Ärzte Zeitung, 23.09.2008

Einsatz bis zum Letzten wird nicht honoriert

Zwei Ärzte für spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin in Leer versorgen sterbende Patienten der Region seit mehr als zehn Jahren im Sinne der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) - und zwar praktisch honorarfrei.

Von Christian Beneker

Einsatz bis zum Letzten wird nicht honoriert

Fühlt sich ethisch verpflichtet: M. Roth-Brons.

Foto: privat

Ihre Hoffnungen, mit dem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) zur SAPV vom vergangenen Jahr würde endlich Geld in die ambulante Versorgung Sterbender fließen, hat sich bisher nicht erfüllt.

"Wir machen genau das, was der GBA für die SAPV vorschreibt", sagt die Palliativmedizinerin Magdalene Roth-Brons zur "Ärzte Zeitung". Die Ärztin betreibt zusammen mit ihrem Mann, dem Facharzt für Allgemeinmedizin und Palliativmediziner Dr. Christoph Roth, das Schmerz- und Palliativzentrum Leer. "Aber die Kassen sind nicht verpflichtet, mit uns zu verhandeln. Die Versorgung der Palliativpatienten läuft hier nur, weil wir es ethisch nicht vertreten können, den Patienten Leistungen nach SAPV wegen der nicht vorhandenen Vergütung zu verweigern."

Zwischen 1997 und 2006 hat die Praxis 215 Palliativpatienten begleitet, davon waren 189 todkranke Krebspatienten. Die Patienten lebten in einem Umkreis von 120 Kilometern. Trotz der zum Teil versorgungserschwerenden Entfernung konnten mehr als 90 Prozent der Patienten ihrem Wunsch entsprechend zuhause sterben. Die Hausbesuche werden von den vier speziell ausgebildeten Palliativ Care Fachschwestern vorgenommen und von einer Fachkraft im Schmerz- und Palliativzentrum koordiniert. Absprachen zwischen Ärzten und Schwestern werden regelmäßig, auch telefonisch, erledigt. Für Ärzte und Schwestern besteht zudem ein 24-Stunden-Rufbereitschaftsdienst.

In zehn Jahren wurden 215 Palliativpatienten behandelt.

Zum palliativen Vorsorgungsangebot der Praxis gehört auch die Zusammenarbeit mit den beteiligten Haus- und Fachärzten, ein interdisziplinärer Qualitätszirkel, gemeinsame Hausbesuche mit den Hausärzten bei den todkranken Patienten und ein Zirkel eigens für palliativmedizinisch interessierte Hausärzte.

Der Hausarzt werde zu Beginn der Betreuung und auch kontinuierlich über Therapieänderungen informiert. "Wir wollen und können die Hausärzte nicht aus der Palliativversorgung ausbooten", sagt Roth-Brons, "aber es gibt einen erheblichen Bedarf an spezialisierter ambulanter Palliativversorgung bei Sterbenden, den Hausärzte nicht unbedingt bedienen können, zum Beispiel bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik, ausgeprägten ulzerierenden Wunden oder einer ausgeprägten neurologischen Symptomatik."

Bei diesen Menschen sehen die beiden Ärzte ihr SAPV-Team in der Pflicht. Dass SAPV wie im Leeraner Modell trotz des gesetzlichen Anspruchs der Patienten immer noch nicht vergütet wird, bedauert das Ärzteehepaar. "Täglich melden sich neue Patienten an." Dass dieser Bereich nicht wirtschaftlich geführt werden kann, liege auf der Hand, da die Hausbesuche der Palliativ Care Fachschwestern laut EBM über die Ziffer 40240 vergütet werden, erklärt Roth-Brons. Diese wird mit 5,10 Euro honoriert. Die Ausgaben des Schmerz- und Palliativzentrums für die SAPV übersteigen die Einnahmen um ein Vielfaches.

Für die Patienten, die sie seit den Empfehlungen der Kassen für SAPV vom Juni dieses Jahres behandeln, schreiben zwar die beiden Ärzte einen eigenen Antrag an die Kassen. Aber die setzen derzeit offenbar auf die Verhandlungen mit der Palliativarbeitsgemeinschaft Niedersachsen, um einen Mustervertrag und damit auch die Vergütungsmodalitäten landesweit aufzusetzen. Bis ein Ergebnis vorliegt, muss offenbar die Leeraner Praxis arbeiten wie gehabt. Welche Vergütung die beiden Palliativmediziner einmal erhalten werden, ist unklar. "Die Mühlen mahlen in der Palliativmedizin zu langsam", resümiert Roth-Brons. Dabei hat jeder Mensch, der unter die Definition SAPV-Patient fällt, ein Recht auf Palliativversorgung. So hat es der GBA beschlossen.

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