Ärzte Zeitung online, 01.08.2008

Verbände kritisieren Vorschläge zur ambulanten Palliativversorgung

BERLIN (ble). Die von den Kassen veröffentlichten Rahmenempfehlungen für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) sind bei der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und dem Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) auf Kritik gestoßen.

Die Empfehlungen sind Grundlage für den Abschluss von SAPV-Verträgen zwischen den Kassen und Leistungserbringern. DGP und DHPV monieren vor allem fünf Punkte des Papiers, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Stellungnahme beider Organisationen hervorgeht:

  • So seien Begriff und Inhalt der bisher für das SAPV-Konzept Pate stehenden "Palliative Care Teams" als selbstständige Organisationseinheit mit kontinuierlichem Personalstamm und eigenständigem Versorgungsauftrag für Palliativpatienten in den Empfehlungen durch den Begriff der "spezialisierten Leistungserbringer" ersetzt worden. Kassen können nur mit Ärzten und Pflegekräften als Einzelpersonen Verträge schließen. Diese hätten sich lediglich "an der Konzeption eines Palliative Care Teams zu orientieren", schreiben die Verbände. Dadurch werde "der Komplexität der Versorgungssituation nicht ausreichend Rechnung getragen" und die Koordination der Versorgung, die ein wesentliches Merkmal von SAPV sei, erschwert.
  • Trotz der als notwendig betrachteten hohen Qualifikationsanforderungen für die beteiligten Berufe fehle insbesondere für Pflegende eine Übergangsregelung, die notwendig ist, um eine zügige Flächendeckung zu erreichen. Gemeint ist eine besondere Zulassungshürde für Pflegende: Diese müssen den Empfehlungen zufolge mindestens sechs Monate Mitarbeit in einer spezialisierten Einrichtung der Hospiz- und Palliativversorgung nachweisen. In dünn besiedelten Regionen, so die DHPV-Vorsitzende Dr. Birgit Weihrauch, dürfte das zu einem Mangel an Pflegekräften führen.
  • Zudem enthielten die Empfehlungen keine konkreten Vorstellungen darüber, wie den besonderen Versorgungsbelangen von Kindern und Jugendlichen Rechnung getragen werden soll.
  • Beide Verbände monieren, dass sich die Kassen darüber ausschweigen, ob SAPV-Leistungserbringer zur Versorgung mit Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln ein eigenständiges Verordnungsrecht erhalten können.
  • Ebenso sei unklar, ob auch stationäre Hospize ärztliche Leistungen durch SAPV-Leistungserbringer in Anspruch nehmen können. In der Tat ist in den Empfehlungen nur von der häuslichen Umgebung und von stationären Pflegeeinrichtungen die Rede.

Eigentlich wollten die Kassen ihre Empfehlungen bereits Ende Juni veröffentlichen. Zwar hatte der Gesetzgeber über ein Stellungnahmeverfahren eine Beteiligung von KBV, Deutscher Krankenhausgesellschaft oder Organisationen wie der Arbeiterwohlfahrt oder der Deutschen Hospiz Stiftung vorgesehen - die Entscheidung über die Empfehlungen trafen allerdings allein die Kassen.

Zielgruppe für die mit der Gesundheitsreform 2007 eingeführte SAPV ist jeder zehnte totkranke Bundesbürger. Das sind jährlich rund 85 000 Menschen. Die SAPV soll mehr Menschen als bisher ermöglichen, die letzten Stunden in den eigenen vier Wänden verbringen, statt kurz vor dem Tod doch noch in die Klinik eingewiesen zu werden. Bis zu 70 Prozent der Patienten, die bisher in Krankenhäusern oder stationären Hospizen sterben, könnten nach Ansicht des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Professor Christof Müller-Busch, mit einer SAPV ihre letzten Stunden zu Hause verbringen. Bislang liegt diese Quote bei 30 Prozent.

Für die SAPV stehen im kommenden Jahr 180 Millionen Euro, 2010 sogar 240 Millionen Euro zur Verfügung. Die eigentlich für dieses Jahr bereitgestellten Mittel von 130 Millionen Euro dürften wegen der verzögerten Umsetzung des Konzepts nur zu einem Teil fließen. Die bereits im vergangenen Jahr bereitgestellten Mittel in Höhe von 80 Millionen Euro sind ganz verfallen.

Sowohl Niedergelassene als auch Krankenhausärzte dürfen die SAPV verordnen. Trotz ihrer Kritik an den Empfehlungen hofft Weihrauch, dass die ersten Verträge zwischen Kassen und SAPV-Leistungserbringern sehr schnell geschlossen werden können.

Insgesamt dürfte es nicht an speziell geschulten Leistungserbringern mangeln. "Das Interesse unter Ärzten und Pflegenden ist sehr groß", sagt DGP-Geschäftsführer Dr. Thomas Schindler mit Blick auf die obligatorischen Zusatzqualifikationen.

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