Ärzte Zeitung online, 21.03.2018

Depressionen

Klinikärzte und Pfleger besonders anfällig

Krankenhaus kann krank machen – vor allem Ärzte und Pflegekräfte. Bei einem Symposium in München diskutierten Experten, warum das so ist.

Von Christina Bauer

Hohes Depressionsrisiko bei Ärzten und Pflegern

Schlechte Arbeitsbedingungen begünstigen Ängste, Depression und Burnout.

© kristian sekuli / Getty Images /

MÜNCHEN. Kliniken sind ungesund. Jedenfalls für Ärzte und noch mehr für Pflegekräfte, stellten Experten bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) in München fest.

Ungünstige Konstellationen gebe es zuhauf, so Professor Peter Angerer, diesjähriger Tagungspräsident und Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Düsseldorf.

Forschungsarbeiten hätten ergeben, dass hohe Belastung in Kombination mit wenig Kontrolle und sozialer Unterstützung, bei geringer Entlohnung, prekären Beschäftigungsverhältnissen oder überlastenden Arbeitszeiten krank machen.

Schon ein einzelner dieser Faktoren erhöhe das Krankheitsrisiko um 80 Prozent. Nicht besser: widersprüchliche Anforderungen oder fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte, so Dr. Matthias Weigl vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Universitätsklinikum München. Das Depressionsrisiko bei Ärzten verdoppele sich dann, bei Pflegekräften verdreifache es sich gar..

Stress durch miese Führung

Jörgen Wißler, Geschäftsführer der Asklepios-Fachkliniken München-Gauting, nannte Stress durch Ausgrenzung, miese Führung oder Gehaltsdruck als Risikofaktoren. Seine Klinik wolle bewusst besser sein als das. Nicht Klinik mache krank, so Wißler, sondern "mangelnde Ressourcen und nicht funktionierende Strukturen, gekoppelt mit antiquiertem Führungsverhalten."

Miese Bedingungen, so das allgemeine Fazit, begünstigten Ängste, Depression, Burnout und körperliche Malaisen. Kranke Fachleute bedeuteten zudem kränkere Patienten. Fehlmedikation, Behandlungsfehler, schlechte Genesung und eine schlechte Arzt-Patienten-Beziehung häuften sich.

Dr. Manuela Zapf, leitende Betriebsärztin am Klinikum Augsburg, berichtete aus der Studie "Flexibilisierte Individualisierte Netzwerke", dass sich Pflegekräfte vor allem Entlastung, sowohl körperlich (20 Prozent), geistig (16 Prozent) als auch seelisch (14 Prozent) wünschten.

Jede zweite Befragte über 50 Jahre sagte, so wie derzeit sei der Beruf nicht mehr lange zu schaffen. "Da sind wir alle gefragt", so Zapf.

Sogenannte SOK-Trainings mit den Komponenten Selektion, Optimierung und Kompensation könnten helfen, sagte Dr. Imad Maatouk vom Klinikum Heidelberg. So bringe eine erweiterte Form des "ALPA"-Trainings ("Alternsgerechte Pflegearbeit") Pflegekräften mehr Wohlbefinden.

Führungskräfte für ihre Verantwortung sensibilisieren

Individualansätze seien aber nur Teil der Lösung. "Die Erfahrung ist, dass Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements an Grenzen stoßen", so Professor Harald Gündel von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm.

Es gelte, die ganze Klinik einzubeziehen. Das versuche das 2017 gestartete BMBF-Verbundprojekt "Seelische Gesundheit am Arbeitsplatz Krankenhaus" (SEEGEN).

Obere Führungskräfte sollten für ihre Verantwortung sensibilisiert werden, und mittlere Führungskräfte lernen, Lösungen für die Dilemmata ihrer Arbeit zu finden.

Basis sei ein "Kultur-Klimaansatz" für ein Klima psychosozialer Sicherheit. Professor Karl-Walter Jauch, Ärztlicher Direktor des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München, betonte, Verantwortliche müssten "wirkliche Arbeitswelten gestalten", nicht nur Case-Mix-Indizes.

"Das wird nur funktionieren, wenn wir dem kaufmännischen Controlling (…) auch ein soziales Controlling gegenüberstellen", so Jauch.

Kur für das Gesundheitssystem

Dem Gesundheitssystem rieten die Experten zur Kur. Im EU-Vergleich habe Deutschland viele Kliniken und wenig Pflegekräfte. Laut Leopoldina-Gutachten von 2017 sei Dänemark ein Musterland, mit einer Klinik pro 250.000 Einwohner, so Professor Nico Dragano vom Institut für Medizinische Soziologie der Universität Düsseldorf.

Bei so einer Relation hätte Deutschland 330 Kliniken statt 1950. Aber ein Abbau falle schwer. "Das kommt einfach nicht gut an im Wahlkreis, wenn man Krankenhäuser dicht macht", so Dragano. Entscheidungsvorgänge seien "völlig unübersichtlich".

Das DRG-System verleite dazu, wenig Pflegekräfte zu beschäftigen, dafür viele Ärzte, die Diagnosen kodierten – und zum Teil lukrativ verfälschten. Es berücksichtige weder Strukturkosten noch Sonderausgaben.

Länder-Investitionen fehlten, sie hätten sich über 20 Jahre halbiert. Dragano forderte eine neue Krankenhausplanung, klare Ziele zur Klinikzahl, Länderinvestitionen und Abbau von Strukturdefiziten.

Ein bedarfsgerechter Ausbau der Pflege für alle Stationsarten erfordert laut Ver.di-Gewerkschaftssekretär Jürgen Lippl 70.000 neue Pflegekräfte und 3,5 Milliarden Euro pro Jahr.

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