Ärzte Zeitung, 10.12.2012

Versorgung im Jahr 2060

"Was auf uns zukommt, ist nicht finanzierbar"

Deutschland wird älter. Die umfassende Versorgung mit Gesundheitsleistungen ist bedroht. Ein Institut wagt den Blick in die Zukunft.

Von Anno Fricke

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Die Zukunft Deutschlands sieht älter aus als die Gegenwart. Familienersetzende Strukturen sind gefragt.

© imago stock & people

BERLIN. Die Alterung der Gesellschaft wird das Gesundheitswesen und darin vor allem die Pflege vor enorme finanzielle und organisatorische Herausforderungen stellen.

Die Gesellschaft und die Politik seien darauf nicht vorbereitet, sagte Professor Fritz Beske bei einem seiner letzten Auftritte in der Bundespressekonferenz.

Beske, der am 12. Dezember 90 Jahre alt wird, stellte die Untersuchung "Versorgungsprognose 2060" vor, den letzten inhaltlichen Band der Schriftenreihe des Fritz Beske Instituts für Gesundheits-System-Forschung (igsf) in Kiel.

Die Ausgaben der Pflegeversicherung werden bis 2060 von heute rund 20 Milliarden Euro auf 42 Milliarden Euro im Jahr steigen, lautet ein Ergebnis der Prognose.

Die wachsende Zahl von Alleinlebenden mache gewaltige Investitionen in eine nicht mehr nur familienergänzende sondern vielmehr familienersetzende Pflegeinfrastruktur nötig, betonte Beske.

Die bis 2060 benötigten zusätzlichen 1,2 Millionen stationären Pflegeplätze könnten 150 Milliarden Euro kosten. Nicht eingerechnet seien die Mittel für den zusätzlichen Bedarf an rund 780.000 Pflegekräften.

Arbeit geht Vertragsärzten nicht aus

Trotz der bis 2060 von derzeit 82 Millionen auf 65 Millionen abnehmenden Bevölkerung nähmen die Leistungsanforderungen in den Krankenhäusern und Arztpraxen sowie in der Arzneimittelversorgung zu, prognostizieren die Kieler Wissenschaftler.

Die ambulante vertragsärztliche Versorgung steht dabei vor einem Sinken der absoluten Leistungszahlen. Entwarnung in Sachen Ärztemangel geben die Vorhersagen des Kieler Instituts deshalb nicht.

Auf 100.000 Einwohner gerechnet steige der Bedarf an ambulanten Leistungen demnach im Vergleich zu 2010 bis 2050 um zehn Prozent. Erst dann soll die Phase der Stagnation beginnen.

Wachsen werde der Bedarf vor allem durch die komplexen Behandlungen älterer Menschen mit mehreren Krankheiten.

Es werde auch Fachgruppen geben, die weniger als heute gebraucht würden, sagte Beske voraus. Darunter fielen Gynäkologen und Kinderärzte.

Gesundheit nicht mehr finanzierbar?

"Was auf uns zukommt, ist nicht finanzierbar", sagte Beske. Die Schuldenbremse werde dafür sorgen, dass eine Subventionierung der gesetzlichen Krankenversicherung wie derzeit künftig eine Illusion sein werde.

Die Einnahmen würden dann die Höhe der Ausgaben bestimmen. Klinikschließungen, Abstriche bei Kuren und bei der stationären Rehabilitation seien die Folgen.

Er rate den Gesundheitspolitikern, das Thema Rationalisierung schnell anzugehen, sagte Beske. Und hatte auch gleich einen konkreten Vorschlag parat.

Das größte Defizit des Gesundheitswesens sei der Mangel an Qualitätssicherung. Eine Steigerung der Ergebnisqualität zum Beispiel bei der Endoprothesenversorgung würde die Zahl der Leistungen senken und Kosten sparen.

Beske forderte, eine sozial gerechte Gesundheitsversorgung für alle aufrecht zu erhalten.

"Mir geht es darum, dass auch in Zukunft bei geringeren Ressourcen, sehr viel weniger Geld und weniger Fachkräften eine Ordnung in der Verteilung des Mangels besteht", sagte Professor Fritz Beske.

