Ärzte Zeitung, 03.07.2009

Medizintourismus läuft an

Behandlungen im Ausland werden immer mehr zur Normalität. Kassen schließen schon Verträge mit Leistungserbringern außerhalb Deutschlands ab.

Von Volker Rothfuss

Krankenhaus im Ausland: Bislang lassen nur wenige GKV-Versicherte Wunschbehandlungen außerhalb Deutschlands vornehmen.

Foto: les sanders©www.fotolia.de

Der europaweite Wettbewerb zwischen den Ärzten und die Frage, wie sich Medizin aus Deutschland weltweit exportieren lässt, beschäftigten als <> Themen den Kongress "TopClinica" in Stuttgart. Vor Hochmut warnend, erklärte dazu Uwe Klein von Health Care Strategy aus München: "High-End-Medizin gibt es heute überall!"

Ein Beispiel: Eine US-Dame im reiferen Alter berichtet im Internet euphorisch von der Operation in Indien. Ärzte dort hatten ihr einen Bypass gelegt, der Preis dafür betrug weniger als zehn Prozent der Summe, welche die Frau aus Oregon für dieselbe medizinische Versorgung in den USA hätte bezahlen müssen.

40 Millionen US-Amerikaner müssen in die eigene Tasche greifen, wenn es um eine Diagnose oder eine Therapie geht. Da spielt es schon eine Rolle, welche Zahl am Ende auf der Rechnung steht. Viele der besonders auf Thailand, Indien und Singapur verteilten Kliniken, die wegen der der gesundheitspolitischen Verhältnisse in den USA High-End-Medizin anbieten, werden von denselben US-Firmen betrieben, die zu Hause dieselbe Operation mit 90 Prozent Aufschlag anbieten, berichtete Klein.

Ein reger Austausch von medizinischen Dienstleistungen könnte auch in einem Europa der offenen Grenzen stattfinden. Legt man die derzeitige EU-Politik zugrunde, wird der Wettbewerb unter den Ärzten und Kliniken europaweit in den nächsten Jahren zunehmen. Dabei können Ärzte in Deutschland die Chance erhalten, neue Patienten aus dem Ausland zu gewinnen. Dasselbe gilt natürlich für ihre Kollegen im EU-Ausland. Deshalb müssen die deutschen Ärzte im Gegenzug fürchten, eigene Patienten an medizinische Versorger im Ausland zu verlieren.

Wettbewerb unter Ärzten soll zunehmen.

Claus Moldenhauer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DAK mit Sitz in Hamburg, erläuterte die derzeitigen Voraussetzungen für Auslandsbehandlungen. Bei medizinischen Leistungen in einem EU-Staat bestehe die Gefahr, dass GKV-Versicherte aus Deutschland auf einem großen Teil der Kosten sitzen bleiben. Denn die Kosten für Diagnose und Behandlung liegen im Ausland meist weit über dem, was eine deutsche Krankenkasse erstatten darf. Deshalb empfiehlt Moldenhauer den Abschluss einer privaten Auslandsreise-Krankenversicherung.

Wer sich auf eigenen Wunsch im europäischen Wirtschaftsraum (EWR) behandeln lassen will, müsse bei der Krankenkasse einen Antrag stellen. Eine Genehmigung, so Moldenhauer, "erteilen wir nur, wenn in Deutschland nicht angemessen gleich behandelt werden kann". Zudem nutzt die DAK die Möglichkeit, in einigen EU-Staaten und der Schweiz Verträge mit Leistungserbringern abzuschließen.

Außerdem kommen die Kassen auch noch für die Versorgung von Residenten auf, also jener Deutschen, die ihren Wohnsitz dauerhaft in einen EWR-Staat (EU-Staaten plus Island, Norwegen und Liechtenstein) verlegen, aber GKV-Versicherte bleiben. Über alle Kassen hinweg belaufen sich, so war auf der "TopClinica" zu hören, die jährlichen Ausgaben für die Behandlung von Touristen und Residenten auf 468 Millionen Euro, davon entfallen 1,8 Millionen Euro auf Wunschbehandlungen.

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