Ärzte Zeitung, 07.12.2015

Kommentar

30 Jahre Gesundheitsweise

Von Anno Fricke

Es ist gut, dass sich unsere Gesellschaft eine Institution wie den Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen leisten kann: sieben vom jeweiligen Gesundheitsminister berufene Köpfe, die weitgehend frei assoziieren können.

Diese Freiheit ist fruchtbar. Die Wissenschaftler müssen sich wenig darum scheren, ob und wie ihre Empfehlungen in praktische Politik umgesetzt werden können.

Seit 30 Jahren berät dieses Gremium in wechselnder Besetzung die Gesundheitspolitik. 16 Gutachten sind bislang erschienen. Nicht wenige der Impulse der Gesundheitsweisen haben Eingang in die Gesundheitspolitik gefunden.

Erinnert sei an das Recht auf freie Kassenwahl und die Pflicht, die Brillengläser selbst zu bezahlen. Zu den deutlich sichtbaren Spuren des Rates zählen auch der Risikostrukturausgleich und der Ausbau der Prävention.

Es ist also nicht l‘art pour l‘art, wenn das Gremium ein Gutachten vorlegt. Schon die kontroversen Debatten über Empfehlungen des Rates können erkenntnisträchtig sein.

Der jüngste Vorschlag, ein Teilkrankengeld einzuführen, eignet sich prima für die politische Auseinandersetzung. Steht der Sozialstaat vor einem Sündenfall, befreit er sich von Ballast oder passiert gar nichts? Man wird sehen.

Lesen Sie dazu auch:
Sachverständigenrat will Reform: 25 prozentige Arbeitsunfähigkeit soll möglich sein!

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Versorgungsforschung (1722)
[08.12.2015, 17:57:08]
Dr. Henning Fischer 
Gesundheitspolitik: ein Fehler zieht den nächsten nach sich

Seehofer führte den Kassenwettbewerb ein, der eigentlich schon nicht funktionieren konnte.

Da alle gesunden Versicherten in BKKs mit niedrigerem Beitrag wechselten, wären die AOKs an ihren Rentnern pleite gegangen.

Also mußte der Risikostrukturausgleich her, Kassen mit Kränkeren bekommen Geld von den anderen. Doch wie ausgleichen?

Also mußten ICD und DMP her, damit man das Kranksein bewerten konnte. Für die ICD-Kodierung versprach man den Kassenärzten mehr Honorar (Morbidität), was aber natürlich nicht eingehalten wurde, dafür hält man die massiv honorargekürzten Kassenärzte mit DMP-Brosamen bei Laune.

So geht Gesundheitspolitik: dumme Gesetze mit noch dümmeren korrigieren.

Und die Ärzteschaft hält immer still (Gröhe marschiert auch wieder durch)
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[08.12.2015, 14:10:48]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"30 Jahre Gesundheitsweise" erfordern einen Paradigmen-Wechsel!
Der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen" besteht aus
- Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, Frankfurt/Main, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Institut für Allgemeinmedizin (Vorsitzender)
- Prof. Dr. rer. pol. Eberhard Wille, Emeritus Universität Mannheim, Abteilung Volkswirtschaftslehre (stellv. Vorsitzender)
- Prof. Dr. rer. pol. Wolfgang Greiner, Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften/AG 5, School of Public Health - WHO Collaborating Center
- Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft
- Prof. Dr. med. Marion Haubitz, Zentrum Innere Medizin, Medizinische Hochschule Hannover/Klinikum Fulda gAG, Medizinische Klinik III (Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen)
- Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann, Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie, Universität Witten/Herdecke/Philipp Klee-Institut für Klinische Pharmakologie, HELIOS Klinikum Wuppertal
- Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg, Universität Hamburg, Hamburg Center for Health Economics, Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen
http://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=5

1. Formal und inhaltlich geht es aber gar nicht um "Gesundheit" an und für sich, sondern primär um K r a n k h e i t s e n t i t ä t e n, sozio-kulturell und gesundheitspolitisch gewollte Krankheits-Versorgungsqualität, Krankheits-Bewältigungsstrategien bzw. bio-psycho-soziale Hilfsangebote im krankheits-epidemiologischen Raum.

2. Wer als "Gesundheitsweise" Weisheit in einem primär euphemistisch beschriebenen, krankheits-verleugnenden Gesundheitssystem verbreiten will, muss erst einmal die Versorgungsrealität kennen. Dies ist von einem derartig ökonomie- und therorie-lastig besetzten Gremium wohl kaum zu erwarten.

Insofern weisen irregeleitete Empfehlungen des jüngsten "Sonderberichts" zu längst etablierten stufenweisen Wiedereingliederungen in das Arbeitsleben über seit Jahrzehnten gebräuchliche GKV-Formulare (Muster 20a) und DRV-Vordrucke (Formularnummer: G0830) der Deutschen Renten- bzw. Gesetzlichen Krankenversicherungen auf informationelle Defizite des Sachverständigenrates hin. Bei Akutkrankheiten mit selbstlimitierendem Verlauf ist eine prozentuale Krankschreibung unangemessen umständlich und kaum kostensparend.

Auch die Empfehlung, jegliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) monokausal auf eine einzige Krankheit mit ICD-10-GM Schlüssel herunterbrechen zu wollen, ist bei verbreiteter Multimorbidität, Co-Morbidität, Risikofaktoren, Bedingtheit von Folgeerkrankungen, Krankheitsinteraktionen, Komplikationen und abwendbar gefährlichen Verläufen abwegig und kontraproduktiv.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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