Ärzte Zeitung online, 07.08.2009

Lordrichter lösen Debatte über Sterbehilfe in Großbritannien aus

Oberstes Gericht fordert Klarheit, wann Beihilfe zum Suizid strafbar ist / Ärzteverband ist gegen Liberalisierung

LONDON (fst). Ein Urteil des obersten Gerichts in Großbritannien hat eine Debatte entzündet, wann Beihilfe zum Suizid strafbar sein soll.

Ende Juli hat das House of Lords in einer Aufsehen erregenden Entscheidung der 46-jährigen Debbie Purdy Recht gegeben. Die an Multipler Sklerose leidende Frau will in die Schweiz reisen, um dort mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation Dignitas Suizid zu begehen. Ihr Ehemann, der sie begleiten soll, müsste nach geltendem Recht bei seiner Rückkehr nach England Konsequenzen fürchten -  möglich ist theoretisch eine Gefängnisstrafe von bis zu 14 Jahren.

Denn der seit 1961 geltende Suicide Act stellt die Beihilfe zum Suizid unter Strafe. Allerdings sind bislang etwa 100 Sterbewillige aus Großbritannien in die Schweiz gereist, ohne dass ihre sie begleitenden Angehörigen strafrechtlich belangt worden wären. Doch Debbie Purdy wollte Rechtssicherheit und klagte durch alle Instanzen. Die Law Lords als oberste Richter gaben Purdy Recht.

Der oberste staatliche Chefankläger (Director of Public Prosecution) reagierte sofort und versprach bis September einen Kriterienkatalog zu entwickeln, wann Beihilfe zum Suizid strafwürdig ist und wann nicht. Längst hat sich aus dem Richterspruch in Großbritannien eine politische Debatte entwickelt. Keir Stamer, Sprecher der Strafverfolgungsbehörde, sagte dem "Daily Telegraph", es werde "kein eigenes Gesetz für Dignitas" geben. Letztlich, so Stamer, sei es eine Entscheidung, die das Parlament treffen müsse, ob bestimmte Formen der Beihilfe zum Suizid legal sein sollen.

Debbie Purdy sagte dem BBC Radio, bei der Auslegung des Suicide Acts müsse zwischen Formen von "bösartiger" und "mitfühlender" Beihilfe zum Suizid unterschieden werden. So könne der Chefankläger in seinem Kriterienkatalog festlegen, dass Begleiter von Sterbewilligen keinen finanziellen Gewinn aus ihrer Hilfe ziehen dürften.

Der britische Ärzteverband (British Medical Association) sieht die Debatte mit großer Skepsis. Der BMA hat sich wiederholt gegen ärztlich assistierten Suizid ausgesprochen. Noch Anfang Juli hat der Verband gefordert, Menschen, die Sterbewillige begleiten, dürften nicht von der Strafverfolgung ausgenommen werden.

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