Ärzte Zeitung, 30.12.2013
 

SAPV

Qualitätsvergleiche sind kaum möglich

Was bringt die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) für sterbenskranke Menschen? Versorgungsforschung auf diesem Gebiet ist extrem schwierig.

NEU-ISENBURG. Die SAP-Versorgungslandschaft in Deutschland gleicht einem Flickenteppich. SAPV-Verträge sind regional unterschiedlich. Beratung, Koordination, Teil- und Vollversorgung werden verschieden definiert.

Die Teams sind unterschiedlich zusammengesetzt, die Dokumentationspflichten uneinheitlich. Vergleiche sind kaum möglich und eine systematische Datenbasis gibt es nicht.

"Man kann über eine SAPV-Umsetzung in Deutschland im Grunde nicht empirisch fundiert reden", sagt Professor Werner Schneider. Der Soziologe von der Uni Augsburg hat mit seinem Team eine explorative Begleitstudie zur Implementation der SAPV in Bayern im Zeitraum 2010/2011 gemacht. Thema: Wirksamkeit und Qualitätssicherung in der SAPV-Praxis.

Unterstützt wurde das Projekt auch vom Freistaat Bayern. Die Datenbasis der Untersuchung umfasste Interviews mit Patienten, Angehörigen und Leistungserbringern sowie knapp 1500 standardisierte Einzelfall-Evaluationsbögen.

Schneiders quantitative Ergebnisse zeigen, dass die SAPV ihre Zielvorgabe in Bayern durchaus erfüllt: 95 Prozent der 3540 Patienten konnten nach eigenem Wunsch zu Hause sterben. 97 Prozent brauchten keinen Notarzt. Vier von fünf SAPV-Patienten mussten zu keiner Zeit ins Krankenhaus eingewiesen werden.

Schneider hatte bei seiner Arbeit den Vorteil, dass die Versorgungslandschaft für seine Patienten "einigermaßen homogen" war. Alle Teams starteten aus etablierten Hospizen heraus oder aus schon bestehenden Kooperationen. Das sei in anderen Bundesländern anders gewesen.

Aus Sicht des Soziologen besteht die besondere Herausforderung dieser Arbeit darin, dass die Wirksamkeit in der SAPV nicht einfach "objektiv messbar", sondern primär eine subjektiv wahrgenommene Interaktionsqualität in sozialen Beziehungen sei.

SAPV müsse neben der wichtigen Kontrolle körperlicher Symptomatik auch eine umfassende Betreuung in der existenziellen Krisensituation am Lebensende sicherstellen. Es kann aus Schneiders Sicht bei der SAPV im engeren Sinne um sachbezogene medizinisch-pflegerische Maßnahmen, aber auch um interaktionsbezogene Beratungs-Gespräche gehen.

Diese Tatsache sei relevant für die Ermittlung von Wirkung und Qualität: Eine allein sachbezogene Leistungs- und darauf bezogene Wirkungsmessung - etwa die Beurteilung medizinisch-körperlicher Verrichtungen - verlange einen anderen methodischen Ansatz als eine Wirkungsmessung, die zum Beispiel danach frage, wie Patienten ihre Beziehung zum Palliativ-Care-Team einschätzen.

Die SAPV-Versorgungsforschung steht auch aus Sicht von Schneider vor Herausforderungen, die noch längst nicht gelöst sind. (fuh)

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