Ärzte Zeitung online, 11.03.2019

Patientenströme

Oft ohne Not in die Notaufnahme

Die Koalition bastelt in letzten Zügen am Terminservicegesetz. Doch viele Patienten sind auf eingetretenen Versorgungspfaden unterwegs – und die enden oft in der Klinik.

Von Florian Staeck

Der erste Weg führt oft in die Klinikambulanz

Bei einer Umfrage gaben 41 Prozent an, sich in der Notaufnahme besser medizinisch versorgt zu fühlen.

© Holger Hollemann / dpa / picture alliance

BERLIN. Notfallambulanzen in Kliniken haben sich als feste Anlaufstelle für Patienten etabliert, wenn Arztpraxen geschlossen haben. Das bestätigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse KKH.

Von 1003 befragten Personen im Alter von 18 bis 70 Jahre gaben 33 Prozent an, sie würden in diesem Fall den ärztlichen Bereitschaftsdienst aufsuchen (siehe nachfolgende Grafik). 29 Prozent der Befragten nannten die Notaufnahme als erste Anlaufstation – und zwar immer.

Unter den bis zu 30-Jährigen erklärten 41 Prozent derer, die tatsächlich eine Notaufnahme in den vergangenen fünf Jahren aufgesucht haben, Arztpraxen hätten zum jeweiligen Zeitpunkt offen gehabt.

Mit TSVG Fehlsteuerung beenden

Die Umfrageergebnisse lassen eine Fehlsteuerung erkennen, auf die die Koalition mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) eine Antwort geben will. Am Donnerstag will der Bundestag das Regelwerk abschließend beraten. Am Mittwoch legt der Gesundheitsausschuss letzte Hand an den Entwurf an.

Mit dem Gesetz sollen Terminservicestellen (TSS) ausgebaut und rund um die Uhr verfügbar sein. Zudem wird ihre Zuständigkeit auch auf Akutfälle ausgeweitet.

Die Koalition antwortet auf den hinhaltenden Widerstand gegen einzelne Regelungsteile des TSVG – so etwa die Ausweitung der Mindestsprechstunden von 20 auf 25 – mit zusätzlichen Vergütungsanreizen für Vertragsärzte: Nach den jüngsten Änderungsanträgen sind für die Behandlung von Neupatienten nicht mehr nur Zuschläge auf die jeweilige Versicherten- und Grundpauschale vorgesehen. Stattdessen wird das gesamte Paket nun extrabudgetär vergütet.

Zudem gilt ein Staffelmodell: Je zeitnäher Hausärzte nach der Vermittlung durch die TSS Neupatienten einen Behandlungstermin anbieten, desto höher – bis zu 50 Prozent – fällt der Zuschlag aus. Analoge Regelungen gelten für Fachärzte.

Auch Leistungen im Rahmen der offenen Sprechstunden werden im Umfang von bis zu fünf Wochenstunden aus der budgetierten Gesamtvergütung herausgenommen.

Bei der dringlichen Überweisung wird für Hausärzte der extrabudgetäre Zuschlag von fünf auf zehn Euro erhöht. Damit trägt die Koalition der Tatsache Rechnung, dass in KV-Regionen Zuschläge teils weit über fünf Euro etabliert worden sind.

41 Prozent fühlen sich im Krankenhaus besser versorgt 

Ob all dies reicht, subjektiv wahrgenommene Terminnöte zu lindern und ambulante Versorgungspfade aufzuwerten, ist fraglich. Denn die KKH-Umfrage liefert Indizien, dass die Gründe für den Ansturm auf Notfallambulanzen tiefer liegen: So erklärten 41 Prozent derer, die eine Ambulanz trotz geöffneter Arztpraxen aufgesucht haben, sie fühlen sich „in der Notaufnahme medizinisch besser versorgt“ (siehe nachfolgende Grafik).

Dagegen gaben nur 13 Prozent der Betroffenen an, bei der Notaufnahme vorzufahren, weil sie kurzfristig keinen Termin in der Praxis bekommen haben.

Einen gesicherten Effekt hat das TSVG auf jeden Fall: Mehrausgaben. Die Kassen geißeln die „Kostenexplosion“ durch das Gesetzeswerk und taxieren die Summe auf bis zu 1,2 Milliarden Euro jährlich.

Zum Vergleich: Der erste TSVG-Entwurf des Ministeriums ging von 600 Millionen Euro Mehrkosten aus.

Lesen Sie dazu auch:
Kleine Wehwehchen: Lieber Klinik statt Praxis
Kommentar: TSVG ist kaum die halbe Miete

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