Ärzte Zeitung, 11.12.2013

Leitartikel

Keine Rolle rückwärts beim EBM

Die von KBV-Vize Regina Feldmann verkündete Einigung, dass der neue EBM weiterentwickelt wird, bringt Vertragsärzten an einigen besonders dringenden Stellen Entlastung. Der neue EBM wird bleiben, 2014 kommen die nächsten Änderungen.

Von Hauke Gerlof

Keine Rolle rückwärts beim EBM

Wie viel Euro springen im neuen EBM für Ärzte raus? Die Frage bleibt spannend.

© Becker&Bredel / imago

Bei Neuerungen am Abrechnungssystem der Krankenkassen sind die Reaktionsmuster im Kollektiv der Ärzte gut eingeübt: Diejenigen, die von den Änderungen im EBM profitieren, halten still, diejenigen, die tendenziell verlieren könnten, schreien laut auf.

Der Aufschrei mag legitim sein, der vielleicht entstehende Eindruck, Änderungen am System würden alle Vertragsärzte an den Rand des Ruins bringen, trügt allerdings.

Der Grund dafür liegt in der Natur der Sache: Am Ende geht es bei Änderung im EBM immer um die Verteilung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung, die von den Krankenkassen mit befreiender Wirkung gezahlt wird.

Das heißt, wenn eine Gruppe von Ärzten gewinnt, muss eine andere verlieren, denn die von den Kassen zu zahlende Summe ändert sich nicht, nur die Verteilung ändert sich.

Anders funktioniert dieser Mechanismus nur bei extrabudgetären Leistungen, zum Beispiel Präventionsleistungen wie dem Check-up 35.

Deshalb sind die Änderungen am EBM, die KBV-Vize Regina Feldmann nach einer Einigung mit den Krankenkassen auf Spitzenebene bei der Vertreterversammlung verkündet hat, noch mit Vorsicht zu genießen: Denn für die erreichten Verbesserungen im EBM ist bisher kein zusätzliches Honorar vereinbart.

Abstaffelungsregelung soll geändert werden

Zur Erinnerung: Die KBV-Vertreter hatten im September auch die Forderung aufgestellt, dass für die EBM-Änderungen zusätzliches Geld fließen müsse. Immerhin: Die Verhandlungspartner haben sich darauf verständigt, die Abstaffelungsregelung weiter zu entwickeln.

Ob daraus zusätzliches Honorar mobilisiert werden kann, bleibt abzuwarten. Die Änderungen sind zudem nicht amtlich, sondern müssen noch kurz vor Weihnachten im Erweiterten Bewertungsausschuss beschlossen werden - hier wird noch auf die genauen Formulierungen zu achten sein.

Einiges hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung in den Verhandlungen mit den Krankenkassen immerhin erreicht: Vertragsärzte, die die Vertretung von Kollegen im Urlaub oder bei Krankheit übernehmen, werden jetzt wieder etwas besser gestellt.

Die Abwertung der Versichertenpauschalen, auch der EBM-Nr. 03010, hatte gerade bei Vertretungen zu einer starken Benachteiligung der Ärzte geführt - in manchen KVen gab es deshalb auch schon Regelungen, die ähnlich wie die Einigung jetzt auf Bundesebene angelegt waren: Die Vorhaltepauschale (EBM-Nr. 03040) wird im Vertretungsfall jedenfalls hälftig zugesetzt.

Ärzte müssen Kröte schlucken

Auch die jetzt geplante Herausnahme der 20 Minuten Mindestkontaktzeit bei Abrechnung der neuen Gesprächsziffer (Nr. 03230) neben der Versichertenpauschale (Nr. 03000) macht manche Volte bei den Arzt-Patienten-Kontakten überflüssig.

Die Variante kurzer Kontakt am Anfang des Quartals mit Vereinbarung eines weiteren Termins im Verlauf des Quartals für die echte Behandlung - wohlgemerkt: um Zeit zu sparen! - ist damit nicht mehr für eine wirtschaftliche Praxisführung erforderlich.

Die Kröte, dass sich bei der Definition chronisch Kranker für die Abrechnung der Chroniker-Ziffern (03220 und 03221) das Rad nicht mehr zurückdrehen lässt, müssen die Ärzte offenbar wohl oder übel schlucken.

Der Nachweis der kontinuierlichen Behandlung wegen derselben gesicherten chronischen Krankheit ist nur mit hohem organisatorischem Aufwand zu erbringen; und so mancher dank guter medizinischer Betreuung perfekt eingestellte chronisch kranke Patient könnte bei der Abrechnung so durchs Raster fallen, weil er nicht oft genug in die Praxis kommt.

