Ärzte Zeitung online, 30.07.2010

Südwesten: Eindeutiger Verlierer der Honorarreform

STUTTGART (HL). Die Gesamtvergütung der gesetzlichen Krankenkassen an die KV Baden-Württemberg ist im Gesamtjahr 2009 mit minus 0,1 Prozent auf 3,825 Milliarden Euro leicht rückläufig gewesen. Dabei sind allerdings schon 100 Millionen Euro berücksichtigt, um die die KV-Gesamtvergütung als Folge der Hausarztverträge bereinigt worden ist.

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Die höchsten Umsätze machten in den ersten drei Quartalen 2009 die neuen Bundesländer.

© Emil Umdorf / imago

Die Bilanz für das gesamte erste Jahr, in der die Honorare der Vertragsärzte nach einer neuen Systematik - basierend auf einer vorab festgelegten morbiditätsbedingten Gesamtvergütung und weiterem Honorar für mengenmäßig nicht begrenzte Leistungen - verteilt werden, hat der baden-württembergische KV-Vorsitzende Dr. Achim Hoffmann-Goldmeyer erneut zum Anlass genommen, die regionale Umverteilung zu kritisieren.

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Die Arzt-Honorare im Bundesländer- und Jahresvergleich.

© InBW

Baden-Württemberg steht dabei - auch ohne die Verluste der KV als Folge der Hausarztverträge - eindeutig als Verlierer der Honorarreform fest. Im Jahr 2008 erzielten die Ärzte in den ersten drei Quartalen noch einen GKV-Honorarumsatz von durchschnittlich knapp 147 000 Euro. Lediglich in Mecklenburg-Vorpommern war der Umsatz mit knapp 152 000 Euro höher.

In den drei ersten Quartalen 2009 realisieren Vertragsärzte in allen fünf neuen Bundesländern die höchsten GKV-Umsätze je Praxis (von 169 700 in Sachsen-Anhalt bis 155 614 Euro in Brandenburg).

Das Durchschnittshonorar eines Arztes in Baden-Württemberg ist hingegen um 3,06 Prozent auf 142 458 Euro gesunken. Darunter liegen nur noch die GKV-Umsätze in Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein.

Das Volumen der Honorarbereinigung für 2009 als Folge der Hausarztverträge gibt die KV mit 100 Millionen Euro an. Als Folge dessen ist auch das Umsatzvolumen je Hausarzt auf knapp 175 000 Euro im Durchschnitt gesunken.

Besonders hart betroffen sind einige Facharztgruppen: bei den Orthopäden und Augenärzten erleiden 95 Prozent aller Ärzte Verluste, bei den HNO-Ärzten sind es 93,4 Prozent, bei den Dermatologen 90 Prozent. Vereinzelt gab es in diesen Fachgruppen allerdings auch Gewinner, etwa bei Orthopäden, wenn diese in starkem Umfang Akupunkturleistungen abrechneten, die nicht budgetiert waren.

Insgesamt hat die Honorarreform in Baden-Württemberg vor allem der Grundversorgung Mittel entzogen. So sank die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung um 3,6 Prozent auf 2,89 Milliarden Euro. Hingegen nahmen die Honorare, die aufgrund freier Leistungen außerhalb der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung verteilt werden, um 8,7 Prozent auf 808 Millionen Euro zu. Dies hat weitere Umverteilungseffekte zur Folge, da budgetierte und nicht budgetierte Leistungen je nach Fachgruppe unterschiedlich erbracht werden können.

Gemeinsam mit der baden-württembergischen Landesregierung fordert die KV eine zumindest teilweise Revision der regionalen Umverteilung. Sie hält das Ausmaß, in dem die neuen Bundesländer begünstigt worden sind, für nicht gerechtfertigt. Der Vorsitzende der KV Brandenburg, Dr. Hans-Joachim Helming, reagierte prompt und wies auf den langen Nachholbedarf des Ostens hin.

