivenöl, Nüssen zu einer höheren Lebenserwartung und geringerem Herz-Kreislauf-Risiko.

Im NEJM 2013; 368: 1279 wurde bereits vor 3 Jahren eine signifikante Senkung des kardiovaskulären Risikos bei der Primärprävention von spanischen Patienten mit weniger ausgeprägten Grundkrankheiten und mediterraner Ernährungsweise mit moderatem Weinkonsum, verstärkt durch Olivenöl und Nüsse gegenüber allgemein fettarmer Ernährung beschrieben. Bis zu 30 Prozent niedrigere Risikoprofile wurden lt. Estruch R, Ros E, Salas-Salvadó J, et al. erreicht ["Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet."] Dieser Trend bestätigte sich auch in anderen Studien zum „French Paradoxon“ (höhere Lebenserwartung und Lebensqualität durch regelmäßigen Weinkonsum).

Das hohe Risiko, in industrialisierten Ländern bei fett-, kohlenhydrat-, zucker- und salzreicher Überernährung bzw. Bewegungsmangel mit großem Kohlehydrat-, Fleisch- und Wurstanteil an Adipositas, metabolischem Syndrom und Hyperlipidämie zu leiden, um Folgeerkrankungen wie Hypertonie, Diabetes, KHK, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz und degenerative Gelenkerkrankungen zu entwickeln, trifft bedauerlicherweise auch auf ein z u s ä t z l i c h erhöhtes Demenzrisiko. Echte Alkoholiker mit Abhängigkeitskrankheit erreichen das für diese Langzeit-Risiken relevante höhere Lebensalter i. d. R. nicht mehr.

Olivenöl, Nüsse zusammen mit fischreicher und fleischarmer mediterraner Frischkost scheinen größte kardiovaskuläre Vorteile und geringstes Demenzrisiko zu bieten. Wenn dann noch moderater Weinkonsum hinzukommt, verbessern sich im Sinne des „French Paradoxon“ sowohl Lebensqualität als auch kardiovaskuläres bzw. demenzielles „Outcome“. Schutz vor Krebserkrankungen sind bei dieser komplexen Ernährungsform übrigens auch beschrieben worden.

Außerdem wurde in den Ann Intern Med. 2015 Oct 20;163(8):569-79. doi: 10.7326/M14-1650. Epub 2015 Oct 13 eine israelische Studie mit dem Titel: "Effects of Initiating Moderate Alcohol Intake on Cardiometabolic Risk in Adults With Type 2 Diabetes: A 2-Year Randomized, Controlled Trial" von G. Y. Golan et al. publiziert. ÄZ-Autor Thomas Müller schrieb dazu detailliert unter
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/demenz/article/897079/studien-praevention-schluss-kaffeesatzleserei.html?sh=1&h=1186334381

"randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie zum Thema Alkohol und Diabetes: Sie spendierten Diabetikern, die bisher keinen oder kaum Alkohol getrunken hatten, über zwei Jahre hinweg zu jedem Abendessen entweder ein Glas Rotwein, Weißwein oder Wasser (Ann Intern Med 2015, online 13. Oktober). Die 224 Patienten der Studie CASCADE (Cardiovascular Diabetes & Ethanol Trial) wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt: 73 bekamen Rot- und 68 Weißwein von den Golanhöhen, die übrigen 83 mussten sich mit Wasser zufriedengeben.
Die Teilnehmer wurden nun gebeten, jeden Abend zum Essen 150 ml des jeweiligen Getränks in einem mitgelieferten Standardglas zu trinken. Die Forscher sammelten regelmäßig die leeren Flaschen ein, um zu kontrollieren, ob der gelieferte Wein auch tatsächlich getrunken und nicht etwa verschenkt oder verkauft wurde. Zusätzlich sollten die Teilnehmer angeben, wie strikt sie sich an die Vorgaben hielten. Zwei Jahre nach Studienbeginn hatten die Rotweintrinker einen signifikant besseren HDL-Wert als die Wassertrinker (2 mg/dl Differenz) und einen günstigeren Apolipoprotein-A1-Spiegel. Weißweintrinker profitierten dagegen von besseren Nüchternglukosewerten (Differenz 17 mg/dl), die Triglyzeridwerte waren in beiden Weingruppen besser als mit Wasser.
Sicher, die Effekte waren eher moderat und sind wohl nicht geeignet, um Alkohol aus therapeutischen Gründen zu empfehlen, aber die Studie liefert erste evidenzbasierte Ergebnisse, dass Alkohol tatsächlich einige kardiometabolisch günstige Effekte hat."

Fazit: Zigaretten und Alkohol sind weltweit Objekte der Begierde von Steuerbehörden. Nicht nur in Deutschland werden damit ganze Bundeshaushalte finanziert. Der Staat kann kein substanzielles Interesse an wegbrechenden Steuereinnahmen haben, und die Firmen-Werbung lockt die Jugendlichen, dazuzugehören. Oder hätschelt den süchtig-abhängigen "User", bis er endlich stirbt. Deshalb als "Deckmäntelchen" abschreckende Fotos auf Zigarettenpackungen. Aber wo bleiben Bilder von Ösophagusvarizen, Leberzirrhose und Korsakow-Syndromen auf Schnapsflaschen oder abschreckende Bilder bei der Methadon-Substitution, liebe Bundestagsabgeordnete und Suchtbeauftragten?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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