Ärzte Zeitung online, 17.05.2018

Versorgung

Fantasie und Ausdauer in Grenzregionen gefragt!

Krankenversorgung funktioniert in vielen Randregionen Deutschlands längst über Staatsgrenzen hinweg. Egal ob in Praxen oder Kliniken, im Rettungsdienst oder in der Altenpflege: Probleme werden pragmatisch gelöst – und im Zweifel auf Englisch.

Von Michael Kuderna

Versorgung in Grenzregionen: Viel Fantasie und Ausdauer gefragt

Deutsch-holländisches Pflegeheim in Bocholt-Suderwick – der Durchgang verbindet Gebäudeteile in beiden Ländern.

© picture-alliance/ dpa

Die Vielfalt von nachbarschaftlichen, grenzüberschreitenden Kooperationen im Gesundheitswesen ist beeindruckend. Mehr Flexibilität zulassen – dieser Wunsch an die nationalen Regierungen verbindet alle Initiativen.

Europa als epochales Friedenswerk muss die Menschen bei ihren konkreten Bedürfnissen abholen. Und Bürgernähe lässt sich gerade im Sozialbereich gut realisieren lässt. Das hat der EU-Sozialexperte Dr. Günter Danner beim Saarbrücker Gesundheitskongress "Salut!" festgestellt.

Wie mühsam es aber in der Praxis ist, mit Gesundheit und Pflege Binnengrenzen in Europa zu überwinden, machte Pastor Helmut Dessecker deutlich: Um Menschen in Bocholt-Suderwick und dem niederländischen Ort Dinxperlo in einem kleinen Pflege- und Wohnhaus gemeinsam zu betreuen, wurden beidseits der Grenze Gebäude errichtet beziehungsweise modernisiert und durch eine Brücke verbunden.

"Das Wohnzimmer liegt auf der Brücke, die Kerzen stehen auf deutschem und die Blumen auf niederländischem Staatsgebiet, der Strom kommt aus Deutschland, Wasser aus den Niederlanden", erläuterte Dessecker. Der Brandschutz erreiche wohl nirgendwo sonst einen so hohen Standard, da er doppelten Vorgaben genügt.

Durch das Prinzip von zwei Briefkasteneingängen habe man es geschafft, die Problematik des überwiegenden Aufenthaltsortes einschließlich der unterschiedlichen Abrechnungssysteme zu umgehen.

Technik bereitet große Sorgen

Exemplarischen Herausforderungen sahen sich die Initiatoren einer besseren und schnelleren Versorgung bei Rettungseinsätzen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet gegenüber. Die Bedeutung des im vergangenen Jahr eingeweihten Koordinationszentrums in Furth im Wald ergibt sich aus dem Urlaubs- und Transitverkehr, Tausenden Pendlern und etwa 1000 grenzüberschreitenden Einsätzen pro Jahr.

Die sprachlichen Schwierigkeiten beim Personal machen Professor Dr. Horst Kunhardt von der TH Deggendorf dabei noch die geringsten Sorgen: Die jüngeren Kräfte verständigen sich notfalls auf Englisch.

Große Probleme gebe es dagegen bei den Unterschieden in Technik und Systemen, etwa in welches Telefonnetz man sich bei einem Notruf einwählt, welche Nummer die richtige ist, wie die Kodiersprache vereinheitlicht werden kann an oder wie man mit den unterschiedlichen rechtlichen Voraussetzungen zum Beispiel bei der Mitnahme von Medikamenten umgeht.

Bei vielen Details wurden aber offensichtlich bereits gute Lösungen gefunden oder auf den Weg gebracht. Dazu zählen die Entwicklung eines deutsch-tschechisch-englischen Praxiswörterbuchs, ein Klinikatlas mit Angaben, wo und in welchen Situationen welche Patienten aufgenommen werden dürfen, die gemeinsame Nutzung eines Rettungswagen-Simulators in Pilsen und Bemühungen um die Anerkennung von Berufsabschlüssen.

Der fachliche und sprachliche Austausch steht auch auf der Agenda einer Kardiologie-Partnerschaft an der deutsch-französischen Grenze im Saarland. Da auf französischer Seite kein Linksherzkatheter stationiert ist, kooperiert das Krankenhaus in Forbach mit dem Herzzentrum in Völklingen, das in akuten Fällen als Anlaufzentrum fungiert.

Zur Behebung einer Mangelsituation trägt auch das privat betriebene Gesundheitszentrum brandmed in der polnischen Stadt Slubice bei: da in Frankfurt an der Oder und dessen brandenburgischem Hinterland Fachärzte knapp werden, setzt die nahe der Oder-Brücke gelegene Einrichtung auf Patienten aus beiden Ländern. Das Personal des einem MVZ vergleichbaren Zentrums mit zahlreichen Fachrichtungen und Reha-Angeboten ist zweisprachig und verfügt über Zulassungen in Polen und Deutschland.

Für die Prüfung nach Deutschland

Wie gute Ideen und juristische Probleme manchmal unvereinbar scheinen, dieses Spannungsfeld aber pragmatisch umschifft werden kann, zeigt ein Ausbildungsprojekt für Mediziner im Praktischen Jahr mit luxemburgischer, saarländischer und lothringischer Beteiligung. Noch verfügt Luxemburg über keine medizinische Fakultät und Facharztausbildung.

Die Bereitschaft der Universität des Saarlandes, im Nachbarland eine Klinik als Lehrkrankenhaus auszuweisen, stieß sich nach Darstellung von Dekan Professor Michael Menger zunächst mit deutschem Recht, gelang dann aber doch nach mehreren Anläufen.

Da die Prüfungen in Deutschland abgelegt werden müssten, kämen die luxemburgischen Chefärzte und ihre Studierenden zu diesen Terminen eigens ins Saarland. Als Nächstes sei eine jeweils 25-Prozent-Beteiligung der Unis in Saarbrücken und Nancy am Aufbau einer Medizin-Fakultät in Luxemburg geplant. Dies führe nun jedoch im Saarland angesichts knapper Kassen zu Ärger mit anderen Fakultäten.

Nicht Umverteilungs-, sondern grundlegende Finanzierungsprobleme dürften die Ursache sein, dass privatwirtschaftliche Unternehmen bei grenzüberschreitenden Kooperationen eher selten eine Rolle spielen.

Damit Modellprojekte auch wirtschaftlich tragfähig werden, müssen diese schneller als bisher nach einer Testphase zügig in den Realbetrieb überführt werden. Eine wegweisende Initiative in dieser Richtung soll eine Kommunikations- und Service-Plattform zur digitalen Vernetzung von pflegebedürftigen Senioren im Saarpfalz-Kreis werden.

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