Ärzte Zeitung online, 27.02.2017
 

Versorgungsforschung

Diabetes wird Ärzten immer mehr Arbeit machen

Die Krankheitslast durch Diabetes hat zwischen 2009 und 2015 um rund zehn Prozent zugenommen. Das Zentralinstitut der KBV sieht eine wachsende Herausforderung für Vertragsärzte und andere medizinische Berufsgruppen.

Von Helmut Laschet

BERLIN. Die Prävalenz von Diabetes bei Kassenpatienten in Deutschland ist zwischen 2009 und 2015 von 8,9 auf 9,81 Prozent gestiegen. Bei einem leichten Rückgang der Häufigkeit von Typ 1-Diabetes von 0,33 auf 0,28 Prozent steigt ausschließlich die Zahl der an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankten Menschen.

Das geht aus einer neuen Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) hervor, die in der vergangenen Woche publiziert wurde. Sie beruht auf einer Auswertung der Abrechnungsdaten der Vertragsärzte und deren Kodierungen. Danach ist die Prävalenz von Diabetes Typ 2 deutlich höher, als bislang angenommen worden ist. Da – aufsetzend auf einer niedrigen Basis – Diabetes immer häufiger auch bei jüngeren Menschen unter 45 Jahren diagnostiziert wird, ist für die Zukunft mit einer längeren chronischen Krankheitsphase, einer steigenden Krankheitslast und einer steigenden Rate an Diabetes-bedingten Komplikationen zu rechnen, die das Versorgungssystem und insbesondere die Vertragsärzte belasten werden.

Generell steigt die Prävalenz von Diabetes überall. Aber es gibt erhebliche regionale Unterschiede: In den neuen Bundesländern einschließlich Berlin ist die Diabetes-Rate um rund ein Viertel höher als im Westen. Im Westen nimmt allerdings die Prävalenz etwas stärker zu. Auf Kreisebene ist die regionale Spreizung besonders ausgeprägt: Sie reicht von 6,5 Prozent im Minimum bis zu 14,2 Prozent im Maximum.

Jedes Jahr wird bei rund 500.000 Menschen Diabetes neu diagnostiziert. Die Inzidenz bei Männern ist deutlich höher als bei Frauen, in der Altersgruppe ab 40 Jahre ist sie in Ostdeutschland wesentlich größer als im Westen.

Als ein ernst zu nehmendes Problem werten die Autoren der ZI-Studie die Tatsache der steigenden Inzidenz von Diabetes bei jungen Frauen in Westdeutschland, der sich vermutlich fortsetzen werde. Eine Manifestation von Diabetes bereits in jungen Jahren führe zu einer längeren Krankheitsdauer und erhöhe die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen.

Die regional unterschiedlichen Häufigkeiten führt das ZI vor allem auf sozioökonomische Einflussfaktoren zurück: "Studien belegen, dass mit steigender sozialer Deprivation einer Region auch das Risiko steigt, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken."

Es könne vermutet werden, dass die hohe Prävalenz in Ostdeutschland darauf zurückzuführen sei, dass dort "derjenige Anteil der Bevölkerung besonders hoch ist, der sich nicht viel bewegt, sich ungesund ernährt, raucht und übergewichtig ist".

Die vorliegende Studie sei eine Basis, auch regionalen Handlungsbedarf zu identifizieren und lokale Initiativen zur Diabetes-Prävention zu fördern, schreiben die Autoren.

Stärken und Limitationen der ZI-Studie

- Vollerhebung der in der GKV versicherten Bevölkerung, die vertragsärztliche Leistungen in Anspruch genommen haben.

- Berücksichtigung aller kodierten Diabetes-Diagnosen.

- Prävalenzen alters- und geschlechtsspezifisch sowie regionalisiert bis auf Kreiseebene.

- Aktuelle Zeitreihen bis 2015 möglich.

- Aber Rückgriff auf Sekundärdaten, die nicht für wissenschaftliche Zwecke erhoben wurden.

- Mögliche leichte Überschätzung der Diabetes Typ 2-Prävalenz.

- Keine Repräsentativität für nicht in der GKV versicherte Bevölkerungsteile.

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