Ärzte Zeitung online, 22.08.2013

Durchgerechnet

So viel Honorar kostet Ärzte die Bürgerversicherung

Die Bürgerversicherung würde Ärzten Honoareinbußen bescheren - doch je nach Modell in unterschiedlicher Höhe. Wie viel jeweils auf der Strecke bliebe, haben Wissenschaftler jetzt errechnet.

Von Anno Fricke

So viel Honorar kostet Ärzte die Bürgerversicherung

Je nach Bürgerversicherungsmodell würden die Honorareinbußen der Ärzte unterschiedlich hoch ausfallen.

© caruso13 / fotolia.com

BERLIN. Die höchsten Honorareinbußen müssten niedergelassene Ärzte bei dem von der Linken präferierten Modell einer Bürgerversicherung hinnehmen.

Um zwischen 4,3 und sechs Milliarden Euro im Jahr würden bis 2030 die Honorare sinken, wenn alle Privatversicherten zu einem Stichtag in der Bürgerversicherung aufgenommen würden, prognostizieren Wissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen. Dies entspräche 17,2 Prozent des gegenwärtigen Honorarvolumens.

Käme es lediglich zu einem Aufnahmestopp in die PKV, wie Grünen dies vorschlagen, beliefe sich der Honorarverlust für den betrachteten Zeitraum auf Null bis 1,5 Milliarden Euro im Jahr.

Das SPD-Modell für eine Bürgerversicherung mit einmaligem Wahlrecht binnen eines Jahres würde nach diesen Berechnungen den Ärzten Honorarverluste bis 2030 von bis zu drei Milliarden Euro im Jahr bescheren.

Nicht in diese Szenarien eingerechnet haben die Gesundheitssystemforscher Leistungen oberhalb des GKV-Niveaus. Enthalten sind aber Faktoren wie "entgangene künftige Versicherte" und "künftige Ärzte".

Wasem: Privatversicherte werden bei Terminvergabe bevorzugt

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Entschiede sich der Gesetzgeber beim Übergang zu einem einheitlichen Vergütungssystem zur Kompensation der den Ärzten wegbrechenden Privathonorare, müsse er regeln, ob er den individuellen Honorarverlust ausgleichen wolle oder das Geld dem Versorgungsbedarf folgen lasse.

Die von den privaten Versicherern bezahlten höheren Honorare für Ärzte werden aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht aktuell negativ bewertet.

Es gebe eine hohe Korrelation zwischen kleinräumiger Angebotsdichte und dem Anteil von Privatversicherten, sagte der Gesundheitswissenschaftler Professor Jürgen Wasem am Mittwoch in Berlin.

Zudem würden Privatversicherte bei der Terminvergabe bevorzugt, erhielten mehr neue Medikamente und landeten schneller auf dem OP-Tisch als gesetzlich Versicherte, sagte Wasem bei der Euroforum-Konferenz "PKV aktuell".

Wasem, der auch Schlichter im erweiterten Bewertungsausschuss von Ärzten und gesetzlichen Krankenkassen ist, betonte, es sei nicht bekannt, ob Privatversicherte gesünder seien als Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen.

"Wir wissen nicht wirklich viel," sagte Wasem, der einräumte, dass seine Arbeit zu den Auswirkungen eines einheitlichen Vergütungssystems für Ärzte und Versicherte von der Techniker Krankenkasse gefördert worden sei.

PKV-Beiträge steigen in geringem Maße

Dass die Beiträge zur PKV im Alter für viele Privatversicherte zum Armutsrisiko würden, verwies Debeka-Vorstand Roland Weber ins Reich der Fabel.

Die allermeisten Privatversicherten zahlten auch im Alter Beiträge, die weit unter den Höchstbeträgen in der GKV lägen. Der Höchstbeitrag zur GKV liegt 2013 bei 610 Euro ohne Pflegeversicherung.

Die Beiträge stiegen in weit geringerem Maße, als dies in der Öffentlichkeit suggeriert werde, sagte Weber. Das Kapitaldeckungsverfahren sorge dafür, dass die Tarife der PKV unabhängig von Neuzugängen seien.

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