Ärzte Zeitung, 14.11.2016
 

Hamburgs soziale Brennpunkte

Projekt für bessere Versorgung

Das Ärztenetz Billstedt-Horn holt mehrere Partner ins Boot, um die Versorgung in sozialen Problembezirken der Hansestadt auf eine völlig neue Grundlage zu stellen.

Von Dirk Schnack

Projekt für bessere Versorgung

Hamburg, Stadtteil Billstedt: Hier soll die Gesundheitsversorgung verbessert werden.

© Warmuth / dpa

HAMBURG. Zehn Jahre Lebenserwartung liegen zwischen westlichen Hamburger Stadtteilen wie Rissen und östlichen wie Horn und Billstedt.

Zehn Jahre, die sich etwa durch eine niedrigere Gesundheitskompetenz, einen niedrigeren sozialen Status, einen erschwerten Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und die Sprachbarrieren der zahlreichen Migranten in Horn und Billstedt erklären lassen. Diese zehn Jahre, so die Vision von Alexander Fischer, sind eines Tages aufgeholt.

Fischer leitet das Projekt Invest der Gesellschaft "Gesundheit für Billstedt/Horn", das in den kommenden drei Jahren 6,3 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds erhalten wird.

Was im Hamburger Osten mit dem Geld geschieht, könnte auch in Köln-Chorweiler, Bremerhaven, Berlin-Wedding oder in der Dortmunder Innenstadt-Nord relevant sein – eben überall dort, wo sich Bevölkerung auch "sozial abgehängt fühlt", wie es der Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg, Matthias Mohrmann für Billstedt/Horn ausdrückte.

Niedrige Bildung, hohe Kriminalität

Mit Hilfe des Geldes wollen Fischer und seine Mitstreiter die Gesundheitsversorgung in einem Stadtteil neu organisieren, der bislang meist dann in die Schlagzeilen kam, wenn es um niedrige Bildung, hohe Kriminalität und problematische Versorgungslagen ging.

Wie stark die Unterschiede zu anderen Regionen sind, macht der Migrantenanteil deutlich. In Deutschland beträgt dieser 19, in Hamburg 31, in Billstedt und Horn 50 Prozent. Viele der hier lebenden 109.000 Menschen sind arbeitslos und haben ein niedriges Einkommen.

Die Menschen sind häufiger krank und die Versorgung ist bislang deutlich teurer. Ein AOK-Versicherter in Horn und Billstedt kostet die Kasse 71 Euro mehr als ein Versicherter im restlichen Hamburg. Über das Jahr gesehen sind das 2,2 Millionen Euro zusätzlich.

Mit dem Projekt Invest sind die Partner in "Gesundheit für Billstedt und Horn" angetreten, solche Unterschiede zu verringern und die Chancen der Menschen zu verbessern. Die Partner sind das Ärztenetz Billstedt-Horn (60 Prozent des Gesellschaftsanteils), die OptiMedis AG (30 Prozent), die Stadtteilklinik Hamburg und der NAV Virchowbund (jeweils fünf Prozent).

Die Geschäftsführung liegt bei OptiMedis, das für Billstedt-Horn ein vergleichbares Modell wie im Gesunden Kinzigtal etablieren will – nur unter deutlich erschwerten Bedingungen.

"Die Herausforderungen sind deutlich größer, deshalb müssen wir mit unseren Interventionen früher ansetzen", sagte Dr. Helmut Hildebrandt von OptMedis der "Ärzte Zeitung".

Die wohnortnahe Versorgung soll durch zielgruppenspezifische Versorgungsprogramme, die Entwicklung von Behandlungspfaden, eine bessere Kommunikation zwischen den an der Versorgung Beteiligten, den Aufbau einer Kurzliegestation und die Sicherstellung der Arzneimitteltherapiesicherheit gestärkt werden.

Dazu werden IT-Lösungen vorangetrieben; so soll etwa der digitale Datenaustausch erleichtert werden. Ein weiterer Punkt ist die Vernetzung von Medizin und Gemeinwesen. In einem großen Einkaufszentrum ist die Einrichtung eines Gesundheitskiosks geplant, der ein Gesundheits- und Case-Management ermöglicht.

Mit Vereinen und Gewerbetreibenden sind Kooperationen geplant, Prävention und Gesundheitskompetenz sollen verbessert werden.

Hoch motivierte Ärzte

Die Ärzte vor Ort sind "hoch motiviert", versichert der Netzvorsitzende Dr. Gerd Fass. Und er stellt trotz erschwerter Arbeitsbedingungen klar.

"Wir lieben die Arbeit mit unserer multikulturellen Patientenklientel." Hilfreich sei, dass nun ein über das normale Maß hinaus gehendes Engagement künftig auch honoriert werden kann – wenn auch zu unterdurchschnittlichen Sätzen. "Kein Arzt wird reich, weil er sich in dem Projekt beteiligt", stellten die Partner klar.

Wichtig ist, dass die Arbeit in Billstedt-Horn evaluiert wird. Wenn die Erfolge sich wie im Gesunden Kinzigtal einstellen, könnten auch die Problemviertel in anderen Städten profitieren.

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