Ärzte Zeitung, 21.03.2012

Kommentar

Verständlicher Ärzte-Frust

Von Hauke Gerlof

Immer wieder Ärger mit der Plausibilitätsprüfung. Die Zeitvorgaben im EBM bringen gerade Ärzte mit hohen Fallzahlen - Stichwort "große Versorgerpraxis" - in die Bredouille.

Das zeigt auch der aktuelle Fall einer Ärztin aus Thüringen, die so viele Patienten behandelte, dass ihre Tagesarbeitszeit rein rechnerisch 24 Stunden überschritt.

Die Patienten aber akzeptieren offensichtlich die verkürzte Zuwendungszeit, sonst könnten sie ja zu einem anderen Arzt gehen. Und dafür sollen die betroffenen Ärzte mit fünf- oder sechsstelligen Regressen belegt werden?

Natürlich gibt es auch Ärzte, die es vielleicht nicht so genau damit nehmen, ob sie eine Leistung tatsächlich erbracht haben.

Doch gerade an den Plausizeiten zeigt sich, wie schwer sich Freiberufler eigentlich in ein Raster zwingen lassen - und es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die an vielen Stellen gedeckelten Vertragsärzte tatsächlich noch als Freiberufler bezeichnet werden können.

Die Logik von individueller Arbeit und Leistung ist eine andere als die der Abrechnung und die der Plausibilitätsprüfung.

So entstehen zwangsläufig Prüfergebnisse, die in vielen Fällen nicht gerecht sind. Der Frust der Ärzte über diese Drangsalierung ist nur zu verständlich.

Lesen Sie dazu auch:
Ärztin arbeitet mehr, als die Polizei erlaubt

[22.03.2012, 07:14:26]
Dr. Zlatko Prister 
Rechnerisch durchschnittlicher, ist ein schlechter Arzt
An dem Rechnerisch durchschnittlichen, also einem schlechten Arzt werden wir alle statistisch gemessen.
Das ist nichts neues.
Die guten Ärzte waren schon immer gegen die Zeitprofile.
Die Arbeit eines Arztes besteht aus medizinischer und nichtmedizinischer Arbeit. Die nichtmedizinische Arbeit macht zwischen 40 und 60 prozent der gesamten Arbeit aus und diese läßt sich automatisieren und an heutige Computeranlagen fast vollständig delegieren.
Der gute Arzt hat Erfahrung und ist gut organisiert.
Er braucht wesentlich weniger Zeit für ein hochwertiges Arbeitsergebnis als der rechnerisch durschnittliche Arzt aus der bütokratischen KV-Retorte.

Mit diesem System werden schlechte, langsame und schlecht organisierte ärzte gefördert.
Das war schon immer so.

Wir brauchen dringend eine ergebnisoffene Diskussion über die Effizienz und Qualität im ambulanten Sektor.
Die durschnittliche Effizienz einer KV-durchscnnittlichen (Haus)-arztpraxis landesweit ist eine nicht mehr hinzunehmende Katastrofe, die jeden Fortschritt behindert.
Die Hängemappe (Karteikarte, papiergebundene Patientenakte) ist eine Erfindung des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Sie ist leider immernoch die organisatorische Grundlage der meisten Arztpraxen in Deutschland.
Die Verpflichtung der online-Einreichung der Quartalsabrechnung ändert hier nichts.
Der nutzungsgrad von Computeranlagen in der durchschnittlichen Arztpraxis in unserem Lande ist jämmerlich niedrig geworden.

Wir brauchen einen gewaltigen Innovationsschub.
Das Geld ist da - im Überfluß.

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