Mehr Anreiz, Qualität zu erbringen?

Ob das gerecht ist und ob es die richtigen Anreize setzt - hohe Qualität in der Patientenbetreuung zu erbringen - das werden die kommenden Quartale zeigen.

Honorarpolitik ist immer das Bohren dicker Bretter, das haben die vergangenen Jahre immer wieder gezeigt, in denen die KBV ja durchaus auch einige Erfolge vorzuweisen hat, zum Beispiel die Abkoppelung des vertragsärztlichen Honorars von der Entwicklung der Grundlohnsumme.

Trotz aller Schwächen des neuen Abrechnungswerks: Gut für die Praxen ist, dass die KBV-Vertreter nicht beschlossen haben, den neuen EBM zum Jahresende wieder auszusetzen.

Viele Hausärzte und ihre Praxisteams haben einiges an Geld und an Stunden investiert, um den neuen EBM zu lernen und für die Praxis klug umzusetzen.

Jetzt nach drei Monaten zu hören, alles sei umsonst gewesen, hätte die Glaubwürdigkeit der Ärztevertreter bei der Basis sicherlich nicht gesteigert.

Für die KBV ist es ein Desaster, dass sie gerade jetzt nach außen hin ein Bild der Zerstrittenheit abgibt. Wie sollen die schon im kommenden Jahr geplanten nächsten Änderungen im EBM den Ärzten vermittelt werden, wenn sich Hausärzte und Fachärzte gleich wieder in den Haaren liegen?

Und wenn gleichzeitig die eigenen Finanzen ins Visier der Steuerprüfer geraten sind? Ein wenig mehr Pragmatismus in der Vertreterversammlung und in der KBV-Spitze könnte nicht schaden.

Die erreichten Änderungen im EBM zeigen immerhin, dass die Sacharbeit noch nicht ganz in Vergessenheit geraten ist.

[11.12.2013, 09:44:05]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Was beim neuen Hausarzt-EBM einfach nicht in Ordnung ist!
Ich habe gestern folgendes Schreiben an die KBV, an die KVWL und nachrichtlich auch an die Ärzte Zeitung geschickt:

Betreff: Systematisches Abrechnungsproblem im Neuen-Hausarzt-EBM
Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit setzt ich Sie davon in Kenntnis, dass der neue Hausarzt-EBM mit seiner Systematik der GOP 03220 und 03221 einen systematischen Fehler aufweist. Diese sogenannte "Chronikerziffer" mit der beim Erstkontakt anzusetzenden GOP 03220 (13,00 Euro) wird in der Abrechnung zunächst korrekt dokumentiert.

Mit dem Zweitkontakt und der GOP 03221 (insgesamt 15,00 Euro) wird die vorgenannte GOP 03220 dokumentar- und ersatzlos gelöscht. Das Gesamthonorar für 2 Chroniker-Beratungen beträgt insgesamt 15 Euro. Die somit von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung veranlasste Regelung verstößt mit der fehlenden dokumentarischen Nachweisbarkeit der GOP 03220 gegen zivil- und strafrechtliche Vorschriften einer transparenten, nachvollziehbaren, rechts- und dokumentationssicheren Abrechnung ärztlicher Leistungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Oder sollte mit dieser irreführenden Abrechnungsregel für vertragsärztlicher Leistungen verschleiert werden, dass die 2. Chronikerberatung in Wahrheit nur mit 2,00 Euro bewertet wird?

Die neuen EBM GOP 03230/04230 kann man definitiv n i c h t "als Einzelleistung abrechnen". Denn Sie sind budgetiert und pro Patient pro Quartal nur h ä l f t i g abrechenbar. Sie betragen 90 Punkte (9,00 Euro); das Gesprächskontingent bei 1.000 Scheinen im Quartal beträgt 4,50 Euro (45 Punkte) vgl. www.kbv.de/honorar . Damit liegt der Arzt-Stundenlohn weit unterhalb von 27 bis maximal 54 Euro. Denn zwischen den theoretisch möglichen 6 Patienten pro Stunde sind Wechsel-, Dokumentations-, Verordnungs-, Therapie- und Rüstzeiten notwendig.

Wegen der Kürze der Zeit bis zur Abrechnung des 4. Quartals 2013 nach dem neuen Hausarzt-EBM erwarte ich einen rechtmittelfähigen Bescheid innerhalb 1 Woche.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Thomas G. Schätzler
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kleppingstr. 24
44135 Dortmund
0231 523002
0177 3316852
http://www.springermedizin.de/blog-schaetzlers-schafott/2856296.html
http://news.doccheck.com/de/blog/8-schaetzlers-blog-auf-doccheck/

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