Ärzte Zeitung, 01.03.2017
 

Reform

Psychotherapeuten stehen vor einer Neuordnung

Neue Leistungen, weniger Bürokratie, dafür höherer Aufwand für die Praxisorganisation: Für Psychotherapeuten ändert sich zum 1. April einiges. Die entscheidende Frage haben KBV und Kassen aber noch nicht beantwortet: die zur Höhe des Honorars.

Von Hauke Gerlof

Psychotherapeuten stehen vor einer Neuordnung

Im Gespräch: Auch Psychotherapeuten haben umfangreiche Dokumentationspflichten.

© pressmaster / fotolia.com

BERLIN. Es ist ein echter Einschnitt in der Versorgung: Für Vertragspsychotherapeuten bringt die Umsetzung der Psychotherapie-Reform zum 1. April viele Neuerungen, die eine erhebliche Umstellung in den Praxisabläufen erforderlich machen wird.

Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) begrüßt die Änderungen insgesamt, sie sieht aber einen "erheblichen Mehraufwand" auf die Praxen zukommen, der sich in der Bewertung der Leistungen niederschlagen müsse, wie DPtV-Vorstand Michael Ruh im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" gesagt hat.

Betroffen von den Änderungen sind gleichermaßen ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, aber auch Haus- und Fachärzte, die Richtlinienpsychotherapie mit Zusatzweiterbildung in ihren Praxen "nebenbei" betreiben.

Unter anderem sieht die von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband geänderte Psychotherapie-Vereinbarung eine Psychotherapeutische Sprechstunde vor, die Patienten einen schnellen Zugang zum Psychotherapeuten gewährleistet.

Erleichterungen bei gutachterlichen Pflichten

Sie ist gedacht zur diagnostischen Abklärung und kann bei Erwachsenen sechsmal im Krankheitsfall in Form von 25-minütigen Gesprächen erbracht werden. Bei Kindern- und Jugendlichen sind bis zu zehn Psychotherapeutische Sprechstunden pro Krankheitsfall möglich.

Neu sind auch die psychotherapeutische Akutbehandlung, eine Rezidivprophylaxe nach Langzeittherapie, feste Zeitvorgaben für die telefonische Erreichbarkeit psychotherapeutischer Praxen und neue Formulare.

Erleichterungen bringt die Reform bei gutachterlichen Pflichten, etwa vor Beginn einer Kurzzeittherapie. KBV und Kassen setzen mit den Änderungen die Änderung der Psychotherapie-Richtlinie durch den Gemeinsamen Bundesausschuss für die vertragspsychotherapeutische Versorgung um.

Die Entscheidung des Bewertungsausschusses zur Honorierung der neuen Leistungen steht noch aus und wird von den Vertragspsychotherapeuten dringend erwartet. "Die neuen Leistungen fordern einiges an Umorganisation ab", kommentiert DPtV-Vorstand Ruh.

"Nicht gegenfinanziert"

So brauchen Psychotherapeuten jetzt Unterstützung durch Assistenz oder durch Telefondienste, um die telefonische Erreichbarkeit der Praxis zu gewährleisten. "Das ist bisher nicht gegenfinanziert", mahnt Ruh an. "Die neuen Leistungen werden nur funktionieren, wenn sie sich auch betriebswirtschaftlich rechnen."

Zuletzt seien die Psychotherapeuten beim Einkommen von den Vertragsärzten immer mehr abgehängt worden, wie auch vor Kurzem das Zi-Praxis-Panel gezeigt habe.

Die Entscheidung des Bewertungsausschusses über die neuen Leistungen im EBM-Kapitel 35 muss noch im März fallen.

Psychotherapeuten in der Versorgung

- 22.547 psychologische Psychotherapeuten

- 6084 ärztliche Psychotherapeuten

- 4- 6000 Haus- und Fachärzte mit Zusatzweiterbildung Psychotherapie (grobe Schätzung)

Quelle: KBV, Stand Ende 2015

Lesen Sie dazu auch:
Psychotherapie: Psychotherapeuten müssen Praxen neu organisieren

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Tausende HPV-Tumoren pro Jahr sind vermeidbar

Viele Krebserkrankungen in Deutschland ließen sich durch einen HPV-Schutz vermeiden, so RKI-Berechnungen. Das Institut rät zum Impfen - das könnte auch bei Jungen sinnvoll sein. mehr »

Mit Kohlenhydrat-Tagen die Insulinresistenz durchbrechen

Typ-2-Diabetiker mit schwerer Insulinresistenz können vom Prinzip einer hundert Jahre alten Haferkur profitieren. Erfahrungsgemäß sprechen 70 Prozent der Betroffenen darauf an. mehr »

Kliniken in Nordrhein sind Vorreiter beim E-Arztbrief

Der Klinikbetreiber Caritas Trägergesellschaft West zählt zu den Vorreitern des elektronischen Arztbriefes über KV-Connect. Viele Niedergelassene sind bereits angeschlossen. mehr »