Ärzte Zeitung online, 22.10.2017
 

Prävention im Job

Betriebs- und Werksärzte wollen Belegschaften screenen

Das Präventionsgesetz entfaltet noch nicht seine gewünschte Wirkung. Das soll sich jetzt ändern. Die Betriebs- und Werksärzte loten bei ihrem Jahreskongress ab Mittwoch in Würzburg Präventionsstrategien aus. Hausärzte werden als Partner gesehen.

Von Matthias Wallenfels

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Mögliche Präventionsmaßnahmen setzen einen betriebsärztlichen Check voraus, so der VDBW.

© VDBW

Prävention in allen Lebenswelten – der Anspruch, den die Große Koalition an ihr im Juli 2015 in Kraft getretenes Präventionsgesetz stellt, ist ambitioniert. Ein bisschen ist indes der Lack schon ab, läuft doch die Umsetzung des Präventionsgesetzes schleppend, hakt es insbesondere weiterhin bei der Kooperation zwischen Kassen und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), wie jüngst aus der Antwort der Regierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Bundestag hervorgeht (wir berichteten). Ist damit der Zug für den mit dem Gesetz intendierten Paradigmenwechsel – mehr Gesundheitsförderung in Lebenswelten wie Kitas oder Betrieben anstatt der bisher vorherrschenden Kurse zur Verhaltensprävention – abgefahren?

Nicht ganz! Denn die Arbeitsmediziner haben die Prävention als ihr ureigenstes Betätigungsfeld entdeckt und wollen mit entsprechenden Angeboten für die Mitarbeiter einen Beitrag zum Produktivitätserhalt der Belegschaften leisten. Welche Chancen zum Beispiel Screenings in Betrieben bieten, lotet der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) diese Woche bei seinem diesjährigen Kongress in Würzburg aus. Dass die Arbeitsmediziner Präventionsangebote vom Vorstandszimmer bis zur Werkbank etablieren wollen, war bereits auf dem VDBW-Jahreskongress 2015 Konsens. Im vergangenen Jahr stellten sie beim Verbandstreffen in Dresden Impfungen nach den STIKO-Empfehlungen als betriebliche Präventionsleistungen in Aussicht.

Der Rüdesheimer Internist und Erste Vorsitzende der Deutschen Akademie für Präventivmedizin, Dr. Johannes Scholl, wird seinen betriebs- und werksärztlichen Kollegen in Würzburg Optionen aufzeigen, dem Demografiewandel in den Unternehmen seinen Schrecken zu nehmen. Denn durch gezielte Massenscreenings bei Risikogruppen unter der Belegschaft könnte die stille, und mangels unterlassener Haus- und Facharztbesuche seitens betroffener Arbeitnehmer oft auch unbemerkte Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten in den Betrieben zumindest eingedämmt werden.

Späterer Renteneintritt verschärft Situation

Nicht nur der demografische Wandel, auch das spätere Renteneintrittsalter wird das Durchschnittsalter der Belegschaft in den Unternehmen weiter ansteigen lassen, so Scholl. Andererseits habe sich die Manifestation von Risikofaktoren wie Adipositas, Bluthochdruck oder Diabetes im Vergleich zu früheren Generationen um fünf bis 15 Jahre nach vorne verlagert. Deshalb nehme für den Betriebsarzt die Bedeutung präventiver Gesundheits-Check-ups zu.

Ein sinnvolles Check-up-Konzept beinhaltet nach Ansicht des Präventionsspezialisten einen standardisierten Anamnesebogen zur Familienvorgeschichte, eigenen Vorerkrankungen und aktuellen Beschwerden. Es erfasst den Raucherstatus – gegebenenfalls auch den mittels Fagerström-Test definierten Grad der Nikotinabhängigkeit –, die Körpergröße, das Gewicht und den Bauchumfang. Gemessen werden sollten laut Scholl außerdem der Ruhe-Blutdruck sowie von den Laborparametern mindestens das Gesamtcholesterin und das HDL-Cholesterin, woraus sich das non-HDL-Cholesterin errechne. Das non-HDL-Cholesterin umfasse alle Lipoproteine, die die Atherosklerose fördern, also auch die triglyzeridreichen VLDL und Chylomikronen-Remnants, und habe deswegen einen besseren Vorhersagewert für kardiovaskuläre Ereignisse als das LDL-Cholesterin.

Bei Patienten mit Adipositas, erhöhtem Bauchumfang und/oder Familienvorgeschichte für Diabetes mache die zusätzliche Bestimmung von Nüchtern-Blutzucker und HbA1c Sinn.

Die Früherkennung der subklinischen Atherosklerose im hochauflösenden Ultraschall (IMTMessung und Erfassung von Plaques) könne über die klassischen Risikofaktoren hinaus die Einstufung des Herz-Kreislauf-Risikos verbessern, da sie beispielsweise auch den Einfluss von Risikofaktoren wie Lipoprotein(a) abbildet, das bei 20 Prozent der Bevölkerung moderat und in zwei bis drei Prozent stark erhöht sei, in der Regel aber nicht routinemäßig erfasst und auch nicht in Risikoformeln abgebildet werde. Die Indikation zur medikamentösen Intervention – beispielsweise mit einem Statin – sollte abhängig von der Höhe des individuellen Lebenszeitrisikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt werden, postuliert Scholl.

Hoffen auf neue gesundheitspolitische Impulse

Wie VDBW-Vize Dr. Anette Wahl-Wachendorf im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" betont, verstehen die Betriebs- und Werksärzte ihren Präventionsansatz als kooperatives Modell. Ausdrücklich will man möglichst viele Haus- und Fachärzte einbinden, die die Weiterbehandlung nach der Diagnosenstellung im Betrieb übernehmen.

Der VDBW erhofft sich von seinem Kongress offensichtlich neue gesundheitspolitische Impulse. "Vor dem Hintergrund des in wesentlichen Teilen noch nicht umgesetzten Präventionsgesetzes ist es besonders erfreulich", so Wahl-Wachendorf, "dass gesundheitspolitische Prominenz aus dem Bundestag ihre Teilnahme zugesagt hat". Vielleicht geht es dann in puncto Prävention in Lebenswelten auch außerhalb der Betriebe voran.

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