Ärzte Zeitung, 30.04.2014

Depression

Forscher wollen internetbasierte Hilfen prüfen

Diagnose Depression: Viele Patienten müssen lange auf einen Termin beim Psychotherapeuten warten. Die Deutsche Bahn Stiftung investiert in die Erforschung von Therapiealternativen.

Von Marco Hübner

Forscher wollen internetbasierte Hilfen prüfen

Oft müssen Ärzte erst das Schamgefühl ihrer Patienten überwinden, um psychische Leiden aufzudecken.

© A. Raths / fotolia.com

BERLIN. Nur wenige unter den Millionen von Patienten mit einer Depression werden nach Auffassung von Experten in Deutschland optimal behandelt.

Die Deutsche Bahn Stiftung und die Stiftung Deutsche Depressionshilfe haben sich zusammengetan, um internetbasierte Hilfen für depressive Patienten zu testen. Insbesondere Hausärzte könnten durch den Einsatz solcher Programme entlastet werden.

"Nur etwa zehn von 100 an einer Depression erkrankte Patienten erhalten in Deutschland eine leitlinienkonforme Behandlung", sagt Professor Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Bei geschätzt vier Millionen Menschen, die an einer Depression leiden, führe dies zu ernst zu nehmenden Problemen. Eine bestehende Depression wirke sich auf den ganzen Körper aus und könne Krankheitsverläufe negativ beeinflussen, erklärt Hegerl.

Dazu kommen volkswirtschaftliche Schäden. Menschen mit seelischen Erkrankungen fehlen häufiger und zunehmend länger am Arbeitsplatz. 2012 zeichneten laut einem Report der DAK seelische Leiden für 15 Prozent aller Arbeitsausfälle verantwortlich. Platz zwei hinter den Muskulo-skelettalen-Erkrankungen.

Viele Ärzte haben Hemmschwelle

"Die Hemmschwelle, seelische Leiden anzusprechen, ist bei vielen Ärzten hoch", sagt Thomas Müller-Rörich, Vorstandsvorsitzender der Deutschen DepressionsLiga, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Die Ausbildung von Medizinern ziele zu oft auf körperliche Krankheiten.

Damit würden Ärzte zu sehr auf Distanz zu ihren Patienten getrimmt, was die Psyche betrifft. Um die Diagnose Depression rechtzeitig zu stellen, müsse zuerst das Schamgefühl der Patienten überwunden werden. Dafür brauche es klare Signale vom Arzt.

Müller-Rörich empfiehlt Hausärzten bei Verdacht auf eine Depression direktes Nachfragen: "Freuen Sie sich auf den nächsten Tag?" Häufig flössen darauf hin Tränen. Bei Männern könne es, auf ihre Psyche angesprochen, vermehrt zu Aggressionen kommen.

Grund: "Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung. Männer gestehen sich häufig nicht ein, an der Seele erkrankt zu sein", sagt Müller-Rörich. Diese Ängste und Emotionen müsse der Hausarzt mit viel Ruhe und Zugewandtheit nehmen. Der erste Schritt zur Besserung sei damit getan.

Ein Termin beim Fachmann liege jedoch dann häufig noch in weiter Ferne. "Ich hätte mich schon selbst einweisen müssen, um in der Zeit Hilfe zu bekommen", kommentiert Müller-Rörich, der einst selbst an einer Depression erkrankt war.

Wartezeiten sind gefährlich

Die Wartezeit birgt zusätzliche gesundheitliche Gefahren. So komme es etwa genau dann vermehrt zu Scheidungen und Vereinsamung, erklärt Müller-Rörich. Probleme im Beruf lösten Existenzängste aus.

Nicht selten führten die dann in den Suizid. Der Hausarzt sei in dieser Phase ein wichtiger Ansprechpartner. Im ärztlichen Versorgungsalltag bleibe aber häufig nur wenig Zeit für Gespräche.

Kommt Hilfe nun also aus dem Netz? Internetbasierte Programme sollen den Patienten helfen, die Wartefristen auf die Therapie zu überbrücken.

Die Deutsche Bahn Stiftung und die Stiftung Deutsche Depressionshilfe wollen deshalb noch in diesem Jahr in einer Vergleichsstudie die Wirksamkeit solcher Programme erforschen. Dafür stellt die DB-Stiftung nach eigenen Angaben "einen Millionen-Betrag" bereit.

Erste Ergebnisse soll es im August geben. Hausärzte sollten ihren Patienten dann künftig guten Gewissens vermehrt Zugang zu den Portalen ermöglichen können. Ebenfalls in diesem Jahr geplant ist eine Info-Hotline für Patienten.

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