Ärzte Zeitung online, 26.04.2017

Zum 123. DGIM-Kongress

Patiententag gibt konkrete Tipps zum Gesundbleiben

Mit der eigenen Gesundheit befassen sich viele erst, wenn sie krank sind. Der Patiententag will dies ändern und darüber aufklären, was Menschen selbst tun können, um gesund zu bleiben.

Von Alexander Joppich

Patiententag gibt konkrete Tipps zum Gesundbleiben

Aufklärung: Der Verein Diabetes Care West Africa reist durch Afrika, um Diabeteserkrankungen zu verhindern. © Joppich

WIESBADEN. Wie fühlt es sich an, plötzlich nur noch Umrisse erkennen zu können? Wieso engagieren sich Deutsche in der Diabetesprävention in Westafrika? Und welche Ernährung ist gesund, welche weniger?

Im Mittelpunkt des 11. Patiententags in Wiesbaden stand diesmal das Thema Prävention – mit dem Fokus auf Ernährung, Übergewicht und Diabetes. Durch Prävention könne man "Risikofaktoren in Angriff nehmen, bevor der Mensch überhaupt zum Patienten wird", so die Veranstalter. Der Patiententag fand im Vorfeld des 123. DGIM-Kongresses statt, der in dieser Woche in Mannheim startet.

Veranstalter des Patiententags sind die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und das Gesundheitsamt Wiesbaden. Das Ziel: Menschen über gesundheitliche Risikofaktoren aufzuklären und dadurch zu einer gesünderen Lebensführung zu bewegen.

An insgesamt 51 Ständen konnten sich Interessierte auf dem Schlossplatz und im nahe gelegenen Rathaus informieren. So zeigte das DRK, wie ein Rettungswagen von innen aussieht, die Selbsthilfegruppe Depression, woran Menschen eine beginnende Depression erkennen und die Aktion "Mann Oh Mann" führte Testosteron-Checks durch.

Hautnah Krankheitsfolgen erleben

Um aus der Masse hervorzustechen, setzten einige Organisationen an ihren Infoständen auf größtmögliche Anschaulichkeit: So stand bei der Nichtraucher-Initiative Wiesbaden eine Tasse mit klebrigem, schwarzem Inhalt. "Wer täglich 20 Zigaretten raucht, nimmt im Jahr eine Teetasse Teer zu sich", verriet ein Zettel auf dem Trinkgefäß.

Gegenüber zeigte der Verein Pro Retina Deutschland am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, an einer Augenerkrankung zu leiden. Mit Situationsbrillen simulierten sie verschiedene Krankheiten: So erlebten Besucher, wie die Sicht mit um 90 Prozent reduzierter Sehstärke ist – stark verschwommen nimmt man nur noch Umrisse wahr. Mit einer anderen Brille sieht man die Welt aus Sicht eines Patienten mit Makuladegeneration.

Den Betroffenen helfen Makulaberater wie Ottmar Meuser. Sie sind Ansprechpartner und beraten, welche Hilfsmittel das Leben erleichtern können. Insbesondere sind sie aber auch für das Umfeld der Erkrankten erste Anlaufstelle: Verwandte und Freunde können sich viele Augenkrankheiten nur schlecht vorstellen, so der Verein. Deshalb versuchen die Pro Retina-Helfer, sie einzubeziehen und die Folgen der Krankheit besser verständlich zu machen, so Meuser.

Das kann ein Betroffener am besten: Mit einer großen, tiefschwarzen Brille steht Wolfgang Schweinfurt vor dem Stand. Der Pro Retina-Regionalgruppenleiter leidet an Retinitis pigmentosa, wodurch sein Sehfeldbereich auf ein Minimum geschrumpft ist. Besuchern erzählt er, dass er die Schutzbrille tragen müsse, da die Sonnenstrahlen auf seiner Netzhaut regelrecht brennen – da sein Sichtfeld zusammengeschrumpft ist, bündeln sich die Strahlen im Auge wie eine Lupe. Nimmt er diese im Bus ab, um Zeitung zu lesen – das zentrale Sehfeld funktioniert noch – beschimpfen ihn Fahrgäste als "Scharlatan", wenn er mit Brille aussteigt. Diese Unwissenheit ärgert ihn.

Im Erdgeschoss des Rathauses hat George Ezeani seinen Stand. Sein Verein Diabetes Care West Africa betreibt Diabetes-Vorsorge in den armen Ländern Westafrikas; die Krankheit ist in weiten Teilen des Schwarzen Kontinents nur wenig bekannt, selbst Ärzte kennen sich kaum mit der Behandlung aus und verstehen wenig von Blutzuckermessungen. Der Nigerianer reist mit seinen Helfern, auch Deutschen, von Dorf zu Dorf und erklärt den Menschen, welche Faktoren zu Typ-2-Diabetes führen können und welche Folgen die Krankheit hat – anschaulich mit einer Beinprothese. Neben der Prävention führt der Verein kostenlose Blutzuckermessungen durch, verteilt Insulin an Diabetes-kranke Kinder und verschenkt Messgeräte. Doch das Hauptanliegen sei "Empowerment": die Hilfe zur Selbsthilfe, um Diabetes zu verhindern.

Die Initiative war bereits in Nigeria und Ghana aktiv; der Schwerpunkt der Arbeit liegt aber in Togo, wohin die Helfer zweimal im Jahr reisen. Organisations-Vorsitzender Ezeani kritisiert die Wegwerf-Mentalität vieler Deutscher: Während manche die teuren Teststreifen ungebraucht wegwerfen, sind diese für viele Afrikaner unerschwinglich. Ist man sich nicht sicher, ob Teststreifen noch haltbar sind, solle man sie lieber an den Verein schicken, ruft Ezeani auf – oder natürlich direkt Geld spenden.

Bewegende Rede

Die Marion und Bernd Wegener Stiftung zeichnete auf dem Patiententag mehrere Selbsthilfegruppen für ihre Arbeit aus; dieses Jahr im Bereich Polyneuropathie. Die Selbsthilfegruppe Polyneuropathie Lippe erhielt den Ersten Preis, dotiert mit 1500 Euro. Die Jury würdigte die aktive Kooperation mit Klinikärzten und die hohen Teilnehmerzahlen bei den Gruppentreffen.

In einer sehr persönlichen Rede bedankte sich der Gruppenvorsitzende Martin Bödeker für die Auszeichnung, aber insbesondere bei seiner Frau: Sie erahne eine einsetzende Spastik, bevor er es tue, sagte der pensionierte Pfarrer. Nur ihretwegen habe er es heute rechtzeitig in den Rollstuhl geschafft. Nervenkranke rief er auf, sich selbst zu helfen und ihr Umfeld aufzuklären, anstatt passiv zu leiden. "Es gibt nichts Gutes, außer du tust es", fasste er den Sinn der Selbsthilfegruppe zusammen.

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