Ärzte Zeitung, 09.09.2009

"Wer auf Missstände frühzeitig aufmerksam macht, wird abgebügelt"

Dr. Rolf Ziskoven ärgert sich über die Debatte um illegale Zuweiserpauschalen. "Das Thema ist seit Langem bekannt," sagt er. "Aber plötzlich schreien alle entsetzt auf."

KÖLN (iss). Die aktuelle Debatte über illegale Zuweiserpauschalen von Kliniken an Niedergelassene ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten, ärgert sich Dr. Rolf Ziskoven, Allgemeinmediziner aus dem rheinischen Sankt Augustin. "Das Thema ist seit Langem bekannt, aber plötzlich schreien alle entsetzt auf."

Ziskoven weiß, wovon er redet. Vor zwei bis drei Jahren habe er selbst ein eindeutiges Angebot von einem Krankenhaus in Bonn erhalten, berichtet der Hausarzt. Das Schreiben der Klinik hat ihn empört. "Ich habe gedacht: Es kann doch nicht sein, dass für die Zuweisung von Patienten gezahlt wird." Ziskoven wollte nicht untätig bleiben und informierte die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein - wo er seit Langem Mitglied der Verterterversammlung ist -, die Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo), das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium und einige Krankenkassen.

"Fast alle haben abgewunken", sagt Ziskoven. Meistens habe die Argumentation gelautet, dass man den Vorgang geprüft habe, aber nichts unternehmen könne, weil sich die Klinik mit ihrem Vorgehen in einem Graubereich bewege. Die ÄKNo zumindest habe ein berufsrechtliches Verfahren gegen den Chefarzt einleiten wollen. "Doch auch daraus ist nichts geworden."

Ziskoven regt sich darüber auf, dass jetzt quer durch die Republik so getan werde, als habe niemand etwas von solchen Vorgängen gewusst. Dabei sind diejenigen, die jetzt am lautesten schreien, schuld an der Entwicklung, glaubt er. Der Gesetzgeber, die Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen hätten die Ärzte mit einem Wust von Gesetzen, Regelungen und Vorschriften überschüttet. Die Niedergelassenen seien mit immer neuen Vereinbarungen zu einzelnen Leistungsbereichen konfrontiert worden, wie Verträgen zur vor- und nachstationären Versorgung, zur hausärztlichen und fachärztlichen Versorgung, zur integrierten Versorgung und zu Disease Management Programmen. "Nur mit dem, was wir eigentlich machen sollen, können wir kein Geld mehr verdienen."

Auf diesem Wege würden immer neue Anreize und halb- bis illegale Umgehungstatbestände geschaffen, kritisiert Ziskoven. Dass es dabei zu Fehlentwicklungen komme, dürfe niemanden verwundern. "Wer auf Missstände aber frühzeitig aufmerksam macht, wird abgebügelt."

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