Ärzte Zeitung online, 26.10.2016
 

Experten

Kliniksektor aufgebläht

Fünf von sechs Kliniken überflüssig

Eine Studie sagt, dass die meisten Kliniken überflüssig sind: Zeit, viele zu schließen?

© Friedberg / fotolia.com

NEU-ISENBURG.  Die stationäre Versorgung in Deutschland ist unnötig aufgebläht und ineffizient. Die Diskussion über Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen im Krankenhaus rühre aus der hohen Zahl an Krankenhäusern, hohen Fallzahlen sowie der nach wie vor überdurchschnittlich hohen Verweildauer.

Zu diesem Ergebnis kommt die Nationale Akademie der Wissenschaften "Leopoldina". In einem Thesenpapier machen die Wissenschaftler eine radikale Rechnung auf: Für eine effektive Versorgung reichten 330 Krankenhäuser aus. Derzeit leistet Deutschland sich 1980 Kliniken.

Von den 1371 Kliniken in den Krankenhausplänen der Länder hätten 359 nicht einmal einen Computertomografen. 261 hätten kein einziges Intensivbett. Eine Anpassung der Kapazitäten würde den Personalmangel beheben. Es gebe ausreichend medizinische und pflegerische Fachkräfte. Sie seien aber auf zu viele Häuser verteilt.

Deutschland schneide bei vielen Kennzahlen für die Qualität der stationären Versorgung nicht gut ab, heißt es in dem Papier "Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem". So starben im Jahr 2013 8,7 Prozent der Patienten über 45 Jahre, die mit Herzinfarkt in eine Klinik eingeliefert worden sind. Damit nimmt Deutschland Platz 25 von 32 OECD-Ländern ein.

Spitze sei Deutschland hingegen bei der Bettenzahl. Nimmt man den Durchschnitt der EU-15-Länder (die "alten" EU-Mitglieder vor der Osterweiterung) als Maßstab, dann stünden in deutschen Kliniken 320  000 statt 500.000 Betten. Zugleich verfügten von den 1371 Plankrankenhäusern, die Anspruch auf Investitionsförderung haben, 26 Prozent über keinen Computer-Tomographen, 19 Prozent über kein Intensivbett. Hinzu kommt die Unterfinanzierung: Der Investitionsbedarf aller Häuser addiert sich auf rund sieben Milliarden Euro, von den Ländern erhalten sie jährlich nur 2,8 Milliarden Euro.

Dies begünstige die "zweckentfremdete Nutzung von DRG-Erlösen zur Existenzsicherung", schreiben die Autoren, zu denen der frühere Vorstandschef der Charité, Professor Detlev Ganten, und der Berliner Gesundheitsökonom Professor Reinhard Busse gehören. Es sei unzureichend, allein das Fallpauschalensystem als Ursache von Fallzahlsteigerungen anzusehen. Das verstelle den Blick auf "strukturelle Probleme". Durch mehr Geld werde die stationäre Versorgung nicht automatisch effizienter und leistungsfähiger. Gäbe es weniger Kliniken, hätten diese auch geringere Probleme, ausreichend qualifizierte Ärzte zu rekrutieren.

Politiker müssten ihre Steuerungsverantwortung für die Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems wahrnehmen, folgern die Autoren. Durch die fehlende politische Gestaltung würden Probleme über die Fallpauschalen "nach unten durchgereicht". (af)

 

[27.10.2016, 18:58:03]
Thomas Georg Schätzler 
Wer keine Ahnung hat, sollte erst Denken und dann Reden bzw. Schreiben!
Auch nach Ansicht der eigentlich nur und ausschließlich für die Sicherstellung der a m b u l a n t e n vertragsärztlichen Versorgung zuständigen Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gebe es in Deutschland 500 Krankenhäuser zu viel: "Heute gibt es über 2000 Krankenhäuser. So viele brauchen wir sicher nicht. Schaut man ins Ausland, würde eine Zahl von 1500 wohl ausreichen", sagte KBV-Vorstandschef und niedergelassener Orthopäde Dr. med. Andreas Gassen der "Rheinischen Post".
http://ftp.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/bedarfsplanung/article/920931/kbv-chef-gibt-500-kliniken-deutschland.html

