Ärzte Zeitung, 10.10.2012

Honorar-Kompromiss

"Unterirdisch", "gut", "kurzfristig akzeptabel"

Die Einigung im Honorarstreit zwischen den Ärzten und Kassen ruft unterschiedliche Reaktionen hervor: Während bei den Ärzteverbänden kaum Freude aufkommt, sehen die Psychotherapeuten Licht und Schatten. Auch von den Politikern kommt ein geteiltes Echo.

"Unterirdisch", "gut", "kurzfristig akzeptabel"

Das künftige Ärzte-Honorar steht: KBV und Ärzte haben sich geeinigt. Das Resultat schmeckt aber nicht jedem.

© R. Emprechtinger / fotolia.com

BERLIN (af/sun). Die Einigung von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband im Honorarstreit hat ein geteiltes Echo hervorgerufen.

Ärzte und Kassen hatten am Dienstagabend einen Kompromiss gefunden: 1,15 bis 1,27 Milliarden Euro mehr erhalten die Vertragsärzte im kommenden Jahr.

Besonders Hausärzte, Psychotherapeuten und Fachärzte in der Grundversorgung stellen sich besser. Die Einigung im Erweiterten Bewertungsausschuss kam überraschend.

Eine gute Lösung sei gefunden, teilten KBV-Chef Dr. Andreas Köhler und Johann-Magnus von Stackelberg vom GKV-Spitzenverband in einer gemeinsamen Erklärung mit.

Die KBV erreichte eines ihrer Etappenziele: Antrags- und genehmigungspflichtige psychotherapeutische Leistungen sowie probatorische Sitzungen sollen aus dem Facharztbudget ausgedeckelt werden.

Zusätzlich stellen die Kassen 45 Millionen Euro für den erwarteten Behandlungsmehrbedarf und 85 Millionen für neue Therapeutensitze bereit, die in der laufenden Bedarfsplanung allerdings auf höchstens 1150 limitiert werden sollen.

Profitieren sollen auch Hausärzte, die Geriatrie- und Palliativpatienten betreuen. Ebenso Fachärzte in der Grundversorgung, die sich nicht auf eine einzelne Leistung spezialisiert haben. Sie sollen 250 Millionen Euro mehr erhalten.

Wie erwartet ändert sich am Orientierungspunktwert nichts mehr. Es bleibt bei den von Schlichter Professor Jürgen Wasem festgesetzten 0,9 Prozent Aufschlag, was rund 280 Millionen Euro ausmacht.

Mehr Geld zum Beispiel für die in den Ländern zu verhandelnden Zuschläge auf den Orientierungswert, darunter bis zu 200 Millionen Euro für die Landarztförderung, komplettieren das Paket.

Bahr: "Kein Glanzstück"

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) kritisierte die Verhandlungen zwischen Ärzten und Kassen. "Das war kein Glanzstück."

Der Kompromiss biete Spielraum für die regionalen Verhandlungen. "Ich erwarte, dass das Ergebnis nicht infrage gestellt wird", sagte Bahr.

Der Vorsitzende des NAV-Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich, dämpfte die Erwartungen. Die höheren Honorare bedeuteten nicht, dass Ärzte nun höhere Gehälter bezögen, sagte er.

Es gehe um einen Ausgleich für Mehrarbeit, Inflation und Kostensteigerungen. Die nun gefundene Lösung löse das Problem des Bezahlsystems nicht, sagte er dem Südwestrundfunk.

Als "kurzfristig akzeptabel" bezeichnete der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt die Einigung.

Grundsätzliche Probleme wie das Fehlen fester Preise für ärztliche Leistungen seien damit nicht gelöst. "Das gemeinsame Auftreten der Ärzteverbände hat sich als ausgezeichnetes Vorgehen gegen die Willkür der Kassen erwiesen", sagte er.

MEDI-Vorsitzender Dr. Werner Baumgärtner ist mit dem Verhandlungsergebnis unzufrieden: "Damit kommen in den Praxen in Baden-Württemberg durchschnittlich etwa 600 Euro mehr Umsatz im Monat an."

Licht und Schatten sehen die Psychotherapeuten im Honorar-Kompromiss: Die Ausbudgetierung der genehmigungspflichtigen Leistungen und probatorischen Sitzungen sei eine wichtige Grundlage dafür, die Versorgung zu verbessern, stellten Dieter Best von der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung und Jürgen Doebert vom Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten fest.

Die Zahl von 1150 zusätzlichen Therapeutensitzen halten sie für nicht ausreichend. Die Anhebung des Orientierungswertes um 0,9 Prozent führe zu lediglich 73 Cent mehr Honorar je Sitzung.

Politiker bewerten Ergebnis unterschiedlich

Die Meinungen in der Politik liegen weit auseinander: CDU-Politiker Jens Spahn begrüßte das "gute Ergebnis" für die ärztliche und psychotherapeutische Versorgung. Denn bald könnten sich mehr als 1000 neue Psychotherapeuten niederlassen.

"Die die Versorgungslast tragenden Ärzte werden von der Erhöhung des Orientierungswertes kaum etwas merken", kritisierte der FDP-Politiker Lars Lindemann. Angesichts der Kassenüberschüsse sei dieser Wert "unterirdisch".

Dass es nicht zu großen Ärztestreiks gekommen sei, fand der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Professor Karl Lauterbach "großartig". Die Höhe des Kompromisses zu kommentieren, stehe Politikern nicht an.

Das Ergebnis löse nicht das Problem der ungerechten Honorarverteilung innerhalb der Ärzteschaft, bemerkte Linken-Politikerin Martina Bunge. Sie forderte neue Anreizsysteme für die Ärztevergütung, zum Beispiel Bezahlung nach Qualität.

Ärzte und Kassen seien ihrem gesetzlichen Auftrag nachgekommen, begrüßte auch der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, der saarländische Gesundheitsminister Andreas Storm, das Verhandlungsergebnis.

Klare Verbesserungen für die Patienten sehen Kassen-Vertreter: Das Geld fließe als Folge dorthin, "wo die Patienten bisher schwer einen Termin bekommen haben", sagte AOK-Vorstand Uwe Deh.

Lesen Sie dazu auch:
Nach Honorar-Einigung: Mickriger Protest

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