Ärzte Zeitung online, 24.10.2017
 

Bereitschaftsdienst

Reform alarmiert Gemeinden in Bayern

Bei der Neustrukturierung des Bereitschaftsdienstes in Bayern knirscht es. Ein Beispiel ist der Landkreis Miltenberg. Dort ist nur eine Bereitschaftspraxis vorgesehen. Der Bürgermeister der Gemeinde Amorbach im Odenwald begehrt auf. Er streitet für eine zweite Einrichtung.

Von Christina Bauer

Bereitschaftsdienst: Reform alarmiert Gemeinden

Infoblatt mit Einsatzzeiten des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. In Bayern regt sich gegen die Reform Protest.

© M. Reichel / dpa

MILTENBERG. Weniger Bereitschaftsdienstpraxen, größere Einzugsgebiete. Bayernweit sollen am Ende des Reformprozesses 110 Praxen, jede zuständig für bis zu 125.000 Bürger.

Der Bürgermeister der Gemeinde Amorbach im Landkreis Miltenberg, Peter Schmitt, hält das für zu wenig. Von einer wohnortnahen Versorgung könne dann keine Rede mehr sein. Die aber müsse auch außerhalb der Sprechzeiten gesichert sein.

Mit sechs weiteren Gemeinden hat sich Amorbach zur "Odenwald-Allianz" zusammengeschlossen. Mit der von der KV Bayerns (KVB) vorgesehenen Struktur sind sie nicht einverstanden. In der soll es nämlich nur im nördlichen Landkreis nur eine Bereitschaftspraxis geben, in Erlenbach. Die ist seit 2015 in Betrieb. "Der südliche Landkreis ist ausgedünnt, die Bürger müssen lange Wege in Kauf nehmen", konstatiert Schmitt.

5000 Bürger unterschreiben Petition

Daher möchte die Odenwald-Allianz eine zweite Bereitschaftspraxis in der Stadt Miltenberg. Sie soll als Teil eines regionalen Versorgungskonzeptes namens Campus GO realisiert werden, das unter anderem auch Gesundheitsförderung in Betrieben umfasst. Schmitt sprach mehrmals mit der KV, dem Bayerischen Hausärzteverband und anderen Akteuren.

Dem Gesundheitsministerium in München überreichte er im Herbst 2016 eine Petition mit fast 5000 Unterschriften. Eine mögliche Lösung sah er in einem Kooperationsvertrag mit der KV. Auf deren Aufforderung hin wurde Ende 2016 ein Businessplan für die hypothetische Praxis erstellt. Im März wurde das Vorhaben schließlich abgelehnt. Die KV hat die Sache abgehakt, wie Pressereferentin Birgit Grain auf Anfrage mitteilt: "Die Argumente (…) sind (…) umfassend ausgetauscht worden. Es gibt aus Sicht des Vorstands der KVB keinen Klärungsbedarf mehr."

Es soll also bei der vorgesehenen Struktur bleiben. Der zufolge zählen Aschaffenburg, Miltenberg und Main-Spessart ab Februar 2018 als eine Bereitschaftsdienstregion, mit insgesamt drei Praxen. Erlenbach war die erste, im Oktober soll die zweite in Aschaffenburg starten, im Februar 2018 eine dritte in Lohr. Mindestens 15 Ärzte sollen dann pro Praxis zuständig sein. So soll sich die Belastung besser verteilen und die Dienstfrequenzen sinken.

Laut KVB stand am Beginn der Umstrukturierung die häufige Klage von Ärzten, sie könnten die vielen Dienste nicht mehr stemmen. Schmitt entgegnet, die Ärzte, die an der Praxis in Miltenberg tätig werden sollen, seien mit dem Konzept der Odenwald-Allianz einverstanden.

Der Ärztliche Kreisverband Aschaffenburg hält das für keine gute Lösung. "Wir vertreten die Auffassung, dass eine zweite Bereitschaftspraxis im Landkreis Miltenberg die Dienstfrequenz der betroffenen Ärzte unnötig erhöht und die Entfernungen für die Patienten (...) nach Erlenbach zumutbar sind", sagt der Vorsitzende Jörg Frieß. Der Kreisverband nimmt an, dass Ärzte in einer zweiten Praxis in Miltenberg 30 Prozent mehr Dienste hätten als in Erlenbach.

Die KV erklärt auf Anfrage, dass Patienten auch die Bereitschaftspraxen in Erbach (Hessen) oder Buchen (Baden-Württemberg) aufsuchen könnten. Für einige Bürger im südlichen Landkreis Miltenberg wäre die Anfahrt kürzer. Schmitt entgegnet, relevant müsse die Situation im eigenen Bundesland sein.

Die bayerischen Praxen sind laut KV fast alle in einer festgelegten Fahrzeit von bis zu einer halben Stunde erreichbar. Schmitt wendet ein, in der Realität dauere das oft länger, bei winterlichen Straßenbedingungen bis zu einer Stunde. Nicht zuletzt fürchtet die KV, eine einzelne Zusatzpraxis, etwa in Miltenberg, könnte weitere Kommunen aktivieren.

"Letztendlich wäre vorstellbar, dass jede Kommune den Wunsch äußert, einen Bereitschaftsarzt am Ort zu haben", sagt Grain. Schmitt indes fordert, Kommunen sollten mehr Mitspracherecht erhalten. "Wenn ich im Gemeindetag mit Kollegen spreche, stellte ich fest, dass es eine große Wut auf die Monopolstellung der KVB gibt", so Schmitt. Der Sicherstellungsauftrag solle so geregelt werden, dass ihn auch Gemeinden übernehmen können.

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