Ärzte Zeitung online, 01.12.2008

Nach Sterbehilfe - Razzia bei Hamburger Ex-Justizsenator Kusch

HAMBURG (dpa). Razzia beim früheren Hamburger Justizsenator Roger Kusch: Nach der Sterbehilfe für fünf Menschen haben Beamte innerhalb weniger Tage gleich zweimal Wohnungen und Büro des umstrittenen Ex-CDU-Politikers durchsucht. "Wir ermitteln wegen des Anfangsverdachts eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz", sagte der Hamburger Staatsanwalt Wilhelm Möllers am Samstag.

Er bestätigte damit der dpa einen Bericht der "Bild"-Zeitung. In Deutschland ist aktive Sterbehilfe verboten. Kuschs Unterstützungen hatten deshalb bundesweit Empörung ausgelöst.

Die Behörde prüfe, ob Kusch verschreibungspflichtige Medikamente weitergegeben habe, sagte Möllers. Die Ermittler hätten "einiges Beweismaterial" beschlagnahmt. Die Auswertung werde einige Zeit in Anspruch nehmen.

Die Beamten nahmen bereits am Donnerstag Kuschs Hamburger Wohnung und Anwalts-Büro - zugleich Sitz seines Vereins "Dr. Roger Kusch Sterbehilfe" - sowie eine "Nebenwohnung" in seiner früheren Heimat Stuttgart unter die Lupe, wie Möllers berichtete. "Herr Kusch war anwesend und kooperativ."

Am Samstag rückte die Polizei auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Duisburg zu einer weiteren Durchsuchung in Kuschs Hamburger Wohnung an, wie eine Polizeisprecherin am Sonntag in Hamburg sagte. Sie bestätigte damit einen Bericht der Zeitung "Die Welt" (Montag). Ein Behördensprecher in Duisburg konnte dazu am Sonntag zunächst keine Auskunft geben.

Zuvor hatte Kusch am Freitag nach eigenen Angaben eine 97 Jahre alte Frau aus Bergisch Gladbach beim Selbstmord "begleitet". Sie habe sich in einem Hotelzimmer in Mülheim/Ruhr das Leben genommen, teilte er auf seiner Homepage mit. Nach Kuschs Angaben enthielten die beschlagnahmten Unterlagen auch Informationen zu dem geplanten Selbstmord der 97-Jährigen.

Ausgangspunkt der Hamburger Ermittlungen war der Tod einer 84 Jahre alten Rentnerin in der Hansestadt Ende September (wie berichtet). Der Ex-Justizsenator hatte die lebensmüde Frau nach eigenen Angaben beim Selbstmord unterstützt. Die Rechtsmediziner hätten bei der Rentnerin aber eine hohe Dosis eines verschreibungspflichtigen Malaria-Medikaments entdeckt, sagte Möllers: "Sie ist aufgrund einer Überdosis dieses Mittels zu Tode gekommen. Sie selbst hatte aber aus unserer Sicht keine Veranlassung, sich ein Malaria-Medikament zu besorgen." Ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz kann laut Möllers mit bis zu drei Jahren Haft oder einer Geldstrafe geahndet werden.

"Herrn Kusch fehlt jegliches Unrechtsbewusstsein für das, was er tut", sagte der Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, am Sonntag. Brysch forderte ein Verbot der "kommerziellen Suizidvermittlung": "Es darf keinen Tod aus den Gelben Seiten geben."

Bereits im Juni hatte Kusch nach eigener Aussage einer 79 Jahre alten Frau aus Würzburg Sterbehilfe geleistet und damit eine Welle der Empörung ausgelöst (wie berichtet). Die Rentnerin hatte Kusch zufolge unter anderem ein Malaria-Medikament eingenommen. Die Ermittlungsbehörde stufte den Tod der Frau nach deren Obduktion als normalen Suizid ohne Fremdbeteiligung ein.

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