Die altehrwürdige, versnobt-verstaubte "Leopoldina" schreibt dazu in einem 8-Thesen-Paper mit dem monomanen Titel "Nationale Empfehlungen - Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem (2016)" ebenso dilettantisch wie bildungsfern: "Die Medizin hat die Aufgabe, Krankheiten – soweit möglich – zu heilen, zu lindern und ihnen vorzubeugen. Der Patient muss sich darauf verlassen können, dass Ärzte und das medizinische Fachpersonal nur entsprechend dieser Aufgabe handeln."
http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/publication/zum-verhaeltnis-von-medizin-und-oekonomie-im-deutschen-gesundheitssystem-2016/

Dabei "vergisst" die Leopoldina völlig, dass das ärztliche Motto "RETTEN, HEILEN, LINDERN, SCHÜTZEN" lauten muss. Vergleichbar mit dem globalen Leitmotiv aller Feuerwehren: "Retten, Löschen, Bergen, Schützen"
http://www.feuerwehrverband.de/fileadmin/Inhalt/SERVICE/Allgemein/DFV-Informationen_Signet_DJF.pdf

Die Leopoldina will uns Ärztinnen und Ärzten in Klinik und Praxis allen Ernstes eine Arbeitsplatzbeschreibung mit "Krankheiten – soweit möglich – zu heilen, zu lindern und ihnen vorzubeugen" andienen, in der die eminent wichtige und klinisch besonders relevante Rettungs- und Notfallmedizin schlichtweg unterschlagen wird?

Mein Vorschlag zur Güte, nebst der herrlichen Satire "Neuronale Dysfunktion" des Kollegen Peter Glocker hier in der Ärzte Zeitung:
Jedes Mitglied der Leopoldina wird dazu verdonnert, mindestens 25 Folgen von "Emergency Room" mit George Clooney als Dr. Green anzuschauen oder die 3 Bücher "Mount Misery", "The House of God" und "Doctor Fine" von Samuel Shem zu exzerpieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[27.10.2016, 15:02:25]
Peter Glocker 
Neuronale Dysfunktion
Beim Durchlesen dieses Textes fielen mir zahlreiche unschöne Worte ein, deren Wiedergabe hier deplatziert wäre. Dafür suche ich mir dann doch ein stilles Wäldchen, in dem ich alles herausschreien kann.

So, die meisten Kliniken sind also überflüssig?! D.h., diese überflüssigen Kliniken werden derzeit als Wellnessoasen oder als Spielplätze für gelangweiltes medizinisches Personal und ebenfalls gelangweilte Patienten, die mal einen Klinikaufenthalt einem Kinobesuch ala Emergencyroom vorziehen, genutzt? Die zahlreichen in langen Wartereihen in den Ambulanzen sitzenden Patienten sind bestimmt auch alles nur Jammerlappen, die ihre Befindlichkeitsstörungen ausleben und mal das System beanspruchen wollen?!

Wäre dieser Artikel einer Feder der Boulevardpresse entsprungen, hätte ich ihn vielleicht noch belächeln können. Aber die nationale Akademie der Wissenschaften?? ....

Aber gut, wir können ja auch mehr 'Selfmedi-Apps' entwickeln, damit erst gar keiner auf die Idee kommt, Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch zu nehmen.

Was ist dieser Artikel doch für ein hilfloser Versuch, die Probleme des Gesundheitssystems wieder mal als lediglich Umverteilungsstörung zu klassifizieren. Sicher ist, mit solchen Ideen kommen wir einer Lösung der Problematik keinen Millimeter näher. Ich hoffe, der Artikel war eine selbstlose unbezahlte Arbeit der Akademie und keine aus diesem Gesundheitssystem finanzierte Leistung?



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