[12.12.2012, 14:11:56]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Only bad news are good news!"...
ist anscheinend nicht nur journalistische Devise. Beim Kieler Fritz-Beske-Institut IGSF möchte man zusätzlich Auffallen um jeden Preis: "Hund beißt Mann" ist uninteressant; "Mann beißt Hund" erregt Aufmerksamkeit. Publikationen von Notstandsvoraussagen wie "Versorgungsprognose 2060" sind ebenso spektakulär wie spekulativ.

Selbstverständlich werden unter Berücksichtigung demografischer Faktoren für die Pflegeversicherung immer weniger Schultern immer mehr Kosten tragen müssen. Aber dann braucht es nur eine solide 5-Jahres-Prognose, um den Bahr'schen 5-Euro Zuschuss/Monat für die private Pflegezusatzversicherung ad absurdum zu führen. Denn so lange nur kleine und mittlere Einkommen die gesetzliche Pflegeversicherung voll finanzieren, bleiben (sonstige) Einkünfte ab der Beitragsbemessungsgrenze völlig beitragsfrei. Eine soziale Pflege-Hängematte für Gutverdiener, denn die zahlen ihre private Zusatzvorsorge aus der Portokasse.

Im Gesundheitswesen mit GKV und PKV vermisse ich beim ISGF ebenfalls nachvollziehbare Ist-Soll- und Gegenwart-Zukunft-Vergleiche. Seriöse 5- bis 10-Jahres-Prognosen erwarte ich da gar nicht mehr. Nur ein Beispiel für das Kaffeesatzlesen im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung, von der ich durchaus etwas verstehe: „Die auf 100.000 Einwohner bezogene Leistungsrate steigt jedoch bis 2050 um 10 Prozent gegenüber 2010“ heißt es unter
http://www.igsf.de/PM-lang-123.pdf
Das bedeutet in statistischem Klartext, dass innerhalb von v i e r z i g Jahren mit einem Bedarfsanstieg von p l u s 0,25 % p r o J a h r zu rechnen sei. Die IGSF-Autoren konfabulieren weiter „um dann auf diesem Niveau zu stagnieren“. Was dies bedeuten könnte, mag sich jeder selbst ausmalen?

Von Analysen des derzeitigen 24 Milliarden € schweren Überschusses bei GKV- Kassen und Gesundheitsfonds - keine Spur. Selbstkritische Reflexion früherer IGSF-Publikationen - Fehlanzeige. Und die waren mehr als einmal fragwürdig:
"Beske: Praxisgebühr erst ab dem vierten Arztbesuch" [23.04.2009].
"Gesundheitsexperte Beske warnt vor dramatischem GKV-Kostenanstieg" [25.08.2009]. Der GKV-Ausgabenanteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seit Jahrzehnten prozentual stabil.
"Was unverzichtbar in der GKV ist, soll Vorrang haben" [25.03.2010]. Eine elegante Umschreibung der unseligen und unnötigen Priorisierungsdebatte.
"Professor Fritz Beske fordert Debatte über den Leistungskatalog der GKV" [19.06.2010].
"Beske stellt Rechtsanspruch auf SAPV [Spezialisierte ambulante Palliativversorgung] in Frage" [12.07.2010].
Prof. Dr. Beske: „Solidarität erfordert Realismus“ [28.07.2011].

Doch gerade die Realitätsnähe fehlt ganz besonders bei der jüngsten IGSF-Veröffentlichung: Versorgung im Jahr 2060 - "Was auf uns zukommt, ist nicht finanzierbar". Es sind nur die schlechten Nachrichten, die sich in der Öffentlichkeit besser verkaufen lassen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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[11.12.2012, 12:24:35]
Martin Benedix 
Wichtiger Beitrag, allerdings nicht neu!
Eine neue Studie über die (langfristige) Finanzierbarkeit des deutschen Gesundheitssystems, zumindest aus der Sicht derer, die die bereits bestehende Literatur in diesem Bereich nicht kennen.

Die hier vorliegende Studie erfindet das Rad auch nicht neu. Sie ist dennoch wichtiger denn je, da die politisch Verantwortlichen aus den bisherigen Veröffentlichungen keinerlei Handlungsbedarf abzuleiten in der Lage waren. Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein und nirgendwo ist dies so notwendig wie in der GKV.

