Ärzte Zeitung online, 29.11.2018

Baden-Württemberg

Kranke Schulkinder im Fokus

Chronisch kranke Schulkinder stehen zwischen Baum und Borke. Schulkrankenschwestern sind selten, Lehrer überfordert. Ein Kongress suchte nach Antworten.

Von Michael Sudahl

REUTLINGEN. Atteste, Bescheinigungen, Telefonate, und kein Ende: Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen rücken näher zusammen.

Die Zusammenarbeit im Interesse chronisch kranker Schüler wird immer wichtiger für die Entwicklung speziell auffälliger und kranker Kinder und Jugendlicher.

Die Ausschüsse „öffentliches Gesundheitswesen“ und „Kinder und Jugendliche“ der Landesärztekammer haben deshalb jüngst zu einem Symposium nach Reutlingen eingeladen.

Mit dabei: Vertreter aus den Ministerien Kultus und Soziales, Schulleiter, Ärzte und auch interessierte Eltern.

ADHS, Medienprobleme, Adipositas, Diabetes, Asthma, Schulängste und -verweigerer sind typische Herausforderungen für Lehrer im Schulalltag. „Nur die Kooperation zwischen Lehrern und Schulbehörden mit den Akteuren im Gesundheitswesen lassen sinnvolle Antworten erwarten“, sagte Dr. Peter Schäfer vor rund 120 Teilnehmern.

Schulkrankenschwestern sind rar

Der Leiter des Landesgesundheitsamtes in Mannheim will in einer Projektgruppe öffentlichen Gesundheitsdienst, niedergelassene und Klinikärzte, Psychotherapeuten und Schulbehörden verzahnen, um etwa chronisch kranke Kinder und Jugendliche besser betreuen zu können. Bisher gebe es in Baden-Württemberg nur ausnahmsweise Schulkrankenschwestern, die medizinische Fachkompetenz in Schulen vorhalten.

Dr. Stefan Meißner vom Regierungspräsidium (RP) Tübingen, der dort die Themen Inklusion und Migration an Gymnasien verantwortet, skizzierte die Initiativen, die das Regierungspräsidium seit 2009 modellhaft unternommen hat. „Die bisherigen Regelungen unter dem Schlagwort Schülergesundheit reichen nicht weit genug“, konstatierte er.

Ungeklärt sei vielfach, wer wofür zuständig ist, etwa bei einer Lese-Rechtschreibstörung. Gemeinsame Lösungen seien daher gefragt.

Der Fachtag diente deshalb auch der Vernetzung von Lehrern und Ärzten. Der Themenrahmen ist groß und reicht von Prävention in den Bereichen Ernährung und Sport bis hin zu Gewalt und Sucht.

Die Referenten diskutierten, welche Probleme auf regionaler Ebene und welche auf Landesebene angegangen werden müssen. Was eine gesunde Schule im 21. Jahrhundert ausmacht, skizzierte der Vertreter des RP Tübingen.

Ausgehend von einer Studie der Weltgesundheitsorganisation, wonach 15 Prozent aller Kinder und Jugendlicher krankheitsauffällig seien, befragte seine Behörde alle Gymnasien im Regierungsbezirk und stellte fest, dass nur bei einem Prozent der Schüler Kenntnisse über eine Krankheit an den Schulen vorhanden war.

„Da haben wir gemerkt, dass es ein Defizit im Wissen um den Gesundheitszustand der Schüler gibt“, so Meißner. Die Schulleiter trügen dafür Verantwortung, dass kein Schüler benachteiligt wird. „Im Zweifel ist der Rektor für alles verantwortlich, deshalb muss man Aufgaben delegieren,“ sagte Meißner.

Er hat interessierte Gymnasiallehrer zu einer Fortbildung über die gängigsten Krankheitsbilder im somatischen und psychosomatischen Bereich eingeladen. Thema waren zudem auch mögliche Ausgleichsmaßnahmen – 48 Lehrer hätten auf Anhieb teilgenommen.

Lernen von erfolgreichen Beispielen

Man sei sich mit Schulleitern und Personalräten einig gewesen, dass Lehrer bonifiziert werden müssten, die Verantwortung auch für gesundheitliche Fragen übernehmen und sich weiterbilden. Da aber die Initiative quasi von unten komme, so Meißner, seien die Möglichkeiten begrenzt.

Doch das bestehende Recht sieht vor, dass Schulleiter etwa Lehraufträge so vergeben können, dass Pädagogen Jahrgänge unterrichten, die weniger zeitaufwändig sind, so dass sie mehr Spielraum für medizinische Betreuung und Versorgung haben.

In begrenztem Umfang können variable Deputatsstunden vergeben werden, wenn sich etwa eine Schule für chronisch erkrankte Schüler profiliert. Schließlich könnten Rektoren vereinzelt Funktionsstellen definieren, die höher besoldet sind (A14 und A15), die dermaßen qualifizierte Lehrer bekommen.

„Gesundheitsfachkräfte an Schulen sind sinnvoll“, resümierte Meißner und skizzierte erfolgreiche Beispiele. So haben Lehrer im Allgäu ein E-Learning-Konzept entwickelt, mit dem sie einen Autisten dazu brachten, wieder am Schulalltag teilzunehmen. Der Schüler hatte sich total isoliert, war dem Unterricht ferngeblieben und hatte sich nur noch seiner Mutter mitgeteilt.

So hat sich etwa ein Gymnasium in Meersburg auf Diabetiker fokussiert. Im Schulalltag sind dort genügend Fachleute präsent, die bei Bedarf Blutwerte messen und Insulin verabreichen können und sich mit der Ernährung auskennen.

Rückt das Thema Gesundheit und Schule stärker in den öffentlichen Fokus, dann steigen die Chancen, dass flächendeckende Strukturen für eine bessere Betreuung kranker Schulkinder entstehen, so ein Fazit des Fachtags.

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