Ärzte Zeitung, 17.06.2015

Nürnberger Pilotprojekt

Jeder Fehler zählt

Haus- und Fachärzte des Nürnberger Gesundheitsnetzes "Qualität und Effizienz" wollen systematisch aus Fehlern lernen: Über eine Webseite tauschen sie anonymisierte Berichte über Pannen im Praxisalltag aus.

Von Jürgen Stoschek

MÜNCHEN. In einem auf zwei Jahre angelegten Pilotprojekt haben die 70 Haus- und Facharztpraxen des Nürnberger Gesundheitsnetzes "Qualität und Effizienz" (QuE) ein gemeinsames Fehlermelde- und Lernsystem eingerichtet.

Unterstützt werden sie dabei von der Techniker Krankenkasse (TK), dem wissenschaftlichen Institut der TK (WINEG) und dem Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt.

Auf einer passwortgeschützten Homepage können die Haus- und Fachärzte und deren Teams ab sofort Fehler strukturiert dokumentieren. Nachdem die Berichte anonymisiert wurden, stehen sie danach allen Mitgliedern des Praxisnetzes zur Verfügung.

"Immer dort, wo Menschen tätig werden, können Fehler entstehen", erklärte QuE-Vorsitzender Dr. Veit Wambach bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Projektpartner in Nürnberg.

Dabei gehe es nicht darum festzustellen, wer Schuld hat. Notwendig sei vielmehr, Fehler zu erkennen und daraus im Sinne eines Risikomanagements zu lernen, um so die Qualität der Versorgung zu optimieren.

Die Vernetzung in QuE könne in besonderer Weise für eine Optimierung der Versorgung genutzt werden, da insbesondere chronisch kranke Patienten in der Regel von Ärzten verschiedener Fachrichtungen behandelt werden und viele kritische Ereignisse auf Schnittstellenproblemen basieren, erklärte Wambach.

Patientenansprüche steigen

Daher werde in QuE schon seit Längerem bei Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt ein Medikations-Check durchgeführt und bei chronisch Kranken auch regelmäßig wiederholt.

Die Möglichkeit von kritischen Zwischenfällen im Verlauf der medizinischen Versorgung sei den Versicherten durchaus bewusst, erklärte der Direktor des WINEG, Dr. Frank Verheyen.

Denn die Medizin werde nicht nur immer leistungsfähiger und komplexer, auch die Ansprüche der Patienten stiegen.

Skandalisierung ist kontraproduktiv

Eine Skandalisierung von Behandlungsfehlern sei unangemessen und schade letztendlich der Patientensicherheit, erklärte Verheyen. Die Wahl für die Durchführung des Pilotprojektes sei auf das QuE-Netz gefallen, weil es dort innovative Partner gebe.

Ziel des Projektes sei die systematische Bearbeitung kritischer Zwischenfälle, um so Handlungsempfehlungen zur Vermeidung künftiger Problemfälle erarbeiten zu können.

Risiken und Mängel in der Patientenversorgung entstehen häufig systembedingt, erklärte Martin Beyer vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt. Das Institut betreibe deshalb bereits seit mehr als zehn Jahren ein Fehlerberichts- und Lernsystem (www.jeder-fehler-zaehlt.de).

Das System sei offen im Netz zugänglich und zeige, wie Hausärzte kritische Ereignisse berichten und über Ursachen und Vermeidungsstrategien diskutieren, teilte Beyer mit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »

Mit Geriatrietests zur Diabetestherapie à la carte

Der eine ist fit, der andere gebrechlich: Alte Menschen mit Typ-2-Diabetes brauchen individuelle Therapieformen. Ein Geriater gibt Tipps. mehr »