Ärzte Zeitung, 11.05.2016

Versorgung vor Ort

Psychiatrische Hilfe im gewohnten Umfeld

Das neue Entgeltsystem für die stationäre psychiatrische Versorgung (PEPP) sieht vor, dass Patienten künftig auch daheim betreut werden können. Ein ähnliches Konzept von TK und KKH läuft bereits seit 2009 - und könnte Modell stehen.

Von Anne Zegelman

Psychiatrische Hilfe im gewohnten Umfeld

Ivita-Leiterin Julia Bröhling-Kusterer und Sozialarbeiterin Sarah Berens (von rechts) sprechen mit Heike Schmidt.

© Zegelman

KOBLENZ. Persönliche Gespräche, telefonische Erreichbarkeit rund um die Uhr und die Möglichkeit, sich in einer speziell dafür eingerichteten Wohnung ein paar Tage zurückzuziehen: Für psychisch kranke Menschen, die in der Krise nicht ins Krankenhaus möchten, kann das Programm Netzwerk Psychische Gesundheit (NWPG) von Techniker Krankenkasse (TK) und Kaufmännischer Krankenkasse (KKH) eine Alternative sein.

Auf den ersten Blick gleicht es dem Konzept des Home Treatment, das als Teil des neuen Entgeltsystems für die stationäre psychiatrische Versorgung (PEPP) im Februar in Berlin vorgestellt wurde.

Doch anders als das Home Treatment wird die NWPG-Betreuung, die seit 2009 in Berlin und mittlerweile in zwölf weiteren Bundesländern läuft, nicht vom Krankenhaus aus koordiniert, sondern ist gemeindepsychiatrisch aufgestellt.

13.000 machen bereits mit

Bundesweit haben sich bisher rund 13.000 Teilnehmer für das NWPG angemeldet. Das Programm fußt auf der im Versorgungsstärkungsgesetz verankerten besonderen Versorgung. Je nach Region arbeiten TK und KKH mit verschiedenen Partnern.

In Koblenz, Ludwigshafen und Saarbrücken ist seit 2014 die ivita GmbH (Integrierte Versorgung Innovative Teilhabe Ambulant) zuständig. 450 Versicherte aus Rheinland-Pfalz und Saarland nehmen bisher teil - nicht jeder von ihnen hat allerdings eine akute Krise.

"Es gibt Menschen, denen reicht der doppelte Boden; die nehmen dann das Angebot selbst gar nicht in Anspruch", weiß Julia Bröhling-Kusterer, Leiterin des ivita-Netzwerks für Seelische Gesundheit in Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

"Patienten, die das NWPG-Angebot in Anspruch nehmen, profitieren gewöhnlich deshalb davon, weil sie ihr gewohntes Umfeld nicht verlassen müssen", erklärt TK-Sprecherin Christina Crook.

Als Alternative zur Klinik bietet das Programm gemeindepsychiatrisch ausgebildete Ansprechpartner, die mit den Teilnehmern in der Krisenwohnung oder auch bei Hausbesuchen einen Weg aus der Depression erarbeiten, Tagespläne erstellen, therapeutische Gespräche führen und auch das Umfeld miteinbeziehen.

Der Kontakt ist in Krisenzeiten kontinuierlich, in manchen Fällen sehen sich Bezugsbegleiter und Teilnehmer täglich.

Sechs Psychiatrieaufenthalte in kurzer Zeit

So wie Heike Schmidt (Namen von der Redaktion geändert) und ihre Bezugsbegleiterin Sarah Berens, ivita-Regionalleiterin für Koblenz und die Region Mittelrhein. "Im vergangenen Herbst bekam ich ein Schreiben der TK, in der ich über das NWPG informiert wurde", erinnert die 53-jährige Heike Schmidt sich.

Bereits als junge Frau wurde bei ihr eine bipolare Störung diagnostiziert. Lithium habe ihr lange gut geholfen, doch nach 13 Jahren musste sie es aus gesundheitlichen Gründen absetzen.

Das war der Beginn eines neuerlichen, langen Leidenswegs mit sechs Psychiatrieaufenthalten in kurzer Zeit.

