Ärzte Zeitung online, 27.11.2017
 

Soziale Unterschiede

Diabetes-Versorgung fehlt, wo sie gebraucht wird

In sozialen Brennpunkten grassiert Diabetes häufiger als anderswo. Die ambulante Bedarfsplanung dürfte vor tiefgreifenden Veränderungen stehen.

Von Anno Fricke

Diabetes-Versorgung fehlt, wo sie gebraucht wird

Dort, wo die Ärzte für die Versorgung von Diabetikern benötigt werden, sind sie oft nicht vertreten, zeigt offenbar ein Gutachten.

© Wagner/stock.adobe.com

BERLIN. Aus gefühlter Evidenz wird ein Faktum: Einkommens- und bildungsschwache Menschen laufen stärker Gefahr, an Diabetes zu erkranken. Das werde aus einem noch unveröffentlichten Gutachten der Ludwig-Maximilians-Universität München hervorgehen, hat der Unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschuss Professor Josef Hecken beim 5. Cognomed-Branchentreff Diabetes angekündigt.

"Das Ergebnis wird sein, dass wir Prävalenzen haben, die unmittelbar in Zusammenhang stehen mit der Einkommens- und Bildungssituation bestimmter Bevölkerungsgruppen", sagte Hecken bei der Veranstaltung mit dem Titel "Diabetes in Deutschland – Trotz aller Behandlungsfortschritte kein Rezept gegen steigende Prävalenz?"

Eine weitere Erkenntnis aus dem Gutachten werde sein, dass ärztliche Versorgung regelhaft nicht dort angesiedelt sei, wo diese Bevölkerungsgruppen lebten, sagte Hecken.

Das Gutachten, dessen Veröffentlichung für Anfang 2018 erwartet wird, werde sich unmittelbar auf die anstehende Änderung der Bedarfsplanungsrichtlinie auswirken, kündigte Hecken an. Im Vorgriff habe man im Innovationsfonds ein Projekt in Hamburg ein Projekt aufgesetzt, um zu erproben, wie die ärztliche Versorgung solch "hoch volatile und progrediente Bevölkerungsgruppen" überhaupt erreichen könne.

Schüler sollten Gesundheitskompetenz lehren

6,7 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einem Diabetes, die überwiegende Zahl an Diabetes Typ 2.

Die beste Prävention gegen die gerade unter jüngeren Menschen zunehmende Prävalenz von Diabetes, Adipositas und Bluthochdruck liege möglicherweise jenseits des Sozialgesetzbuches V, sagte der GBA-Vorsitzende.

Statt Schüler über viele Wochen mit der Entstehung des römischen Kaisertums zu langweilen, wäre es besser, an den Schulen Gesundheitskompetenz zu vermitteln. Zudem müsse man dafür sorgen, dass an den Grund- und Hauptschulen keine Sportstunde mehr ausfalle sowie ausgewogenes Schulessen angeboten werden könne.

Die Zahl der an Diabetes erkrankten Menschen wächst fortlaufend. Täglich erkranken etwa 800 Menschen in Deutschland neu an Diabetes. Mehr als sechs Millionen Menschen leiden an einer Form dieser Stoffwechselkrankheit, 90 Prozent davon an Diabetes Typ 2, rechnet die Deutsche Diabetes Gesellschaft hoch. Das seien 40 Prozent mehr als vor 20 Jahren.

Diabesstrategie hebt noch nicht ab

Die Eindämmungsstrategien der Politik von Bund und Ländern gegen die Volkskrankheit halten bislang nicht im gleichen Maße Schritt. Die von der Großen Koalition angekündigte Diabetesstrategie kam nicht richtig ins Fliegen und landete kurz vor den Bundestagswahlen als eher unverbindliche "Allianz für Gesundheitskompetenz" aus Politik und Akteuren des Gesundheitswesens.

Auch die nächste Regierung wird sich daher nach Ansicht von Vertretern Medizinischer Fachgesellschaften der Ausbreitung alterungs- und armutsbedingter Krankheiten stellen müssen. Wie dies geschehen könnte, ist unter Gesundheitspolitikern noch nicht geklärt.

"Ob wir es schaffen, das Wort Diabetesstrategie in einen Koalitionsvertrag reinzuverhandeln, weiß ich nicht", sagte der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich bei der Veranstaltung. Auf einen Diabetesplan analog zum Nationalen Krebsplan mit seinen verbindlich umzusetzenden Handlungsfeldern wollte Hennrich schon gar nicht hoffen.

Beschäftigen wollten sich die Unions-Gesundheitspolitiker aber auf jeden Fall mit dem Aufbau von Diabetesregistern sowie der Reduktion von Fett, Zucker und Salz in Fertigprodukten, sagte Hennrich. Er setze dabei auf Aufklärung und Warnhinweise auf Lebensmitteln. Die Besteuerung zuckerhaltiger Lebensmittel betrachte er zurückhaltend, sagte Hennrich, ebenso knallharte Verbotspolitik.

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