Ärzte Zeitung online, 06.10.2017
 

WPA-Präsident Bhugra

"Seelisch Kranke haben nur in 40 Prozent der Welt Rechte!"

Beim Weltkongress der Psychiatrie 2017 in Berlin treffen ab Sonntag Mitglieder psychiatrischer Fachgesellschaften aus 118 Ländern zusammen. Die "Ärzte Zeitung" hat mit ihrem Präsidenten gesprochen.

Von Anno Fricke

„Seelisch Kranke haben nur in 40 Prozent der Welt Rechte!“

Dinesh Bhugra, Präsident der World Psychiatric Association

Aktuelle Position. Präsident der World Psychiatric Association, eines Zusammenschlusses von 138 nationalen Psychiatrie- Gesellschaften aus 118 Ländern, die 200.000 Psychiater repräsentieren.

Karriere: Bhugra ist Professor (em.) für Mental Health and Cultural Diversity beim Institut of Psychiatry, Psychology and Neuroscience am King's College London.

© WPA

Ärzte Zeitung: Herr Bhugra, was ist derzeit weltweit die größte Herausforderung auf dem Gebiet der Psychiatrie?

Dinesh Bhugra: Die Diskriminierung von Menschen mit psychischen Leiden. Die World Psychiatric Association hat einen aktuellen Überblick von 193 UN-Mitgliedsstaaten erstellt, die die Behindertenrechtskonvention unterzeichnet haben. Betrachtet haben wir die Rechte der Menschen, zu wählen, zu heiraten, einen Willen zu äußern, Besitz und ein Recht auf Arbeit zu haben. Nur 36 bis 40 Prozent der Länder räumen Menschen mit einer psychischen Krankheit diese Rechte ein. Wir haben in einer Untersuchung herausgefunden, dass nur die Hälfte der Commonwealth-Staaten überhaupt eine politische Strategie für den Umgang mit psychisch kranken Menschen formuliert hat. (das Commonwealth besteht derzeit aus 52 Staaten. Anm. d. Red.) Die Diskriminierung ist in Ländern mit niedrigerem oder mittlerem Durchschnittseinkommen höher. Ein Ergebnis der Diskriminierung ist, dass die Mittel für Forschung und Therapie hinter denen für somatische Krankheiten zurückbleiben.

Die Weltgesundheitsorganisation hat festgestellt, dass in den kommenden zwölf Jahren aufgrund psychischer Krankheiten weltweit rund zwölf Milliarden Arbeitstage verloren gehen könnten. Was sind die Gründe dafür?

An der Seele erkrankte Menschen brauchen Auszeiten von der Arbeit, sie brauchen Hilfe und Schutz am Arbeitsplatz. Menschen in der Arbeitswelt können unter Stress geraten. Es gibt daher einen Bedarf für schnellen Zugang zu Behandlung und Hilfe. Die World Psychiatric Association hat als Mitglied des Weltwirtschaftsforums ein Positionspapier zu Arbeit und psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz herausgegeben. So wie für Erste Hilfe bei Verletzungen muss dringend Aufmerksamkeit für Erste Hilfe bei psychischen Leiden geschaffen werden. Wer eine Auszeit für Erholung braucht, sollte bei der Wiedereingliederung in die Arbeitsumgebung unterstützt werden.

Reagieren die Gesundheitssysteme weltweit angemessen auf diese Herausforderungen?

Nicht immer. Viele Länder haben versucht, über den Tellerrand zu blicken. Sie haben Gesundheitsarbeiter, Religionstherapeuten, Schulkinder und Lehrer darauf geschult, Menschen mit psychischen Krankheiten beizustehen beziehungsweise um für Verständnis für psychische Gesundheit zu werben. In der Mehrzahl der Länder erfährt die psychische Gesundheit nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie die physische, was sich an der Finanzierung von Behandlung und Forschung ablesen lässt. Es ist auch nicht sicher, dass Ärzte sich der psychischen Konsequenzen physischer Krankheiten immer bewusst sind.

65 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht. Sie verlassen ihre Häuser auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in anderen Ländern. Was macht das mit der mentalen Gesundheit dieser Menschen?

Menschen wandern aus allen möglichen Gründen aus: politische und religiöse Verfolgung, Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Auslöser können aber auch fehlende Bildungsmöglichkeiten oder wirtschaftliche Gründe sein. Migranten sind in der Regel körperlich und geistig robust, in vielen Ländern gibt es unter ihnen aber vergleichsweise höhere Raten seelischer Störungen.Natürlich verursacht die Migration an sich Stress, Anpassung und Akkulturation können für weitere Not sorgen. Gesellschaftliche Unterstützung kann helfen , sich besser anzupassen und sich niederzulassen.

Flüchtlinge können in Trauer verfallen, weil sie ihre Kultur hinter sich lassen mussten. Das kann zu einem Gefühl der Verlorenheit führen, vor allem, wenn sie ihre Familie zurücklassen mussten. Sie können sich isoliert fühlen und einsam.

Die kulturellen Normen, die Sprache und Verhaltensregeln in der neuen Gesellschaft kann einen Kulturschock auslösen. Nach einiger Zeit im neuen Land kann es zu kulturellen Konflikten kommen. Auch mit Angehörigen der eigenen Volksgruppe, deren Integrationstempo unterschiedlich hoch sein kann.

Aktuell verlassen die Rohingya in Scharen Myanmar Richtung Bangla Desh. Bürger arabischer und afrikanischer Staaten versuchen nach Europa zu gelangen. Weisen Flüchtlinge weltweit gemeinsame psychologische Muster auf? Oder gibt es Unterschiede?

Die Erfahrungen, Asyl zu suchen oder einen Anerkennungsprozess als Flüchtling zu durchlaufen, kann Individuen auf höchst unterschiedliche Weise treffen. Menschen aus kollektivistisch oder gesellschaftszentrierten Kulturen können Probleme haben, sich an eine auf das Individuum zugeschnittene Kultur anzupassen. Vor allem dann, wenn das aus ihrem eignen kulturellen Hintergrund gar nicht kennen. Man hat bereits argumentiert, dass Menschen aus individualistisch geprägten Kulturen leichter neue Gruppen bilden und sich auf neue Kulturen einstellen können. Religiöse Verfolgung erzeugt zusätzlichen Stress. Das ist abhängig vom Grad der Religiosität. Und der Möglichkeit, in einer neuen Kultur seine religiösen Werte weiter zu verfolgen und seine Riten ausüben zu dürfen.

Die Erfahrung, Verletzungen ausgesetzt zu sein, mag sehr ähnlich sein. Aber die Widerstandskraft und die Reaktionen können von Gruppe zu Gruppe und Individuen unterschiedlich ausfallen.

Bekommen Flüchtlinge ausreichend medizinischen und seelischen Beistand?

In jüngerer Zeit, wegen des Aufkommens von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, wird Einwanderung als Bedrohung und Negativfaktor betrachtet. Man muss aber im Hinterkopf haben, dass Menschen seit Jahrtausenden migriert sind und die Beiträge der Neuankömmlinge bedeutend sind. Viele Flüchtlinge bekommen nicht genug Hilfen. Manchmal wird ihr Körper untersucht, psychologische Bedürfnisse jedoch außer Acht gelassen. Zu beachten ist ferner, dass die eigenen Bilder von Krankheit und die Fähigkeiten, Not zu äußern, kulturell geprägt sind. Das hat Einfluss auf die Art der Suche nach Hilfe.

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