Ärzte Zeitung online, 28.04.2016

Hausarztzentrierte Versorgung

Erfolg bei Darmkrebs-Früherkennung

Bei Versicherten, die an den Selektivverträgen in Baden-Württemberg teilnehmen, ist die Darmkrebs-Inzidenz etwa dreimal so stark gesunken wie in der Regelversorgung.

Von Helmut Laschet

Erfolg bei Darmkrebs-Früherkennung

Bei Frauen, die an der HzV teilnehmen, sank die Inzidenz von Darmkrebs um 9,6 pro 100.000.

© Henry Schmitt / fotolia.com

STUTTGART. Das 2011 eingeführte Einladungsverfahren zur Vorsorgekoloskopie im Rahmen der Selektivverträge der AOK Baden-Württemberg und der BKK Bosch haben zu einer deutlich höheren Inanspruchnahme der Darmkrebs-Früherkennung und in der Folge zu einer deutlich überproportionalen Senkung der Darmkrebsinzidenz im Vergleich zur Regelversorgung geführt.

Diese Bilanz haben gestern die beiden Kassen sowie der Hausärzteverband und Medi Baden-Württemberg veröffentlicht.

Ausgewertet worden war die Entwicklung der Darmkrebsinzidenz bei 55- bis 85-jährigen Versicherten in den Selektivverträgen und in der Regelversorgung in den Jahren 2009 bis 2014.

Danach ist die Rate der Neuerkrankungen bei den in die hausarztzentrierte Versorgung eingeschriebenen Männern um 24,5 pro 100.000 gesunken, in der Regelversorgung nur um 8,5 pro 100.000.

Bei Frauen, die an der HzV teilnehmen, sank die Inzidenz um 9,6 pro 100.000, in der Regelversorgung jedoch nur um 1,8 je 100.000. Das Ausgangsniveau der Inzidenz lag im Jahr 2009 bei den Männern bei 81,7 und bei Frauen bei 49,9 Neuerkrankungen je 100.000 Versicherte.

Kampagne "Darm-Check" findet jährlich statt

Nach Auffassung der Vertragspartner hat dazu wesentlich das im Jahr 2011 eingeführte Einladungsverfahren beigetragen, das bereits 2009 von einem Experten-Workshop des Bundesgesundheitsministeriums als Instrument eines Nationalen Krebsplan empfohlen worden war, aber voraussichtlich erst 2017 bundesweit verbindlich durch den Gemeinsamen Bundesausschuss eingeführt wird.

Ein weiteres Element der Selektivverträge in Baden-Württemberg ist die jährlich stattfindende Kampagne "Darm-Check", die die Zielgruppe über die Früherkennungs-Koloskopie sachlich informiert.

Als besonderer Service wird eingeschriebenen Versicherten ein Wunschtermin beim Gastroenterologen binnen 14 Tage vermittelt. Seit 2014 haben auch Versicherte zwischen 50 und 54 Jahre Anspruch auf eine Koloskopie. Die Effekte auf die Darmkrebsinzidenz werden derzeit untersucht.

Weitere positive Effekte auf die Mobilisierung der Patienten versprechen sich die Vertragspartner von einer zusätzlichen softwareunterstützten Erinnerungsfunktion beim Hausarzt.

[28.04.2016, 20:03:27]
Dr. Franziska Kamp 
Glaube keiner Schlussfolgerung, wenn du nicht alles kennst...
Der Kollege Bayer hat recht: Was soll uns der Artikel denn sagen?

Eine isolierte, stärkere Senkung der Inzidenz sagt uns nicht viel.
Zudem wird auch nicht genau dargelegt, wie sich die Teilnehmer der HzV-Gruppe, welche der Einladung zur Koloskopie gefolgt sind, von jenen der Regelversorgung unterscheiden (z. B. in Gruppengröße, Alter, Geschlecht, Multimorbidität, fam. Krebsrisiko, vorbestehende Polypen etc.).
Wenn viele Gesundheitsbewußte eine Koloskopie nach tatkräftiger Werbung als Präventivmaßnahme über sich ergehen lassen, wundert einen doch nicht, dass bei denen nicht viel Krebsverdächtiges gefunden wird.
Wir wissen auch nicht, wie viel Anspruchsberechtigte aus dem HzV und wie viel aus der Regelversorgung aus welchen Altersgruppen teilgenommen haben?!

Eine Vorsorgemaßnahme ist dann effektiv, wenn die krebsbezogene Sterblichkeit sinkt, v. a. dadurch, dass frühere gut therapierbare Stadien identifiziert werden oder gutartige Polypen vorab schon einmal entfernt worden sind, bevor diese überhaupt entarten können (Adenom-Karzinom-Sequenz).
In den letzten Jahren sind sowohl Inzidenz als auch krebsbezogene Mortalität beim Kolonkarzinom rückläufig - unabhängig vom Versorgungsmodell selektiv vs. kollektiv.
Das zeigt z. B. eindrucksvoll eine am 22.02.2016 im DÄ veröffentlichte Auswertung von Krebsregisterdaten/Todesursachenstatistik einer HD-Forschergruppe für den Zeitraum 2003 bis 2012:
"Nach zuvor jahrzehntelangem Anstieg sank die altersstandardisierte Darmkrebsinzidenz im Untersuchungszeitraum bei Männern um 13,8 Prozent und bei den Frauen um 14,3 Prozent. Die altersstandardisierte Darmkrebsmortalität nahm bei Männern um 20,8 Prozent ab und bei Frauen um 26,5, Prozent. Der starke Rückgang der Inzidenz war selektiv in den Altersgruppen ab 55 Jahren zu beobachten." So ist in dieser Arbeit zu lesen.
Fazit: Bitte alle Daten offen legen - nicht selektiv aus Selektivvertragsdaten berichten, um diese in einem besseren Licht erscheinen zu lassen.
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[28.04.2016, 18:13:09]
Dr. Henning Fischer 
" Wunschtermin beim Gastroenterologen binnen 14 Tage vermittelt."
ok

die haben echt ne Meise. 14-Tage Termin für Vorsorgekoloskopie. Der Kranke wartet 4-6 Wochen ?!

Hirnrissig.

Bei uns wird jeder 55-ährige wenigstens einmal auf die Koloskopie angesprochen. Ganz ohne HzV.

Geht genauso gut.
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[28.04.2016, 13:52:10]
Dr. Karlheinz Bayer 
so schummelt die AOK

Also: Patient Otto Normalverbraucher hat ein Darmkrebsrisiko, und das liegt laut DKFZ bei etwa 1:1200. Jetzt schreibt sich Otto in das HzV der AOK ein. Nehmen wir an, damit sinkt die Inzidenz der neuen Gruppe, in der sich Otto jetzt befindet tatsächlich, dann wäre das Einschreiben wirksamer als jede bislang bekannte Prävention.
Sinkt aber die Inzidenz allein in der Statistik, müßte man Otto empfehlen, schleunigst die Kasse zu wechseln und aus dem HzV auszutreten, denn das würde bedeuten, daß bei HzV-Patienten rund 20% seltener erkannt werden.
Würden die Inzidenzfälle zahlenmäßig zunehmen, und nur dann, hätte sich das System bewährt.
Aber was meint die AOK eigentlich?
Das Darmkrebsrisiko kann eine HzV nicht mindern.
Die Überlebensrate hat sie bislang nicht beeinflussen können.
Kann es sein, daß die AOK im HzV - wie oft unterstellt - besondrs viele junge und gesunde Menschen anwirbt?
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