Ärzte Zeitung online, 12.12.2017

Kurorte

Bayern setzt verstärkt auf Gesundheitstourismus

Bayerische Kurorte tun sich mit den österreichischen Nachbarn zusammen und erarbeiten ein Konzept für den Gesundheitstourismus. In Zeiten erhöhter Aufmerksamkeit für Prävention sehen die Verantwortlichen wirtschaftliches Potenzial.

Von Christina Bauer

Bayern stellt sich breiter auf

Wanderung vor dem Panorama der Alpen – die Region will sich für Gesundheitstouristen attraktiv machen.

© Hildenbrand/dpa

MÜNCHEN. Ältere Gesundheitstouristen in die Alpen lotsen – das will das Projekt "Trail for Health Nord". Dazu haben sich Forschungseinrichtungen, touristische Regionen und Organisationen aus Deutschland und Österreich grenzüberschreitend zusammengeschlossen und erhalten dafür auch Geld von der EU. Bei einer Veranstaltung in München gab es nun einen ersten Zwischenstand für Bayern.

Als "grüne Lunge" in einem "Meer aus Feinstaub" beschrieb Dr. Arnulf Hartl von der Paracelsus Universität Salzburg die Alpenregion. Die Gesellschaft sei konfrontiert mit vielfältigen Zivilisationskrankheiten, die unter anderem von der Urbanisierung mitbegünstigt werden. Zudem zeigten sich überall Folgen der Überalterung. "Das sind Chancen für den Alpenraum, die man gut aufnehmen kann", so Hartl. Insbesondere Senioren könnten spezifische Angebote gemacht werden. Zunächst seien in der sogenannten "Jungbrunnen-BERG-Studie" eigene Daten zu dem Thema generiert worden.

Baden, Wandern, Entspannung

Dabei, so Hartl, habe sich gezeigt, dass eine einwöchige Kombination aus Heilbädern und Bewegung, etwa Wandern, günstige Wirkungen habe. So könnten die Senioren danach schneller laufen und hätten ein besseres körperliches Gleichgewicht. Zudem bessere sich ihr seelisches Befinden. Körperfett werde reduziert, Muskulatur aufgebaut.

1,08 Millionen Euro kostet das Projekt "Trail for Health Nord", mit dem die Alpenregion sich für den Gesundheitstourismus attraktiver machen möchte. 75 Prozent davon fördert die EU aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Einige der untersuchten Heilwässer hätten zusätzlich spezifische Wirkungen auf das Immunsystem. Diese seien beispielsweise an einer höheren Aktivität von Fresszellen zu beobachten. Bereits Badetherapie-Einheiten von 20 Minuten trügen zu diesen Effekten bei. Die Studie solle nun als Grundlage dafür dienen, speziell für Senioren ab 65 Jahren gesundheitstouristische Produkte anzubieten.

So möchte die Bayerische Staatsbad Bad Reichenhall Kur GmbH bestehende Angebote rund um die dortige Alpensole-Heilquelle ausbauen. Die Tegernseer Tal Tourismus GmbH will rund um die Jod-Schwefel-Quellen in Bad Wiessee gesundheitstouristische Produkte entwickeln. Unter anderem ist dort derzeit ein neues Schwefelbad in Bau, wie Marketingleiterin Sandra Kern berichtete. Heilbäder sollten dann in Kombination mit etwa Nordic Walking, Entspannungstraining und Gleichgewichts-Training angeboten werden.

Dabei sollten Gesundheitsprodukte definierte Qualitätskriterien erfüllen, wie Klaus Holetschek vom Bayerischen Heilbäder-Verband berichtete. Sein Verband wolle dafür das Qualitätssiegel "gesundes Bayern" entwickeln und aufbauen. Entsprechende Produkte sollten unter anderem die Vorgaben des Leitfadens Prävention des GKV-Spitzenverbands erfüllen.

Einmal entschieden, immer gefahren

Vor Ort müsse ein medizinisch-therapeutischer Ansprechpartner verfügbar sein. "Wir bieten Coaching für die teilnehmenden Orte an", so Holetschek. Als aktuelle Erfolgsbeispiele beschrieb er die Angebote "Moor zum inneren Gleichgewicht" in Bad Aibling und "Schlaf durch innere Ordnung" in Füssen.

Der Alpenregion nütze zudem, dass sich Senioren sich größtenteils an einmal gewählte Reiseziele hielten, so Dr. Michael Bischof vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeografie und Tourismusforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Das gilt sogar dann, wenn sich angesichts des Klimawandels das Wetter langfristig ändere. Eine Umfrage Bischofs habe gezeigt, dass Reisende großenteils schon jetzt vermuten, dass sie in etwa 15 Jahren bei Reisen in die Alpenregion durch den Klimawandel Nachteile bemerken werden.

Ältere machten sich dabei vor allem wegen möglicher Gesundheitsrisiken Sorgen, etwa wegen hoher Temperaturen oder Extremwetter. Ändern wollten sie ihr Reiseziel trotzdem nicht, anders als viele jüngere Reisende. "Senioren wählen andere Ausweichstrategien", so Bischof. Das könne beispielsweise die Wahl der Reisezeit sein.

Insofern müssten sich auch Tourismusanbieter in den Alpen Gedanken über eigene Anpassungsstrategien an den Klimawandel machen. Sie könnten unter anderem ihre Indoor- und Outdoor-Angebote ändern, aber auch an anderen Stellschrauben drehen wie der Gestaltung von Gebäuden.

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