Ärzte Zeitung, 10.10.2012

Honorare

Protest trotz Einigung

Nach dem Honorar-Kompromiss ziehen die groß angekündigten Demonstrationen nach Recherchen der "Ärzte Zeitung" vielerorts nur wenige Ärzte an. Die Allianz der Ärzteverbände spricht von zehntausenden Teilnehmern.

Mickriger Protest

Vor dem Gebäude der Techniker Krankenkasse in der Innenstadt von Frankfurt am Main ließen sich Arzthelferinnen und Ärzte von der eher geringen Protest-Beteiligung nicht entmutigen.

© Fuhr

BERLIN/FRANKFURT/MAIN (red). Die Allianz der Ärzteverbände hat sich auch nach dem unerwarteten Honorarkompromiss zwischen KBV und den Kassen für eine Fortsetzung der Protestaktionen entschieden.

Die Allianz kam mit Blick auf den Erfolg der bundesweiten Protestaktionen am Mittwoch zu einer positiven Einschätzung: Am Aktionstag "Praxis ohne Helferin" und an den Praxisschließungen hätten bundesweit zehntausende Praxen teilgenommen, heißt es in einer Pressemitteilung.

In diesen Arztpraxen habe ein eingeschränkter Betrieb stattgefunden, andere Praxen seien ganztags geschlossen gewesen.

"Heute haben wir einen eindrucksvollen Schulterschluss von Ärzten und Praxispersonal erlebt," erklärte Dr. Dirk Heinrich, Sprecher der Allianz der Ärzteverbände und Vorsitzende des NAV-Virchow-Bundes.

Dies solle ein deutliches Signal an die Krankenkassen sein, "dass Arzthonorare Praxishonorare sind und im Wesentlichen dazu dienen, den Betrieb der niedergelassenen Arztpraxen aufrecht zu erhalten".

Gesundheitsminister Daniel Bahr warnte davor, die Proteste der Ärzte überzubewerten.

"Am Mittwoch haben viele Arztpraxen ohnehin geschlossen. Zudem gab es nur eine überschaubare Anzahl an Aktionen. Ich erwarte, dass das Verhandlungsergebnis von Dienstagabend nicht infrage gestellt wird", sagte Bahr.

Rund 130 Demonstranten vor Zentrale des GKV-Spitzenverbands

Mickriger Protest

Demo vor dem GKV-Spitzenverband in Berlin. Trotz Einigung im Honorarstreit sollen die Proteste weiter gehen.

© David Vogt

Nach Beobachtungen der "Ärzte Zeitung" haben Kundgebungen in vielen Städten eine eher schwache Resonanz gehabt. Zu den beiden Protestkundgebungen in Berlin kamen am Mittwochmorgen Ärzte und Arzthelferinnen in überschaubarer Zahl.

Vor der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse zählte die Polizei etwa 60 Teilnehmer. Dort waren überwiegend Ärzte, darunter der Vorsitzende des Medi-Verbunds Berlin Dr. Matthias Lohaus.

"Das Honorarergebnis ist aus meiner Sicht völlig unzureichend, und ich verstehe nicht, wie sich die KBV darauf einlassen konnte", sagte Lohaus.

Vor dem Gebäude des GKV-Spitzenverbands in Berlin-Mitte hatten sich nach Polizeiangaben rund 130 Demonstranten versammelt.

Dort überwogen die Helferinnen. Sie protestierten mit Plakaten wie "Arzthonorare sichern Arbeitsplätze" oder "Patientenversorgung statt Bürokratie". Aber auch einige Ärzte waren erschienen.

Der organisatorisch verantwortliche Berliner Gynäkologe Dr. Axel Eisinger sprach von insgesamt 200 Teilnehmern.

Dass nicht mehr gekommen sind, führte er darauf zurück, dass viele zwar von der Einigung im Honorarstreit erfahren hätten, aber "ohne die genauen Zahlen zu kennen, die für die Ärzteschaft extrem unbefriedigend sind".

Vielerorts schwache Resonanz

Extra aus dem Havelland angereist war der 55-jährige Hausarzt Peter Steffen. Er nannte drei Gründe für seine Teilnahme an der Protestkundgebung: die Krankenkassen würden sich bereichern und Ärzte öffentlich diffamieren.

Hinzu komme: "Wir stellen Leistungen zur Verfügung, die nicht honoriert werden", sagte Steffen der "Ärzte Zeitung".

Eine bundesweite Recherche der "Ärzte Zeitung" zeigt, dass die Resonanz an vielen anderen Orten vor Verwaltungsgebäuden von Krankenkassen ähnlich gering war.

Hier einige Beispiele: Vor der TK Düsseldorf versammelten sich nach unseren Informationen etwa 50 Teilnehmer, bei der TK Aschaffenburg wurden "weniger als 100" Protestler gemeldet.

