Ärzte Zeitung, 28.10.2016
 

Online-Therapie

Wirksame bei Behandlung depressiver Patienten

Mehr Lebensqualität für depressive Patienten und eine wirksame Unterstützung ihrer Behandlung in der hausärztlichen Praxis: Das sind nur zwei der Vorteile des Online-Programms MoodGYM, über die auf einer Fachtagung in Berlin berichtet wurde.

Von Taina Ebert-Rall

BERLIN. Das Selbstmanagementprogramm MoodGYM, das mit "Fitness für die Stimmung" übersetzt werden kann, wurde von der Australian National University zur Vorbeugung und Verringerung von depressiven Symptomen entwickelt. Dass es auch in Deutschland wirksam ist, wies ein Forscherteam um Professor Steffi Riedel-Heller aus Leipzig nach. Erste Ergebnisse der clusterrandomisierten Studie stellte Marie Dorow vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Universität Leipzig Mitte Oktober auf einer Fachtagung zum Thema E-Mental-Health vor. Demnach kann das Programm auch in Deutschland erfolgreich zur Unterstützung der ärztlichen Behandlung eingesetzt werden.

Studie mit 190 Hausarztpraxen

MoodGYM steht in Deutschland seit Anfang 2016 kostenlos zur Verfügung. Mit finanzieller Unterstützung des AOK-Bundesverbandes haben die Wissenschaftler der Universität Leipzig das Programm aus dem Englischen übersetzt und an deutsche Verhältnisse angepasst. Das Angebot ist unter der Adresse www.moodgym.de für alle Interessierten frei zugänglich. Ärzte und Therapeuten können das kostenlose Programm allen geeigneten Patienten anbieten – unabhängig von der Kassenzugehörigkeit. An der nun abgeschlossenen clusterrandomisierten kontrollierten @ktiv-Studie nahmen 190 Hausarztpraxen (95 Interventionspraxen und 95 Kontrollpraxen) und 647 Hausarztpatienten teil.

Das Programm basiert auf Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie und eignet sich beispielsweise dazu, Patienten während der Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz zu unterstützen. Bei ersten Anzeichen einzelner depressiver Symptome kann es zudem vorbeugend angeboten werden – zum Beispiel von psychologischen Beratungsstellen. Darüber hinaus kann es eine wertvolle Hilfe für Fachexperten wie Psychiater und Psychotherapeuten sein. So können auch psychoedukative Inhalte über das Online-Programm vermittelt werden – beziehungsweise von den Patienten zu Hause mit dem Online-Programm vertieft werden. Ferner hat eine Anwendungsstudie gezeigt, dass MoodGYM auch als Zusatzangebot in psychiatrischen Kliniken gute Akzeptanz findet.

Versorgungslücken schließen

Während der Tagung in Berlin diskutierten rund 70 Experten aus Praxis, Wissenschaft und Krankenkassen über die MoodGYM-Ergebnisse sowie generell über Chancen und Grenzen von Online-Programmen bei psychischen Erkrankungen. Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, verwies darauf, dass es in Deutschland noch immer Defizite in der Versorgung von Menschen mit Depressionen gibt. "Online-Angebote wie MoodGYM könnten einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung leisten", sagte Litsch mit Blick auf das Engagement der AOK für die Übertragung des MoodGYM-Programms auf deutsche Verhältnisse. Als weiteres Beispiel führte er den vom AOK-Bundesverband in Kooperation mit Professor Manfred Döpfner entwickelten ADHS-Elterntrainer an.

Laut Versorgungs-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK wird jährlich bei über sieben Millionen Deutschen eine Depression diagnostiziert. Bei der Versorgung dieser Patienten spielen Hausärzte eine zentrale Rolle: 86 Prozent aller Patienten mit depressiven Episoden werden ambulant versorgt – und von diesen wiederum zwei Drittel allein von ihrem Hausarzt.

Klassische Symptome einer Depression sind anhaltender Antriebsmangel, Interessenverlust und Freudlosigkeit sowie Niedergeschlagenheit. Oft kommen weitere Symptome hinzu wie Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle oder vermindertes Selbstvertrauen. Betroffene benötigen schnell Hilfe.

Auf leicht verständliche Weise veranschaulicht MoodGYM, wie negative Gefühle und depressive Symptome zusammenhängen und wie es gelingen kann, wenig hilfreiche Gedankenmuster zu erkennen und zu ersetzen. Eine Besonderheit des Programms ist seine leichte Verständlichkeit. So ist MoodGYM modular aufgebaut und die Teilnehmer werden mithilfe ganz unterschiedlicher Charaktere durch das Programm geführt. Eine dieser Beispielpersonen ist Viktoria. Gutaussehend und erfolgreich ist sie immer in Sorge, dass die Leute eines Tages ihr wahres (hässliches und untalentiertes) Ich erkennen könnten. Weitere Beispielpersonen sind Nullproblemo (liebt das Leben) oder Anne (gilt als optimistisch, gerät aber leicht aus der Fassung) .

MoodGYM ersetzt keine eine ärztliche Diagnose oder Behandlung, kann aber, wenn es therapieunterstützend eingesetzt wird, hilfreich sein. Das Programm berücksichtigt auch etwaige Symptomverschlechterungen oder Suizidalität. MoodGYM enthält dazu entsprechende Symptomabfragen und verweist auf Notfallnummern, den Hausarzt oder andere Experten für seelische Gesundheit. Weiterführende Informationen rund um MoodGYM sind unter www.moodgym-deutschland.de erhältlich.

Positiver Langzeiteffekt

Nach den Ergebnissen der nun abgeschlossenen Studie, an der sich Praxen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt beteiligt haben, reduziert MoodGYM nachweislich die depressive Symptomatik und verbessert die Lebensqualität von leicht bis mittelgradig depressiven Hausarztpatienten innerhalb von sechs Wochen. Auch im Langzeitverlauf trägt MoodGYM zu einer weiteren Verringerung der depressiven Symptomatik der Patienten bei.

Zudem zeigten sich nach den Ergebnissen der Studie, "weiterhin langfristige positive Effekte auf die Selbstwirksamkeit und auf die psychische Belastung allgemein", so Dorow. Im Rahmen der Studie waren Patienten zu drei Mess-Zeitpunkten befragt worden: zu Beginn der Teilnahme in der Hausarztpraxis, nach sechs Wochen zu Hause und nach weiteren sechs Monaten zu Hause.

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