[03.08.2010, 15:42:47]
Dr. Cornelia Karopka 
Teile und herrsche- das hat schon vor hundert Jahren gut funktioniert!
Als regelmäßiger Leser Ihrer Zeitung finde ich es sehr bedauerlich, dass die bloße Zurschaustellung der Honorare in BILD-Manier nicht zum Verständnis der Kollegen untereinander führt, sondern in bekannter Art und Weise früherer Zeiten zu Neid und Missgunst untereinander beiträgt.
Erwähnt wird dabei nämlich leider nicht, dass die Altersverteilung in den BL (zur Verdeutlichung habe ich mich näher mit Thüringen-meinem BL und Baden Württemberg beschäftigt, stellvertretend für die gesamte Problematik)eine höchst unterschiedliche ist, in Thüringen liegt z.B. der Anteil über 64-Jähriger (und damit eher multimorbider Patienten) bei 22,6%, in Baden Württemberg bei 19,2%. In Baden-Württemberg leben 301 Einwohner/km², in Thüringen 140/km². In Baden Württemberg versorgt 1 Arzt 603 Einwohner, in Thüringen 614- ältere, weiter auseinander lebende Einwohner. Die Folge davon ist, dass die Fallzahl in Thüringen (die KBV stellt leider nur die Zahlen der "neuen Bundesländer 2008"- ein Hohn zwanzig Jahre nach dem Beitritt- zur Verfügung) ca. bei 4283 Fällen/Jahr, in den alten Bundesländern zur selben Zeit bei 3340 Fällen liegt.
Glaubt man den Zahlen der KBV, dann lag der Fallwert im Jahr 2008 in den alten BL bei 57 Euro, in den neuen bei 48 Euro.
Da sieht es mit den Verlierern und Gewinnern doch schon etwas anders aus oder?
Vom unterschiedlichen Anteil an Privatpatienten, deren Honorar nirgendwo zu recherchieren ist (lediglich das Statistische Landesamt Baden Württemberg rühmt sich des hohen Anteils der PKV an den gesamten Gesundheitsausgaben des Landes), gar nicht zu sprechen.
Milchmädchenrechnung: wenn ich von 1000 behandelten Patienten 15% Privatversicherte betreue, dann bleiben nur 850 GKV Versicherte, für die das entsprechende Honorar gezahlt wird. Bei 3% Privatversichertenanteil in Thüringen sind das bei den selben 1000 Patienten 970 GKV Versicherte, mit denen selbstverständlich wohl auch ein etwas höheres Honorar erwirtschaftet werden sollte als mit 850 Patienten. Erwähnenswert in dem Zusammenhang auch wieder die Bevölkerungsdichte, da ja aus den Honoraren auch die Wegekosten bestritten werden müssen, welche nachweislich in Thüringen höher sein müssen bei geringerer Bevölkerungsdichte und höherer Einwohnerzahl pro Arzt.
Ich bin seit fast zehn Jahren in Thüringen niedergelassen, nachdem ich mein Studium 1990 beendet hatte und zehn Jahre in der Klinik gearbeitet hatte. Nie hatte ich in den vergangenen Jahren lesen können, dass die Kollegen aus dem Südwesten unsere "Osthonorare" unangemessen fanden. Nun, wo die "neuen Bundesländer" erstmals in den Honoraren pro versorgtem Patient angeglichen werden sollen, finde ich Proteste in allen Gazetten.
Und wer hier mit unterschiedlichen Nebenkosten aufwarten will, dem seien die Strom- und Wasserkosten, Versicherungen und Spritkosten sowie der bundeseinheitliche Manteltarifvertrag für Arzthelferinnen etc. zur Lektüre empfohlen.
Von "Verlierern" kann daher, meiner Meinung nach, bei den Baden Württemberger Kollegen ganz und gar nicht die Rede sein, höchstens von weniger großen Gewinnern in diesem Jahr.
Diese sind in den "neuen Bundesländern" genauso hoch wie in den alten.  zum Beitrag »

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