Beim Ersatzkassenverband vdek in München waren es 80 Demonstranten. AOK Cham: weniger als 50, AOK Dortmund: etwa 30, AOK Niedersachsen in Hildesheim: ein Arzt, 15 Helferinnen. AOK Rheinland/Hamburg in Solingen etwa 50, AOK in Dortmund: etwa 30, AOK in Roth: 20 bis 30, AOK Niedersachsen in Osnabrück: etwa 30 (überwiegend Helferinnen), DAK Oldenburg (etwa 50 Teilnehmer, überwiegend Helferinnen).

"Vielleicht ist die Luft raus"

Auch in Frankfurt am Main war das Interesse an der Protestaktion vor dem Gebäude der Techniker Krankenkasse mit etwa 60 bis 70 Teilnehmern eher gering.

"Es geht uns nicht nur ums Geld, es geht vor allem auch um den Kampf gegen Bürokratie, die unsere Arbeit immer stärker lähmt", sagte der Frankfurter Allgemeinarzt Jürgen Burdenski.

30.000 Formulare habe er im vergangenen Jahr in seiner Praxis ausgedruckt, "so kann es nicht weitergehen."

Dr. Lutz Müller, hessischer Landeschef des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, kann sich durchaus vorstellen dass die Honorareinigung zwischen KBV und GKV-Spitzenverband die Resonanz auf die Protestaufrufe beeinflusst hat.

"Vielleicht ist die Luft raus", sagte der Pädiater aus Offenbach.

So wie Hausarzt Burdenski rückt auch Müller den Sinn der Aktion noch einmal ins rechte Licht. "Wir sind nicht nur wegen des Geldes gekommen, es geht auch um überbordende Bürokratie", sagte er.

150 Ärzte und MFA in Essen

In Essen hingegen hat der erzielte Honorar-Kompromiss das Interesse an der Protestaktion der Ärzte nicht geschmälert. Mit rund 150 Teilnehmern war der Raum im Technologie- und Entwicklungs-Centrum zum Bersten voll.

Vor allem Medizinische Fachangestellte, aber auch eine Reihe von Haus- und Fachärzten wollten sich über die vertragsärztliche Grund- und Regelversorgung fortbilden.

Als Organisator der Veranstaltung führte Dr. Ludger Wollring, Obmann der Essener Augenärzte, die Informations-Hungrigen durch die komplizierte Materie der vertragsärztlichen Vergütung und die drängendsten Problemfelder.

Das Kernproblem sei, dass die Regel- und Basisversorgung unterfinanziert ist, betonte Wollring.

"Wir haben im Bereich der gesetzlichen Versicherung via der Kassenärztlichen Vereinigung eine Vergütung der Regelversorgung, die in fast allen Fachbereichen dem Wert von ein bis maximal drei Pizzen entspricht."

Angesichts der fehlenden Konvergenzregeln seien die Probleme der Ärzte in Nordrhein noch gravierender.

Sie haben nach Einschätzung Wollrings deshalb gar keine andere Möglichkeit, als aus der angespannten Honorarsituation endlich die Konsequenzen zu ziehen. Die Praxen können und müssen etwas tun, glaubt er.

"Wir sind keine Telefon-Callcenter"

Die niedergelassenen Ärzte sollten überlegen, ob sie viele Angebote und Dienstleistungen noch aufrechterhalten, die über die vertragsärztlichen Pflichten hinausgehen.

Handlungsmöglichkeiten sieht er bei der Einschränkung von Terminvereinbarungen und Übersetzungstätigkeiten, den Verzicht auf medizinisch nicht notwendige Check-Up-Leistungen, die Einschränkung von Haus- und Heimbesuchen oder die Reduzierung der Sprechzeiten und der Notdienstversorgung.

Schnell war klar: An praktischen Handlungsmöglichkeiten haben die Ärzte mehr Interesse als an den großen politischen Fragen oder am Berliner Verhandlungsergebnis.

Einig waren sich Haus- und Fachärzte, dass die Vermittlung und Gewährung schneller Termine für Wunsch-Überweisungen nicht ihre Aufgabe ist.

"Im hausärztlichen Bereich sind wir keine Telefon-Callcenter", sagte Hausarzt Dr. Ralph-Detlef Köhn.

Wunschverordnungen von Pflegediensten - etwas für ein Krankenbett - sollten die Kollegen nur noch auf einem grünen Rezept nachkommen, empfahl eine Internistin. "Bitte denken Sie daran: Mit der Pflegeversicherung haben wir keinen Vertrag."

Die Ärzte müssten ihre grundsätzliche Einstellung ändern, forderte eine Gynäkologin. "Wir müssen uns von dem Bild trennen, dass nur der ein guter Doktor ist, der dem Patienten jeden Wunsch erfüllt."

Mitarbeit: fuh/ami/sun/iss/al/liv

Lesen Sie dazu auch:
Honorar-Kompromiss: "Unterirdisch", "gut", "kurzfristig akzeptabel"

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