Ärzte Zeitung online, 14.11.2008
 

Koma-Patientin darf sterben - Urteil zum "Fall Eluana" in Italien

ROM (dpa). Das oberste italienische Berufungsgericht hat am Donnerstag Sterbehilfe-Maßnahmen für eine seit über 16 Jahren im Koma liegende Frau gebilligt. Die Kassationsrichter bestätigten in letzter Instanz eine Anordnung des Mailänder Berufungsgerichts, wonach die künstliche Ernährung der heute 35-jährigen Eluana Englaro eingestellt werden kann.

Der Fall erregt im überwiegend katholischen Italien seit langem großes Aufsehen. Der Vater der Frau hatte jahrelang vergeblich darum gekämpft, die künstliche Ernährung seiner Tochter einstellen zu dürfen. Vor allem auch der Vatikan hatte sich immer wieder dagegen ausgesprochen. Die Frau war 1992 nach einem Unfall ins Koma gefallen.

Um den Fall der Koma-Patientin hatte es über Jahre hinweg ein heftiges juristisch-politisches Tauziehen gegeben. Das Mailänder Berufungsgericht musste feststellen, ob zwei Voraussetzungen für den Abbruch der künstlichen Ernährung gegeben seien. Erstens müsse ein "irreversibler" Zustand der Frau eindeutig und zudem gesichert sein, dass sie entsprechend ihren Überzeugungen den Tod vorziehen würde. Beides bejahten die Berufungsrichter, doch die Staatsanwaltschaft brachte das Verfahren danach vor die höchsten Berufungsrichter des Landes.

"Wir leben in einem Rechtsstaat", erklärte der Vater der Koma-Patientin. Ihm soll die Tochter vor dem Unfall klar erklärt haben, in einem solchen Zustand doch lieber sterben zu wollen. "Das Gericht unterschreibt damit ihr Todesurteil", kritisierte dagegen die konservative Abgeordnete Isabella Bertolini, "mit der Entscheidung des obersten Gerichts tritt die Euthanasie in Italien in Kraft." Die Abgeordnetenkammer hatte dem Kassationsgericht im August das Recht abgesprochen, in die Belange des Gesetzgebers einzudringen.

Das Opfer eines Autounfalls war 1992 im Alter von 19 Jahren ins Koma gefallen. Die Frau liegt in einem Hospital in Lecco bei Mailand. Schon 1993 diagnostizierten die Ärzte, ihr Zustand sei irreversibel.

Bisher sind in Italien sowohl die aktive als auch die passive Sterbehilfe verboten. Jedoch sind die Grenzen der Gesetze nicht so genau geklärt. Verstärkt ist deshalb auch wieder die Einführung einer Patientenverfügung im Gespräch. Vor allem Papst Benedikt XVI. und der Vatikan haben immer wieder vor jedweder Form von Euthanasie gewarnt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Ebola-Überlebende auch 40 Jahre später noch immun

Eine Forscherin machte sich auf die Suche nach den Überlebenden des ersten Ebola-Ausbruchs – und verspricht sich davon wichtige Erkenntnisse. mehr »

Inhalatives Steroid bei Kindern – Keine falsche Zurückhaltung!

Die Angst vor Frakturen sollte bei asthmakranken Kindern kein Grund gegen die Kortisoninhalation sein. Zurückhaltung könnte sogar den gegenteiligen Effekt haben. mehr »

Ibuprofen plus Paracetamol so effektiv wie Opioide

Es müssen keine Opioide sein: OTC-Analgetika wirken bei Schmerzen in den Gliedmaßen ähnlich gut wie Opioide, so eine US-Studie. mehr »