Ärzte Zeitung, 26.10.2016
 

Vorbild Schleswig Holstein

Schlaganfallpatienten werden effizient versorgt

Nichts geht ohne Vernetzung, doch die Gräben zwischen den Versorgungssektoren im Gesundheitswesen sind tief. Dass es dennoch Wege aus dem Dilemma gibt, zeigen die Beteiligten in der Schlaganfallversorgung in Schleswig-Holstein.

Von Dirk Schnack

Seit Jahrzehnten wird eine engere Vernetzung im Gesundheitswesen angemahnt. Auffällig viele Akteure verfallen in eine schleppende Gangart, sobald sie zur Kooperation aufgefordert werden. Kein Wunder – abgeschottete Honorartöpfe, über Jahrzehnte gepflegte Vorurteile und Frust nach gescheiterten Bemühungen machen es schwer, die Gräben zwischen den Sektoren zu überwinden.

Dass es auch anders geht, zeigen die Beteiligten in der Schlaganfallversorgung im Norden. Viele Menschen in Schleswig-Holstein haben die Chance, davon zu profitieren – jedes Jahr erleiden 11.000 Menschen allein in Schleswig-Holstein einen Schlaganfall. Damit sie eine bessere Versorgung als in der Vergangenheit erhalten, realisieren Kliniken abgestufte Versorgungskonzepte, reden niedergelassene Ärzte mit Logopäden und Ergotherapeuten über regionale Zusammenarbeit, informieren sich Professoren bei Betroffenen, und in Schulungen lassen sich unterschiedliche Berufsgruppen darüber unterrichten, wie sie in der Schlaganfallbetreuung auch über ihren erlernten Beruf hinaus noch helfen können.

Oberstes Ziel all dieser Bemühungen ist es, die Versorgung zu verbessern. Eine ähnlich aufgeschlossene und von gegenseitigem Respekt getragene Stimmung wünscht man sich auch für andere Krankheitsbilder. In der Schlaganfallversorgung ist das nicht von heute auf morgen gelungen, sondern Zwischenergebnis eines jahrelangen Prozesses, den Betroffene selbst maßgeblich mit angestoßen haben. Sie haben es geschafft, dass die Beteiligten auf Augenhöhe kommunizieren und Vorschläge ernst nehmen, auch wenn sie nicht von hochdekorierten Medizinern kommen. Einige Projekte zeigen, dass sich in dieser Stimmung tatsächlich einiges in der Versorgung von Schlaganfallpatienten bewegt hat.

Uniklinikum steuert Versorgung Jüngstes Beispiel für eine ganze Reihe von Kooperationen ist die in Kiel verabredete Standardisierung der Schlaganfallversorgung zwischen dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), dem Städtischen Krankenhaus (SKK) und dem Rettungsdienst.

Sie sieht vor, dass die Behandlung von Patienten mit akuten Schlaganfällen künftig über das UKSH gesteuert wird. Erstdiagnostik und Akutbehandlung finden auf der Stroke Unit des Universitätsklinikums statt, wo man bei Bedarf jedes Fach hinzuziehen und fachübergreifende Therapiekonzepte erstellen kann. Für die nachfolgende Therapie haben sich die beiden Häuser auf eine abgestufte Versorgung verständigt, die sich an den jeweiligen medizinischen Erfordernissen orientiert.

Für den Rettungsdienst ist damit die erste Anlaufstelle geregelt. "Es müssen keine Betroffenen mehr zu einer dringlichen Therapie von einer Klinik in die andere verlegt werden", sagt dazu Dr. Wolfgang Notz, ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr Kiel. Er ist schlicht "dankbar" für die Absprache. Die Stroke Unit am UKSH wurde kürzlich von elf auf 15 Betten erweitert, damit könnten rund 1500 Patienten jährlich dort versorgt werden, bislang sind es 1000. Auch mit den Krankenhäusern in Neumünster, Rendsburg, Schleswig und Malente hat das UKSH bereits Absprachen zu einer abgestuften Kooperation getroffen. Die Versorgung im Norden profitiert aber auch von anderen Vernetzungen.

 So hat sich in Kiel auf Initiative eines Sanitätshauses eine Schlaganfall-Allianz gebildet, in der sich Logo-, Ergo- und Physiotherapeuten über die Behandlung abstimmen. Weitere Beispiele für Verbesserungen: Die Patientenorganisation Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein verzeichnet große Resonanz auf eine kürzlich gestartete Ausbildung zum Schlaganfall-Helfer. Zielgruppe sind Mitarbeiter aus medizinischen Berufen wie etwa Medizinische Fachangestellte (MFA).

Sie erhalten an zwei Schulungstagen Grundlagen rund um das Krankheitsbild und Möglichkeiten der Beratung und Betreuung vermittelt. Ziel ist es, die Betroffenen nach der Klinikentlassung besser begleiten zu können. Die Patientenorganisation arbeitet dafür eng mit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe und der Ärztekammer zusammen.Ziel ist eine flächendeckende Struktur

Auch die Nachsorge in den einzelnen Regionen soll durch eine bessere Vernetzung vor Ort verbessert werden. An solchen Nachsorge-Netzen wird im Norden derzeit gearbeitet. Langfristiges Ziel ist eine flächendeckende Struktur, in der sich regionale Netze gegenseitig austauschen. Hierbei unterstützt der Schlaganfall-Ring gemeinsam mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Uni in Kiel. Von der Vernetzung erhoffen sich die Beteiligten auch ein besseres Entlassmanagement aus der Reha, regionale Fallkonferenzen oder eine standardisierte Einbindung der Selbsthilfe in das ambulante Therapiekonzept.

Die Umsetzung solcher Projekte kostet Geld, das auch aus öffentlichen Mitteln, Stiftungen und Drittmitteln kommen kann. Auch für die Generierung solcher Mittel gilt, dass abgestimmte Projekte oft bessere Chancen haben als Insellösungen. Zugleich braucht es aber auch Initiatoren, die sich von Hindernissen nicht abschrecken lassen und ein Ziel auch langfristig verfolgen. Die Schlaganfallszene im Norden hat das Glück, dass sich solche Initiatoren in ihren Reihen befinden. Das Gesundheitswesen könnte mehr von ihnen gebrauchen.

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