Ärzte Zeitung, 18.07.2012

Thüringen: AOK verlängert Hausarztvertrag

Obwohl die Evaluation erst Ende 2013 vorliegen wird, will die AOK plus den Hausarztvertrag in Thüringen verlängern. Allerdings haben sich noch nicht genügend Hausärzte in den Vertrag eingeschrieben.

Von Robert Büssow

Thüringen: AOK verlängert Hausarztvertrag

Der Hausarzt als Lotse in Thüringen: Die AOK plus, die größte Kasse im Land, verlängert den Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung.

© seen/fotolia.com

ERFURT. Der Hausarztvertrag (HzV) der AOK plus wird in Thüringen verlängert. "Unsere Erwartungen haben sich bislang erfüllt. Und wir wollen noch mehr Versicherte und Ärzte in den Vertrag reinbringen", sagt Kassenchef Rolf Steinbronn im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Beim Start des Vertrags Ende 2010 hatte die AOK Plus die Fortführung ursprünglich von einer Evaluation nach zwei Jahren abhängig gemacht.

Die wissenschaftliche Auswertung kommt trotzdem: Gesundheitsökonom Jürgen Wasem und Jochen Gensichen, Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Jena, sollen bis Ende 2013 über mehrere Quartale den Nutzen des Hausarztvertrags prüfen.

"Dies ist das erste Mal, dass ein Add-on-Vertrag wissenschaftlich evaluiert wird", betont Steinbronn.

Die AOK plus habe für den Vertrag derzeit 6,5 Millionen Euro zusätzlich in den Etat gestellt. Eingeschriebene Hausärzte nähmen im Schnitt 15.000 Euro pro Jahr zusätzlich ein, hat die Kasse ausgerechnet.

Ob sich die Investition auch lohnt, muss die Evaluation zeigen. Steinbronn hofft, dass unnötige Facharzttermine wegfallen, wenn der Hausarzt stärker zum "Lotsen" wird.

40-Prozent-Ziel noch nicht erreicht

Das Programm, das vor allem für Chroniker konzipiert ist, verpflichtet Patienten, zunächst ihren Hausarzt aufzusuchen. "Da gibt es einen, der den ganzen Menschen kennt, wo alle Fäden zusammenlaufen", so Steinbronn.

Allerdings mangelt es noch an Lotsen in Thüringen. Momentan hinkt die AOK ihrem selbstgesteckten Ziel einer flächendeckenden Versorgung hinterher.

Dies gilt als erreicht, wenn 40 Prozent der 1168 Hausärzte, die an mindestens zwei Disease-Management-Programmen (DMP) teilnehmen, auch im Hausarztvertrag eingetragen sind. Aktuell liege die Quote bei 35 Prozent.

Der Streit über Sinn und Unsinn der Add-on-Verträge habe dazu geführt, dass viele noch abwarten. "Wir haben relativ viele ältere Ärzte, die sich fragen, ob man dort noch teilnehmen muss", so Steinbronn.

"Es ist kein Teufelszeug. Der Hausarzt hat mehr Informationen und kann seiner Funktion als Koordinator im Gesundheitswesen mit solchen Konstruktionen viel besser gerecht werden."

Startprobleme bei der obligatorischen Praxissoftware seien inzwischen ausgeräumt. Auch den Vorwurf, die Kasse wolle sich Zugriff für eine Direktabrechnung verschaffen, weist Steinbronn zurück.

Zufrieden zeigt er sich mit der Einschreibung der Patienten. Von den 94.000 Teilnehmern sei ein Großteil chronisch krank.

Etliche Pauschalen

Rund 140.000 AOK-Versicherte sind in Thüringen in DMP für Diabetes mellitus (rund 60.000), koronare Herzkrankheit, Asthma bronchiale, COPD sowie Brustkrebs eingetragen.

Die AOK plus ist mit einem Marktanteil von knapp 50 Prozent und 800.000 Versicherten der Platzhirsch in Thüringen. In Sachsen, wo die Kasse ihren Sitz hat, gebe es wegen Unstimmigkeiten auf der Ärzteseite noch keinen Hausarztvertrag.

Teilnehmende Ärzte erhalten pro Quartal und Patientenkontakt eine Pauschale von zwei Euro.

Eine Hauptmorbiditätspauschale von sechs Euro wird für Erhebung und Dokumentation aller für die Diagnostik und Therapie relevanten Befunde im Rahmen von Überweisungen an den Facharzt und bei stationären Einweisungen fällig.

Hinzu kommen weitere Pauschalen. Ebenfalls mit 17 Euro pro Besuchsfall werden Hausbesuche der Versorgungsassistentin VERAH extra vergütet. "Gerade bei Chronikern muss nicht immer gleich der Arzt kommen", so Steinbronn.

Inzwischen seien 56 speziell ausgebildete Praxismitarbeiter als VERAH in Thüringen unterwegs.

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