Kongress, 08.04.2013
 

Versorgung

Das Problem widersprüchlicher Leitlinien

Das Problem widersprüchlicher Leitlinien

Ein Kernproblem in der Versorgung kranker Menschen sind Leitlinien, die sich widersprechen, findet ein Versorgungsforscher.

Von Thomas Meißner

WIESBADEN. Versorgungsforschung dürfe in der öffentlichen Debatte nicht allein auf den Kosten-Nutzen-Aspekt von Arzneimitteln reduziert werden, sagt Professor Holger Pfaff aus Köln. Ein wesentliches Thema ist die Harmonisierung von Leitlinien.

"Arzneimittel sind nur ein Teilbereich der gesamten Diagnostik und Therapie", betont der geschäftsführende Direktor des Zentrums für Versorgungsforschung Köln (ZVFK).

"Wir unterscheiden gern zwischen diagnostischen sowie therapeutischen Kernleistungen auf der einen Seite und Kontextleistungen auf der anderen Seite", so Pfaff.

Mit "Kontext" ist zum Beispiel gemeint, wie patientenfreundlich das ist, was der Arzt verordnet, ob es gelingt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und ob das Arzt-Patienten-Verhältnis innerhalb funktionierender Strukturen oder in einem Organisationschaos gelebt wird. All dies hat letztlich Auswirkungen auf messbare Behandlungseffekte von Patientengruppen.

Leitlinien harmonisieren

"Ein Kernproblem in der Versorgung kranker Menschen sind Leitlinien, die sich widersprechen", erläutert Pfaff einen weiteren Gegenstand der Versorgungsforschung.

Vertreter verschiedener Fachgesellschaften sind teilweise deutlich unterschiedlicher Meinung darüber, wie zum Beispiel Patienten mit Rückenschmerzen oder wie Diabetiker optimal betreut werden sollten.

Ziel müsse es sein, solche Leitlinien zu harmonisieren, meint Pfaff, etwa indem man frage, was aus dem Blickwinkel der Patienten tatsächlich relevant sei.

Des Weiteren wird oft darüber geklagt, wie schwierig es ist, die mit großem Aufwand erstellten Leitlinien in die alltägliche Praxis zu implementieren.

Auch dabei kann die Versorgungsforschung helfen, indem sie ermittelt, wie Expertenwissen verbreitet und wie damit seitens der Ärzte umgegangen wird.

Auf Kooperation angewiesen

Es ist im öffentlichen Interesse, dass Analysen der Versorgungsforscher interessenneutral erfolgen. Pfaff: "Das ist ein Zielkonflikt, den wir immer beachten müssen."

Denn die Projekte berühren zwangsläufig wirtschaftliche und juristische Interessen, Interessen von Kostenträgern und von Leistungserbringern.

Zugleich sind Versorgungsforscher angewiesen auf die Kooperation mit allen Beteiligten im Gesundheitssystem. Es gehört zum Kodex vieler Fachgesellschaften, dass Ergebnisse von Forschungsprojekten, egal wie sie ausfallen, immer veröffentlicht werden müssen.

Hinsichtlich der Finanzierung von Forschungsvorhaben ist man nach Angaben von Pfaff in der günstigen Situation, vielfach öffentlich gefördert zu werden, etwa vom Bundesforschungsministerium BMBF oder zum Beispiel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Überlebensvorteil bei Übergewicht nur ein Trugschluss?

Übergewicht ist ein kardiovaskulärer Risikofaktor, doch wer schon eine entsprechende Erkrankung hat, lebt länger. Stimmt dieses "Adipositas-Paradox" vielleicht gar nicht? mehr »

Oh, Britannia! Was hat der "Brexismus" aus dir gemacht?

Von wegen Tea Time, Queen und Linksverkehr: Nicht nur der Blick der Briten auf die EU hat sich geändert. Umgekehrt blicken auch Menschen weit außerhalb Europas inzwischen mit Unverständnis auf die Insel. mehr »

Sechs Kassen auf der Kippe – Barmer-Chef fordert Reformen

Dramatischer Zwischenruf: Das wirtschaftliche Gefüge der GKV sei instabil, sagt Barmer Chef Straub. Rund ein halbes Dutzend großer Kassen würden nur noch von der guten Konjunktur getragen. mehr »