Ärzte Zeitung online, 23.04.2019

FDP-Fraktion fragt nach

Wie wirtschaftlich ist die HzV?

Krankenkassen sollen nach dem TSVG künftig Boni an ihre Versicherten ausschütten, die an der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) teilnehmen. Aber arbeitet es sich in der HzV tatsächlich wirtschaftlicher? Die Bundesregierung weiß nach Ansicht der FDP-Fraktion darüber zu wenig.

Von Anke Thomas

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HzV-Versicherte dürfen laut TSVG Boni erwarten. Konkrete Zahlen zur Höhe gibt es nicht.

© pix4U / stock.adobe.com

BERLIN. Rund 5,1 Millionen Versicherte nehmen derzeit an der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) teil. 17.155 Hausärzte haben sich für die HzV entschieden.

Diese Zahlen, die auf Angaben des Deutschen Hausärzteverbandes (DHÄV) beruhen, nennt die Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der FDP-Fraktion, die der „Ärzte Zeitung“ vorliegt.

Die möchte außerdem gerne genauer wissen, wie es um die Qualität und die Wirtschaftlichkeit der Versorgung in der HzV bestellt ist. Schließlich, so führt die FDP-Fraktion in ihrer Anfrage aus, müssten die Verträge von Gesetzes wegen seit 2014 Wirtschaftlichkeitskriterien sowie Maßnahmen bei deren Nichteinhaltung enthalten.

Außerdem sei bestimmt worden, dass die Einhaltung der vereinbarten Wirtschaftlichkeitskriterien spätestens nach vier Jahren Vertragslaufzeit nachgewiesen werden müssten.

Antworten vom Hausärzteverband

Bei der Frage nach vereinbarten Wirtschaftlichkeitskriterien stützt sich die Bundesregierung ebenfalls auf Aussagen des DHÄV, der auf ein mehrstufiges Modell arztindividueller Prüfung der Abrechnung und der Plausibilität sowie vertragsweite Wirtschaftlichkeitsprüfungen verweist.

Evaluationen zur Qualität der Versorgung in der HzV seien unter anderem von den Universitäten Frankfurt/Main und Heidelberg für Baden-Württemberg durchgeführt worden, so die Bundesregierung. In Baden-Württemberg gebe es die HzV bereits seit 2008.

Die Evaluationen in Baden-Württemberg für die Jahre 2008 bis 2012 hätten gezeigt, dass chronisch Kranke von einer Teilnahme an der HzV profitieren würden. Zudem hätten unnötige Krankenhauseinweisungen vermieden werden können.

Außerdem hätten die HzV-Patienten hier angegeben, dass die Hausärzte mehr Zeit für sie hätten, die Terminvergabe schneller erfolge und die Untersuchungen gründlicher seien. Nach einer Investitionsphase zum Ausbau der HzV lägen die Gesamtausgaben unter jenen der Regelversorgung.

Keine Regierungsangaben zu den HzV-Kosten

Zu einem ähnlich positiven Ergebnis kämen Evaluationen der GWQ-Serviceplus AG für die vertretenen Krankenkassen verschiedener Verträge. Demnach erlitten HzV-Patienten mit Diabetes und Hypertonie im Vergleich zu einer Kontrollgruppe seltener schwerwiegende Komplikationen wie Apoplex und Myocardinfarkt.

Auch würden Präventionsleistungen von HzV-Patienten stärker in Anspruch genommen. Die Impfquoten hätten bis zu zwölf Prozent über denen der Vergleichsgruppe gelegen.

Zu den Kosten, die durch die HzV jährlich entstehen, kann die Bundesregierung keine Antwort liefern.

Bei der Frage nach der Steuerungswirkung zu Fachärzten verweist die Bundesregierung auf ein Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens aus 2018, das unter anderem auch den Effekt der HzV auf die Entwicklung der Facharztkontakte evaluiert habe.

Dass es 2018 mittlerweile den vierten Evaluationsbericht aus Baden-Württemberg mit Daten aus 2016 gegeben hat, hat die Regierung dabei allerdings nicht auf dem Schirm.

Fassungslosigkeit bei der FDP

„Es macht mich fassungslos. Die Bundesregierung weiß über Qualität und Wirtschaftlichkeit des hausarztzentrierten Versorgungsmodells nichts. Unabhängige Evaluationen liegen ihr nicht vor und sind nicht beabsichtigt. Offenbar so genau will es also die Bundesregierung auch nicht wissen, sondern verlässt sich allein auf einseitige Informationen von Lobbygruppen“, kommentiert Professor Andrew Ullmann, Obmann der FDP-Fraktion im Gesundheitsausschuss die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage.

Dass das Terminservicegesetz Prämienzahlungen für HzV-Versicherte vorsieht, die sich aus Einsparungen der HzV ergeben sollen, wertet die FDP-Fraktion daher als einen Plan aus Schilda.

„Vor diesem Hintergrund wirkt die von Bundesminister Spahn im TSVG vorgelegte und von Union und SPD beschlossene Regelung zu Prämienzahlungen für Versicherte in der HzV wie ein Schildbürgerstreich“, so Ullmann. „So eine Politik hat nichts mit Qualität und Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung zu tun.“

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