Ärzte Zeitung App, 02.12.2014
 

Assistierter Suizid

Ärzte lehnen Verbot mehrheitlich ab

KÖLN. Obwohl der assistierte Suizid in der ärztlichen Praxis die absolute Ausnahme ist, befürwortet nur jeder vierte Arzt das berufsrechtliche Verbot. Das zeigt eine aktuelle Studie des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum.

Von 734 befragten Ärztinnen und Ärzten hatten 403 mindestens einen Erwachsenen betreut, der in den zurückliegenden zwölf Monaten gestorben war.

Nur in einem Fall wurde über eine ärztlich assistierte Selbsttötung berichtet. Das von der Bundesärztekammer unterstützte Verbot des Vorgehens befürworteten nur 25 Prozent aller Ärzte. 34 Prozent lehnten es ab, 41 Prozent waren unentschieden. (iss)

[02.12.2014, 18:23:59]
Lutz Barth 
Gewissensentscheidung respektieren!
Wehklagen und spitzfindiges Räsonieren über die Frage, wie „Mehrheiten“ zustande kommen, helfen nun wahrlich in der Debatte um die Frage der prinzipiellen Zulässigkeit der Ärzte an einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Patienten nicht weiter.

Hierüber kann auch der Kommentar von Herrn Sitte nicht hinwegtäuschen, der ebenso wie andere Kolleginnen und Kollegen aus der „Fraktion“ der Palliativmediziner sich vorhalten lassen muss, ggf. in der Öffentlichkeit den Eindruck zu schüren, als befinden sich gerade diejenigen Ärzte auf einem medizinethischen Irrweg, die da meinen, es mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, im Zweifel an einem frei verantwortlichen Suizid mitwirken zu können.

Wie den Ärztefunktionären dürfte auch Herrn Sitte nicht entgangen sein, dass es in der aktuellen Situation primär um die Frage geht, ob das ethische Zwangsdiktat in der ärztlichen Musterberufsberufsordnung und einigen Landesärztekammern haltbar ist.

Sowohl unter verfassungsrechtlichen, aber eben auch medizinethischen Aspekten betrachtet erscheint das kategorische Verbot mehr als fragwürdig, zumal unter der Prämisse, dass hier das Grundrecht der Gewissensfreiheit über Gebühr durch das ärztliche Berufsrecht eingeschränkt wird. Zugleich darf und muss daran erinnert werden, dass es im Übrigen auch unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet mehr als zweifelhaft erscheint, ob mit einem solchen Zwangsdiktat tatsächlich der „Ethik“ positiv Rechnung getragen wurde, sprechen sich doch immerhin namhafte Medizinethiker dafür aus, eben dieses Verbot aufzuheben, ggf. mit Hinweis auf eine wünschenswerte Regelung analog der Schwangerschaftsabbruchsproblematik.

Palliativmediziner mag der Ruf voraneilen, besonders engagiert zu sein, wenngleich mit diesem Engagement keinesfalls die Vorstellung verbunden werden sollte, sie seien im Ergebnis diejenigen Ärzte, die da besonders „medizinethisch“ integer sind und demzufolge als besonders ehrenhaft wahrgenommen werden.

Entscheidend ist und bleibt die Binnenperspektive des Schwersterkrankten und sofern Ärzte es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, ggf. bei einem Suizid mitzuwirken, mögen auch die Palliativmediziner den notwendigen Respekt gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen aufbringen. Es ist vielmehr beschämend, wenn Ärzte untereinander nicht akzeptieren können, dass in bioethischen Streitfragen durchaus unterschiedliche Positionen bezogen werden können, mal ganz davon abgesehen, dass ein jeder Arzt nicht bar seines Gewissens handeln sollte.

Die Ärzteschaft sollte nicht fremdbestimmt werden und zwar auch nicht von den eigenen Berufsangehörigen resp. deren Berufsvertretungen so wie eben der Patient keinen Anspruch darauf hat, dass der Arzt oder die Ärztin ihm bei einem frei verantwortlichen Suizid hilft.

Die Debatte insgesamt ist „unterbelichtet“ und es entsteht der Eindruck, als gehe es mehr um einen „Kulturkampf“ um das gesellschaftlich zu akzeptierende Sterben denn um die Binnenperspektive der schwersterkrankten und sterbenden Patienten und die sie betreuenden Ärzte.

Mit Verlaub: Das kategorische Verbot der Mitwirkung der Ärzteschaft an einem frei verantwortlichen Suizid ist nicht nur ein ethisches Zwangsdiktat, sondern kommt insbesondere in seinen Folgen auch einer ethischen Gleichschaltung der gesamten Ärzteschaft gleich – ein Umstand, der höchst bedenklich ist und vielmehr die Initiatoren und Befürworter eines solchen berufsrechtlich abgesicherten Verbots als ethische Überzeugungs- und damit Gesinnungstäter enttarnt.

Die Freiheit des ärztlichen Gewissens wird gebeugt und ich meine, dass dies beileibe kein „Kavaliersdelikt“ ist, auch wenn gelegentlich der Versuch unternommen wird, dieses Verbot mit demokratiepolitischen Argumenten absichern zu wollen und zu können. Dem ist mitnichten so, müssen doch auch die öffentlich-rechtlichen Kammern die Grundrechte ihrer Mitglieder (und damit ärztliche Kolleginnen und Kollegen) wahren. Punkt um!

Es geht schlicht darum, die Ärzteschaft in die scheinbar als gesichert geglaubte Freiheit ihrer individuellen Gewissensfreiheit zu entlassen und nicht darum, einen neuen „arztethischen Katechismus“ auf den Weg zu bringen, der nicht nur die Patienten, sondern auch zunehmend die eigene Kollegenschaft aus den Augen verliert!

Mir persönlich ist nicht klar, warum dies zu verstehen so schwer ist, zumal – sich hier mal dem Sprachduktus eines Ärztefunktionärs anschließend – Ärzte ohnehin schon immer „getötet“ haben, will heißen, auch in andere ethischen und moralischen Konfliktsituationen zieht sich das ärztliche Berufsrecht aus guten Gründen (!) auf die ärztliche Gewissensfreiheit zurück!

Hier würde ich mir im Übrigen auch deutlichere Worte von den Mitglieder des Deutschen Ethikrats wünschen, die derzeit auch "nur" in der Lage sind, "Binsenweisheiten" zu verkünden, statt endlich "Butter bei die Fische" zu bringen.
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[02.12.2014, 07:51:09]
Thomas Sitte 
Ärzte und Statistik
Wie schaffe ich eine Mehrheit? Einfach mal die Enthaltungen ignorieren:

Befürworter: 25 Prozent,
Ablehnung: 34 Prozent,
Unentschieden 41 Prozent.

Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

Herzliche Grüße
Thomas Sitte
Palliativmediziner zum Beitrag »

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