Für Heike Schmidt stand fest, dass die Psychiatrie nur im äußersten Notfall erneut in Frage kam. Deshalb meldete sie sich beim NWPG. In den ersten Wochen sei Sozialarbeiterin Sarah Berens fast täglich zu ihr nach Hause gekommen, berichtet sie - das sei eine intensive Zeit gewesen.

Zwischen den rund eineinhalb Stunden dauernden Besuchen telefonierten die Frauen oder schrieben sich Nachrichten übers Handy.

Erfahrungswerte können helfen

Heike Schmidt sagt, sie finde das Wissen um die Möglichkeit, ein paar Tage in der Rückzugswohnung zu verbringen, sehr hilfreich. Wer hier ein paar Tage, Wochen oder sogar Monate wohnt, kocht gemeinsam mit dem Bezugsbegleiter, unternimmt Spaziergänge, um ins Reden zu kommen, oder nimmt an Treffen ortsansässiger Selbsthilfegruppen teil.

Und ist vor allem nicht allein. Vier Mitarbeiter am Koblenzer Standort teilen sich die Aufgabe, rund um die Uhr für die Teilnehmer ansprechbar zu sein.

Sie alle haben eine gemeindepsychiatrische Weiterbildung, können bei Suizidalität auf ein Netzwerk von Ärzten zurückgreifen und empfehlen im Zweifel auch einen stationären Aufenthalt. Dieser kann dann ebenfalls begleitet werden.

Aktuell laufen Verhandlungen mit der TK über eine Vertragsverlängerung. Bröhling-Kusterer und ihr Team wissen, dass ihr Konzept Überschneidungspunkte mit dem Home Treatment im PEPP hat. Die ivita-Leiterin findet allerdings, dass sich das nicht gegenseitig ausschließt: "Wir würden uns mit unseren Erfahrungswerten auch als Partner anbieten."

Die TK steht dem PEPP-Home-Treatment hingegen tendenziell skeptisch gegenüber, so Sprecherin Crook: "Der Gedanke liegt allzu nahe, dass der Patient, der eigentlich zu Hause betreut werden sollte, vielleicht schon aus rein zeiteffizienten Gründen, wieder stationär eingewiesen wird.

Es gibt hier noch vieles zu besprechen und zu präzisieren, weshalb es noch eine ganze Weile dauern kann, bis das Konzept reißfest realisiert wird", bremst sie. Das NWPG hingegen sei etabliert.

[11.05.2016, 09:46:43]
Uwe Herrmann 
MDK, ick hör Dir trapsen
"Der Gedanke liegt allzu nahe, dass der Patient, der eigentlich zu Hause betreut werden sollte, vielleicht schon aus rein zeiteffizienten Gründen, wieder stationär eingewiesen wird. [...]" Wenn die Kassen da mal nicht wieder einen Anlass sehen, Fallprüfungen zu intensivieren. Das System PEPP ist schon jetzt ein unglaublicher Zeitfresser und wenn bei den neuen möglichen Versorgungsmodellen die Kliniken verdächtigt werden, dann sehe ich rosige Zeiten für Controlling-Abteilungen und PEPP-Beauftragte aufziehen - so schnell werden wir nicht überflüssig. (Ironiemodus aus!) Wieso gehen die Kassen und Kliniken nicht fairer miteinander um? Schließlich haben wir doch das gleiche Ziel: eine ausreichende Versorgung der Patienten, um eine (möglichst rasche) Genesung zu erreichen. Und die Zeit dafür sollte doch wirklich für die Versogung aufgewendet erden und nicht für Spielchen der Art, "Wer kann wem welche Fehlkodierungen, -Belegungen, ... nachweisen - oder auch nicht?" Das Ganze nimmt ja schon fast Züge von Hase- und Igelrennen an. Anders ausgedrückt: Ich würde meine Arbeitszeit als psychiatrischer Krankenpfleger und PEPP-Dokumentationskraft lieber sinnvoll einsetzen anstatt immer nach neuen Schlupflöchern suchen zu müssen. zum Beitrag »

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