Ärzte Zeitung online, 09.02.2019

109. Aachener Hospizgespräch

Hoffnungsschimmer für Hospize

Akteure der Hospiz- und Palliativversorgung spüren politische Unterstützung für ihre Anliegen. Am wichtigsten für alle bleibt aber die Vernetzung vor Ort.

Von Ilse Schlingensiepen

STOLBERG. Bei der Vernetzung der Akteure in der Hospiz- und Palliativversorgung sind in den vergangenen Jahren große Fortschritte erreicht worden. Ein Aspekt bleibt aber häufig noch außen vor: die psychosoziale Begleitung der Erkrankten und ihrer Familien.

Hier liegt nach Ansicht von Professor Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Aachen, eine große Herausforderung, gerade am Übergang zwischen den Sektoren.

„Das erfordert einen unglaublich großen Koordinationsaufwand“, sagte Rolke beim 109. Aachener Hospizgespräch in Stolberg. Rolke ist ärztlicher Leiter der Veranstaltung, die vom Pharmahersteller Grünenthal unterstützt wird. Dieser Aufwand werde bislang überhaupt nicht abgebildet, ebenso wenig wie die sonstige Abstimmungsarbeit in den Netzwerken.

Die Große Koalition von CDU/CSU und SPD hat mit ihrem Koalitionsvertrag Hoffnungen geschürt, dass sich daran bald etwas ändern könnte. „Wir werden die Hospiz- und Palliativversorgung weiter stärken, insbesondere durch Kostenübernahme für die Koordination von Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerken sowie durch Verbesserungen bei der Versorgung von Kindern und in Altenpflegeeinrichtungen“, heißt es dort.

Kostenfragen nicht geklärt

In diesen fünf Zeilen stecke enorm viel, betonte Waldemar Radtke, Regionaldirektor der AOK Rheinland/Hamburg. Deshalb sei entscheidend, wie sie jetzt interpretiert und umgesetzt werden. Er warb dafür, bei der Vernetzung vor allem auf die Regionen abzuzielen.

Die Akteure vor Ort könnten am besten dafür sorgen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel dorthin fließen, wo sie gebraucht werden. Wie teuer die von der Politik versprochenen Verbesserungen werden, lasse sich jetzt noch nicht beziffern, sagte Radtke. Er rechnet in der ersten Phase mit einer zweistelligen Millionensumme.

Klar ist für ihn: „Die Finanzierung muss über eine Umlage erfolgen.“ Das heißt, es müssen sich alle Krankenkassen beteiligen, unabhängig davon, wie viele ihrer Versicherten eine Hospiz- und Palliativversorgung benötigen.

Kliniken sind wichtige Partner

Für Veronika Schönhofer-Nellessen ist es ein wichtiges Signal, dass die Politik die Palliativ- und Hospiznetzwerke fördern will. Schönhofer-Nellessen ist Leiterin der Servicestelle Hospiz für die Städteregion Aachen und hauptverantwortliche Veranstalterin der Aachener Hospizgespräche. „Die vertrauensvolle Zusammenarbeit ist die Grundlage für eine hohe Patientensicherheit und eine hohe Qualität in der Begleitung und Versorgung“, betonte sie.

Die Kliniken seien wichtige Partner in den Netzen, sagte der Sprecher der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen Lothar Kratz. „Gerade in diesem Bereich ist die sektorübergreifende Versorgung wichtig.“ In ländlichen Regionen könnten die Krankenhäuser mit ambulanten Diensten dazu beitragen, die Versorgung sicherzustellen.

Dabei müsste aber gewährleistet sein, dass diese Dienste auch refinanziert werden. Auch die Einbindung der ehrenamtlich Tätigen in die Netze sei für eine bedarfsgerechte Versorgung notwendig, betonte Kratz.

„Es geht darum, dass alle Einrichtungen eine gemeinsame Versorgungslogik entwickeln“, sagte die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands Dr. Birgit Weihrauch. Die Akteure müssten sich auf gemeinsame Qualitätsstandards verständigen und zusammen analysieren, wie die Versorgungsstrukturen bedarfsgerecht weiterentwickelt werden können.

Für Weihrauch spielt dabei die kommunale Ebene eine zentrale Rolle. „Wir müssen die Kommunalpolitik in die Pflicht nehmen für die Bildung der Netzwerke.“

Sie hat den Eindruck, dass das Bundesgesundheitsministerium die Umsetzung der Absichtserklärung aus dem Koalitionsvertrag nicht auf die lange Bank schieben will. Um die finanzielle Förderung der Netz-Koordination voranzutreiben, sei aber auch der Druck von Bundestagsabgeordneten nötig.

Daran mangele es nicht, betonte die SPD-Politikerin Claudia Moll. „Beim interfraktionellen Gesprächskreis Hospiz steht das Thema ganz oben auf der Agenda“, berichtete sie. Moll ist Sprecherin des Gesprächskreises.

Die Krankenkassen richten sich nach Angaben von AOK-Regionaldirektor Radtke darauf ein, dass es bis zum Jahresende einen Referentenentwurf gibt. „Ich gehe davon aus, dass wir noch in dieser Legislaturperiode mit der Ausgestaltung beginnen werden.“

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