Ärzte Zeitung, 13.06.2016
 

Durchbruch wohl voraus

Können Ärzte bald Krebs heilen?

Die Krebstherapie hat in den vergangenen Jahren rasante Fortschritte gemacht. Immer neue Medikamente wurden zugelassen. Was heißt das für den Patienten?

Von Christoph Fuhr

Können Ärzte bald Krebs heilen?

Massive Investition zahlen sich aus: Viele Krebs-Arzneien wurden in den letzten Jahre zugelassen. Können Ärzte die Krankheit bald ganz besiegen?

© Smileus / fotolia.com

BERLIN. Wenn in der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte über die Chancen von innovativen Arzneimitteln diskutiert wird, dann ist oft vom "Durchbruch" im Kampf gegen Krebs die Rede. Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang "Durchbruch"?

Bei einer Veranstaltung des Hauptstadtkongresses diskutierten Experten und schnell wurde klar: Alles ist eine Frage der Perspektive. Der Durchbruch stehe unmittelbar bevor, hieß es zum Beispiel, oder: man stehe mitten drin, und es wurde sogar die Auffassung vertreten, er sei bereits geschafft.

Optimismus unter Forschern

Kein Zweifel: Die Krebstherapie hat rasante Fortschritte gemacht. Heute können mehr als die Hälfte aller Krebspatienten geheilt werden - noch vor 30 Jahren war es gerade mal ein knappes Drittel. Bei bestimmten Krebsarten, so bei Melanomen, Prostata- oder Hodenkrebs liegt die 5-Jahres-Überlebensrate heute bei über 90 Prozent.

Dass Grund zum Optimismus besteht, darüber gibt es auch aus Sicht von Professor Bernhard Wörmann keinen Zweifel. Der Hämatologe und Onkologe von der Charité ist medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie und kam gerade vom Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) aus Chicago zurück.

Er hat bemerkenswerte Botschaften im Gepäck: "Es gibt eine Riesenwelle von frühen Studiendaten mit neuen Einzel- oder Kombinationstherapien und exzellenten Ansprechraten", sagte Wörmann, machte dann aber doch eine klare Einschränkung: "Dieser Tsunami kommt bisher nicht an Land. Er findet auf dem See der Forschung statt".

Nicht jedes Medikament ein Durchbruch

Nicht jedes Arzneimittel sei eine Innovation, stellte Wörmann klar. Für die langfristige Erfassung des Wertes eines neuen Arzneimittels reichten Ergebnisse aus Phase-1 und Phase 2 Studien allein nicht aus. Hier seien weitere Daten nötig.

Professor Marek Zygmunt, Präsident der Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft und Direktor der Frauenklinik der Uniklinik Greifswald, mahnte zur Zurückhaltung: "Ich frage mich manchmal, ob wir nicht den Patienten zu viele Versprechen machen und Hoffnungen wecken, wo es keine Hoffnung mehr gibt."

Vor einem Sparkurs um jeden Preis warnte Dirk Greshake Geschäftsführer der AstraZeneca Deutschland GmbH aus Wedel. "Ich glaube, wenn medizinische Durchbrüche sich ankündigen oder erzielt werden, dann ist es zu kurz gegriffen, wenn man sagt: Das Budget ist das Budget und das war‘s dann", sagte er.

Wer entscheidet über den Preis für neue Arzneien?

Mit Blick auf die frühe Nutzenbewertung mahnte Greshake Handlungsbedarf an. Es könne nicht länger angehen, dass nur die Pharmaunternehmen und der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) Verhandlungspartner seien. Dringend müssten auch die Vertreter von medizinischen Fachgesellschaften mit ins Boot geholt werden.

Wer soll die innovativen Medikamente bezahlen? Thomas Bodmer, Vorstandsmitglied der DAK-Gesundheit, legte die Karten auf den Tisch: "Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass sich die Kassenbeiträge erhöhen - da beißt die Maus keinen Faden ab."

Den Wert von Innovationen gerade im Bereich der Onkologie wolle er keinesfalls leugnen, "aber wir sind nicht bereit, Geld für Schein-Innovationen in die Hand zu nehmen, so lange der Nutzen des Medikaments nicht geklärt ist, stellte der Kassenvertreter unmissverständlich klar.

50 neue Wirkstoffe in fünf Jahren

50 Wirkstoffe sind seit 2011 neu zugelassen worden, erläuterte Dr. Uwe Vosgerau vom GBA, der sich mit dem Schwerpunkt Nutzenbewertung von neuen onkologischen Arzneimitteln beschäftigt. Neue Medikamente kommen vor allem für Patienten mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium auf den Markt. Es geht dann nicht um Heilung, sondern um eine Symptomverbesserung und Lebensqualität.

"Wir befinden uns bei der Entwicklung neuer Krebsmedikamente in einem dynamischen Prozess", so Marek Zygmunt in seinem Fazit. Therapeutische Ansätze müssten sorgfältig bewertet werden, der Nutzen für den Patienten und seine Sicherheit hätten Priorität. Zygmunt nahm auch Politiker in die Pflicht: "Wir brauchen mehr Versorgungsforschung und eine öffentliche Debatte über den Nutzen von Innovation."

[13.06.2016, 12:35:27]
Rudolf Hege 
Und nach den 5 Jahren?
Unter Heilung versteht man gemeinhin etwas anderes als eine "5-Jahres-Überlebensrate". Hier stellt sich die Frage, was passiert, nachdem die Menschen aus der Statistik gefallen sind? Belastbare Daten scheinen da rar zu sein... zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »