Ärzte Zeitung, 30.12.2013
 

Sachsen-Anhalt

Kränker - aber warum?

Das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt ist kein gesundes Pflaster. So liest sich zumindest der aktuelle Landesgesundheitsbericht. In vielen Fällen, besonders bei Männern, ist Alkoholmissbrauch im Spiel. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind häufiger als im Bundesschnitt. Doch was ist der Grund?

Von Petra Zieler

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Schlechter Zustand: Ärztehaus in Halle an der Saale.

© F. Berger / imago

MAGDEBURG. In Sachsen-Anhalt leben deutschlandweit die meisten Menschen mit Herz-Kreislauf- und Alkoholerkrankungen. Das offenbart der neue Landesgesundheitsbericht.

Im Fokus umfangreicher Untersuchungen im Auftrag des Landes-Gesundheitsministeriums stand die Gesundheit der arbeitsfähigen Bevölkerung. Dabei kristallisierte sich heraus, dass immer mehr Menschen aufgrund psychischer Erkrankungen behandelt werden, wobei sieben der zehn häufigsten psychiatrischen Diagnosen bei 25- bis 45-Jährigen Männern mit Alkoholkonsum in Verbindung standen.

Bezogen auf jeweils 100.000 Männer dieser Altersgruppe wurden allein im Jahr 2011 693 Patienten mit Abhängigkeits- und Entzugssyndromen stationär behandelt, bundesweit waren es 543. Ähnlich ausgeprägt ist diese Verbindung auch in der Gruppe der 45- bis 65-jährigen Männer.

Über dem Bundesdurchschnitt liegt auch die Zahl der Herz-Kreislauf-Krankheiten (HKK), sie wird bei 43 Prozent der GKV-Versicherten in dieser Altersklasse mindestens einmal jährlich diagnostiziert.

Der Anteil der Frühverrentungen aufgrund von HKK lag in Sachsen-Anhalt bei 14,4 Prozent, in Deutschland bei 10,1 Prozent. Zudem sterben in dem Bundesland jährlich im Schnitt 1200 Menschen infolge von HKK. Der Anteil dieser Sterbefälle an der Todesrate betrug damit 24, bundesweit weit 21,1 Prozent.

"Über die Gründe für die hohe Betroffenheit können derzeit lediglich Vermutungen angestellt werden", sagte Landesgesundheitsminister Norbert Bischoff (SPD), der sich Antworten auch aus dem 2013 initiierten Herzinfarktregister erhofft.

Ungesunde Ernährung offenbar ein Problem

Es soll zugleich Grundlage für Gesundheitsförderung, Prävention sowie und für bessere Versorgungsstruktur sein. Bischoff bezeichnete die Arbeit als "zentralen Lebens- und Entwicklungsraum des Menschen. Sie kann persönliches Wohlbefinden und Gesundheit fördern und damit nachhaltig Produktivität und Innovation sichern. Arbeit kann aber auch körperliche und psychische Beeinträchtigung zur Folge haben."

Insoweit sei auch in den Unternehmen eine entsprechende Personalpolitik nötig. Zwar konnten auch die Autoren des Gesundheitsberichts keine konkreten Antworten auf die Frage nach dem Warum der alarmierenden Zahlen geben, wohl aber zeigten sie mögliche Ursachen auf.

Dazu gehören die beiden Risikofaktoren Typ-2-Diabetes und Adipositas, die in Sachsen-Anhalt häufiger auftreten als bundesweit. In etlichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass gerade diese Erkrankungen direkt oder indirekt durch ungesunde Lebensstile begünstigt werden, die in Sachsen-Anhalt weit verbreitet scheinen.

Die Auswertung vertragsärztlicher Diagnosen sowie die von Selbstangaben zu Gewicht und Größe lasse den Schluss zu, dass sich ein erhöhter Anteil der Bevölkerung ungesund ernährt, heißt es im Bericht.

Außerdem liegen alkoholbedingte Gesundheitsschäden bei den unter 65-Jährigen in Sachsen-Anhalt deutlich über dem Bundesdurchschnitt. In der Altersgruppe der über 15-Jährigen belegt das Land - nach Mecklenburg-Vorpommern - die zweithöchste altersstandardisierte Raucherquote.

Die Herausgeber des Gesundheitsberichts machen gleichzeitig auf einen möglichen Zusammenhang mit den sozialen Bedingungen (Arbeitslosigkeit, geringe Löhne, Hartz IV) aufmerksam: "Der im Vergleich zum Bundesdurchschnitt hohe Anteil von sozial schwachen Familien ist wahrscheinlich eine wichtige Ursache für die erhöhte Herz-Kreislauf-Morbidität und -Mortalität."

Fünf der zehn häufigsten psychiatrischen Diagnosen sind Alkohol-assoziiert

Häufigste Einzeldiagnosen bei 45- bis 65-Jährigen Männern in Sachsen-Anhalt und Deutschland

Rang/Erkrankung Sachsen-Anhalt Deutschland
1 F10.2 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom 515 482
2 F10.0 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Akute Intoxikation
[akuter Rausch]
433 236
3 F10.3 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Entzugssyndrom 321 221
4 F10.4 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Entzugssyndrom mit Delir 66 39
5 F32.2 Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome 46 99
6 F33.2 Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne
psychotische Symptome
43 106
7 F06 Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit 37 26
8 F10.6 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Amnestisches Syndrom 28 13
9 F32.3 Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen 10 11
10 F05 Delir, nicht durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingt 10 10
Quelle: gbe-bund.de, Krankenhausstatistik, Fortschreibung des Bevölkerungsstands, Statistisches Bundesamt, Tabelle: Ärzte Zeitung

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