Ärzte Zeitung online, 08.03.2018

Einzigartiges Projekt

Chatten gegen die Trauer

Im Internet-Trauerchat "doch-etwas-bleibt" können sich junge Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, mit Gleichaltrigen austauschen. Die Chatbegleiter kennen die Situation der User aus eigener Erfahrung.

Von Petra Albers

BERGHEIM. Julia Hinke war 24, als ihr Vater starb. Sie fand es schwierig, mit Freunden und Bekannten darüber zu sprechen - denn die konnten nicht richtig nachempfinden, wie sie sich fühlte. "Das konnten am ehesten Menschen, die ebenfalls einen Angehörigen verloren hatten", sagt Hinke rückblickend.

Heute ist die 27-Jährige Ansprechpartnerin für junge Leute in ähnlicher Situation: Beim Internet-Trauerchat www.doch-etwas-bleibt.de können sich trauernde Jugendliche und junge Erwachsene austauschen.

Jeden Montag von 20 bis 22 Uhr ist der Chatroom geöffnet. Wer sich registriert, kann sich dort Gedanken, Sorgen und Gefühle wie Wut oder Verzweiflung von der Seele reden. Alle Chatbegleiter – derzeit 13 Frauen zwischen 18 und 30 Jahren – wissen selbst, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

"Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen können sie sich besser in die Situation der Chatroom-Besucher hineinversetzen", sagt Romy Kohler vom Hospizverein Bedburg-Bergheim, die das Projekt ins Leben gerufen hat.

Eine Anlaufstelle fehlte

Romy Kohlers Sohn starb mit 15 Jahren. Seine Freunde hätten sich danach oft in seinem Zimmer oder an seinem Grab getroffen. "Ich habe gemerkt, dass sie keine Anlaufstelle für ihre Trauer hatten", sagt die 60-Jährige. "Die wollten sich nicht in eine Trauergruppe setzen."

So kam sie auf die Idee, einen Chatroom zu gründen, bei dem junge Hinterbliebene sich mit Gleichaltrigen unterhalten und Tipps zur Trauerbewältigung bekommen können. "Der Chat ist anonym, da traut man sich etwas zu sagen oder zu fragen, was man sonst nicht ansprechen würde", sagt Kohler. Seit dem Start des Projekts im Jahr 2009 hätten sich rund 450 verschiedene User am Chat beteiligt.

Jugendlichen Alternative bieten

Der Trauerchat sei eine moderne Variante der klassischen Hospizarbeit, sagt Michael Krause, der Vorsitzende des Hospizvereins Bedburg-Bergheim. "Jugendliche erreichen wir meistens nicht mit herkömmlichen Angeboten wie Gesprächsgruppen."

Das bestätigt auch Ulrich Fink, Beauftragter für Hospiz- und Palliativseelsorge im Erzbistum Köln. Zur Trauerbewältigung gebe es zwar viele Angebote für Erwachsene und Kinder, jedoch relativ wenige für Jugendliche. "Aber der Bedarf ist da", sagt Fink. Der Chat biete Jugendlichen die Möglichkeit, über ein Medium, das ihnen vertraut ist, ihre eigenen Gefühle zu reflektieren.

Das Konzept von "doch-etwas-bleibt" gilt derzeit bundesweit als einzigartig. Zwar gibt es auch andere Trauerchats – jedoch richten diese sich entweder nicht explizit an junge Menschen oder sie werden von Profis betrieben. So wie das Angebot "klartext!" vom Kinder- und Jugendhospiz Balthasar in Olpe.

Drei Chats pro Woche

Dort stehen Mitarbeiter drei Mal wöchentlich zu bestimmten Uhrzeiten im Chat oder telefonisch als Ansprechpartner für Jugendliche und junge Erwachsene zur Verfügung.

Bei den Usern von "doch-etwas-bleibt" geht es oft um Fragen wie "Ist es normal, dass ich immer noch traurig bin?" oder darum, dass Trauernde sich von ihrer Umgebung nicht verstanden fühlen. "Wir sind aber keine Therapeuten", betont Kohler.

Wenn nötig, gäben die Moderatoren Adressen entsprechender Anlaufstellen weiter. Die ehrenamtlichen Chatbegleiter werden in einem Kurs auf ihre Aufgabe vorbereitet und treffen sich regelmäßig zur Supervision. "Der Chat ist eine Art Peergroup", sagt der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Ralph Schliewenz. Der Austausch mit Gleichaltrigen, die ähnliches erlebt haben, könne helfen, Trauer zu verarbeiten.

"Ob man sich an einem Chat beteiligen möchte, kann ja jeder für sich selbst entscheiden. Aber zu wem so etwas passt, für den kann das ein sehr guter Weg sein", findet er.

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