Zum Sachverhalt ist folgendes anzumerken: in einem Kommentar zu diesem Artikel in der Ärztezeitung wurde angemerkt, dass die Studie unseriös sei aus Sicht der Statistik. Dieser Einwand kann so nicht stehengelassen werden. Eine Prognose bis in das Jahr 2060 ist selbstverständlich nicht mit einer einhundert prozentigen Eintrittswahrscheinlichkeit verbunden. Daher werden auch niemals absolute Bevölkerungszahlen angegeben sondern sogenannte Bandbreiten. So gibt das Statistische Bundesamt in regelmäßigen Abständen eine aktualisierte Bevölkerungsvorrausberechnung für die BRD heraus. In der Analyse werden mehrere Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung herangezogen wodurch sich eine gewisse Bandbreite an möglichen Entwicklungen ergibt.
Wichtig ist hierbei jedoch, dass sich diese Berechnungen auf bestimmte Annahmen beziehen. Die entscheidenden Kenngrößen sind dabei die Fertilität und die Reproduktion der bestehenden Bevölkerung. Nun könnte man monieren, dass wir mit der Vergangenheit nicht in die Zukunft schätzen können. In diesem Zusammenhang wird meist auf die beiden Weltkriege und den Pillenknick verwiesen, die nicht vorhersagbar waren. Richtig ist, dass diese Ereignisse nicht vorhersagbar waren, deren demographische Auswirkungen waren allerdings in der langfristigen Perspektive unbedeutend. Während der Kriege wurden selbstverständlich wenig Kinder gezeugt, ein Blick auf die Alterspyramide zeigt jedoch, dass es sich um geringfügige Einschnitte in die Bevölkerungsentwicklung handelt. Der Pillenknick hat langfristig ebenfalls eine untergeordnete Auswirkung (daher auch der Name "Knick"). Dies kann man sich anhand der Verläufe der Fertilität veranschaulichen. Hätte die Pille einen zentralen Einfluss hätte es zu einer abrupten Abnahme der Fertilität kommen müssen. Das Bild zeigt jedoch, dass die Abnahme über einen längeren Zeitraum (geglättet) stattfand. Der Einfluss der Pille als exogenen Schock ist also nicht belegt. Vielmehr spielen in der demographischen Entwicklung langfristige Verhaltensänderungen eine Rolle. Da man diese Veränderungen kennt und weiß, dass diese Prozesse sehr langwierig ablaufen, kann man für einen Zeitraum von 40-50 Jahren sehr zutreffende Trends ermitteln. Im Hinblick auf das Gesundheitssystem kann man anhand der Beschaffenheit (Generationenvertrag) die Analyse weiter schärfen. Die Entwicklung der nächsten 15 bis 20 Jahre liegen vor uns, denn jene Beitragszahler in dieser Zeit sind die heute Neugeborenen (oder eben leider nicht Neugeborenen). Wir wissen schon heute, wer in 15 bis 20 Jahren die Beiträge zahlt und wer nicht.
Dies ist der erste logische aus der Studie abzuleitende Sachverhalt. Der zweite bezieht sich auf die bestehende Bevölkerung, insbesondere die Generation der sogenannten Baby-Boomer. Es handelt sich dabei um die geburtenstärksten Jahrgänge des Nachkriegsdeutschland. Diese Generation stellt die Rentner der Zukunft und hier prallen zwei Effekte aufeinander, die in die gleiche Richtung wirken. Erstens die oben beschriebene geringe Geburtenentwicklung und die zunehmende Lebenserwartung. Die zukünftigen Alten werden (Gott-sei-Dank) immer älter werden. Ihnen gegenüber stehen allerdings immer weniger jüngere Beitragszahler, die die vielen Alten länger finanzieren müssen. Das ist eine Tatsache, die sich mit einfacher Addition und Subtraktion erklären lässt. Wenn die Anzahl der Beitragszahler sinkt, so werden die verbliebenen Beitragszahler pro Kopf höhere Belastungen tragen müssen oder die zukünftigen Alten werden massive Leistungseinschnitte hinnehmen müssen.
Zieht man nun die derzeitigen Ausgaben im Gesundheitssystem heran und lässt diese mit der Zunahme der Alten wachsen wird deutlich, dass die Jungen in 30 bis 40 Jahren enormen Belastungen ausgesetzt sind. Das ist die Kernaussage der Studie. Durch die Zunahme der Alten müssen die Gesamtkosten bei einem gleichbleibenden Ausgabenprofil zwangsläufig steigen.

