Ärzte Zeitung online, 19.09.2018

Ärzte warnen

Hohe Depressionsgefahr bei jungen Menschen

Der Alltag junger Menschen birgt hohe Depressionsrisiken. Ärzte warnen: Die Gefahr der Chronifizierung ist groß.

Von Anno Fricke

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Krankenkassen stellen bei ihren jungen Versicherten verstärkt depressive Symptomatiken fest.

© Doreen Salcher / stock.adobe.com

BERLIN. Junge Menschen und die Angehörigen von Erkrankten stehen im Mittelpunkt von Kampagnen im Vorfeld des 15. Europäischen Depressionstags am 1. Oktober.

Aktuell leiden in Deutschland 11,3 Prozent der Frauen und 5,1 Prozent der Männer an einer Depression. Etwa 5,3 Millionen Menschen erkranken im Laufe eines Jahres, heißt es bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Rund 60 Prozent der 5,3 Millionen Depressions-Patienten im Jahr werden zunächst beim Hausarzt behandelt.

Als depressiv gelte, wer über mindestens 14 Tage hinweg völlig niedergedrückt sei, berichtet Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Depressionshilfe.

Viele Menschen mit Veranlagung zur Depression würden nicht erkannt, sagen Fachleute. Präventionsangebote greifen nicht immer wie gewünscht.

Eher unter dem Radar laufen ohnehin die Angehörigen der Erkrankten. Ihre Lebensqualität sinkt. Je länger der Zustand des Partners des Verwandten andauert, verschlechtert sich oft auch der Gesundheitszustand.

Angehörigen helfen, mit den Belastungen umzugehen

Vor wenigen Tagen haben der AOK-Bundesverband und das Universitätsklinikum Freiburg ein Online-Trainingsprogramm für Angehörige von depressiv erkrankten Menschen freigeschaltet. Der "Familiencoach Depression" soll Angehörigen helfen, mit ihren Belastungen umzugehen. Damit wollen die Initiatoren eine Versorgungslücke schließen.

Lediglich ein Drittel der psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken halte Psychoedukationskurse für Angehörige bereit, sagte Dr. Christiane Roick vom AOK-Bundesverband bei der Vorstellung des Programms am Mittwoch in Berlin.

Und nur jeder fünfte in Frage kommende Angehörige nutze ein solches Angebot, zu hoch seien oft noch die Stigmatisierungsängste.

Der "Coach" vermittelt Wissen über Symptome und wie Gespräche mit dem Erkrankten gut laufen können. Die Nutzer sollen lernen, wie die Angehörigen mit dem depressiven Familienmitglied oder Freund gemeinsam Probleme bewältigen und wieder mehr schöne Momente erleben können.

In einem weiteren Modul werden die Nutzer angeleitet, wie sie sich selbst gegenüber fürsorglich verhalten könne, um ihre Belastung zu verringern. Dazu kommen wissenschaftliche Informationen zur Krankheit selbst und zur Behandlung, zu Unterstützungsangeboten und zu Hilfen bei Suizidgefahr.

Selbsttötung gehört bei den 15- bis 29-Jährigen zu den häufigsten Todesursachen. 2015 nahmen sich in Deutschland 939 junge Menschen das Leben, verzeichnet das Statistische Bundesamt.

Verstärkt depressive Symptomatiken bei Jugendlichen

Krankenkassen wie die DAK und die Barmer haben in jüngeren Untersuchungen unter ihren Versicherten herausgefunden, dass Jugendliche in Deutschland verstärkt depressive Symptomatiken aufweisen.

Verantwortlich seien die Persönlichkeitsentwicklung, der Druck, in Schule und Studium erfolgreich zu sein, und die Ansprüche der Umwelt, gut ins Berufsleben zu wechseln, sagte Dr. Iris Hauth, frühere Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde anlässlich des nahenden Europäischen Depressionstages.

Episodisch finde sich in dieser Altersstufe eine erhöhte Verletzlichkeit, auch aufgrund von Selbstoptimierungszwängen und den Gefahren, in den sozialen Medien zu Mobbingopfern zu werden.

Rechtzeitige Interventionen seien daher wichtig. Die Gefahr der Chronifizierung von psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter sei groß, sagte Hauth.

Rund die Hälfte der Menschen mit einer depressiven Veranlagung entwickele bereits früh erste Symptome, sagte Dr. Kirsten Kappert-Gonther, präventionspolitische Sprecherin der Fraktion der Grünen im Bundestag.

Die Förderung der seelischen Gesundheit müsse daher bereits in der Kita beginnen, sagte die Ärztin. Lehrer sollten dafür als Ansprechpartner ausgebildet werden.

Mehr Depressionen in Altersgruppe bis 25 Jahren diagnostiziert

Allein zwischen 1998 und 2011 hat die Zahl der Behandlungen wegen Depressionen in der Altersgruppe bis 25 Jahre um 76 Prozent zugenommen, wie aus Erhebungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervorgeht.

RKI-Zahlen zur Prävalenz von Depressionen in Deutschland liegen aus einer Gesundheitsbefragung vor. Im Rahmen der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ wurden mehr als 20.000 Bundesbürger über 15 Jahren im Zeitraum von November 2014 bis Juli 2015 interviewt. 9,7 Prozent der Frauen und 6,3 Prozent der Männer gaben damals an, dass bei ihnen in den letzten zwölf Monaten eine Depression diagnostiziert wurde (siehe nachfolgende Grafik). (Mitarbeit: ths)

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