Wie anfangs erwähnt existieren derlei Studien zu Hauf. Nach wie vor scheitert es an der Umsetzung des bereits gelernten.

(Martin Benedix, ehemaliges Mitglied des Forschungszentrums Generationenverträge) zum Beitrag »
[11.12.2012, 09:11:23]
Dr. Karlheinz Bayer 
Beske argumentiert hier unseriös und unwissenschaftlich !

Wer bis ins Jahr 2060 Prognosen abgibt versteht entweder nichts von Demographie oder er will bewußt täuschen.

Treffen die "Prognosen" zu, kann man sie bestenfalls als selbsterfüllende Prophezeiung betrachten, als das zufällige Eintreten dessen, was man womöglich immer schon esagt hat ("hab ich das nicht gesagt!").

Wahrscheinlich wird in den nächsten 48 Jahren aber so viel passieren, daß Beskes Orakel nicht eintrifft. Demographie wendet man am sinnvollsten retrospektiv und nicht prognostisch an.

Dann sieht man, daß eine 48-Jahre-Vorhersage im Jahr 1900 weder den Ersten noch den Zweiten Weltkrieg vorausgeahnt hat und auch nicht die Wirtschaftskrisen und Vertreibungen. Die Voraussagen um 1900 hätten ein gewaltiges Bevölkerungswachstum ergeben. Die kriege haben das gegenteil bewirkt.

1925 hat man den Zweiten Weltkrieg ebensowenig ahnen können wie das Wirtschaftswunder nach dem Krieg. Damals sah die Situation so düster aus, daß die Auguren eher ein Schrumpfen der Bevölkerung prognostiziert hätte. Die Flüchtlingswellen ins Nachkriegsdeutschland und die Gastarbeiter der Wirtschaftswunderjahre haben das Gegenteil bewirkt.

1950 hätte kein Mensch die Wiedervereinigung voraussagen können - damals hat es ja noch nicht einmal die Trennung in zwei deutsche Staaten gegeben. Kein Mensch hat die geburtenstarken Jahrgänge oder den Pillenknick im Repertoire gehabt. Genauso wenig wie den Umstand, daß die Wiedervereinigung einen Geburtenrückgang und eine Entvölkerung in der ehemaligen DDR zur Folge hatte.

1975, 2000, 2012 - zu keinem Zeitpunkt gab es auch nur 10 Jahre, in denen eine Prognose Bestand gehabt hätte. D A S sind die Fakten, mit denen eine seriöse Demographie arbneiten kann. Dann würde man z.B. sehen, daß in Deutschland ein Bevölkerungszuwachs in den letzten 100 Jahren fast ausschließlich auf Zuwanderung zurückzuführen war und nur bei den geburtenstarken 50ern durch mehr Nachwuchs im eigenen Land - und dieser vermehrte Nachwuchs hat zudem bekanntlich nicht zu mehr Wohlstand geführt, sondern in erster Linie zu Engpässen bei den Kindergärten und Schulen, also war er eine zusätzliche finanzielle Belastung.

Wenn ich sage, die Beske-Aussagen hätten einen täuschenden oder gar bewußt täuschenden Charakter, dann bezieht sich das darauf, daß man nicht nur spekulativ prognostiziert, sondern darauf gründend auch noch eine Bewertung abgibt. "was auf uns zukommt ist nicht finanzierbar" ist eine Nullaussage. Zutreffender ist doch wohl die Umkehraussage "wir werden das finanzieren, was auf uns zukommt" oder gar "Finanzen werden auch zukünftig reichlich vorhanden sein, allerdings werden wir auch zukünftig rechnen müssen - wie übrigens heute schon".

Die Argumente des Instituts für Gesundheits - S y s t e m - Forschung (was für ein Name das auch ist!) wirken wissenschaftlich, sind es aber keineswegs. Sie sind genaugenommen nicht aussagekräftiger als Gespräche am Stammtisch oder in irgendwelchen Fernseh-Talkrunden. Und darauf soll man ein System ändern, erweitern, finanzieren, ausbauen?

Nein Danke, Herr Geske!

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal


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